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Fachgespräch | 09.12.2011

Integration der Gender-Dimension in der Forschung?

Die Genderforschung hat sich in der hiesigen Wissenschafts- und Forschungslandschaft vielerorts erfolgreich etabliert und institutionalisiert. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Netzwerken, Gender-Professuren, Studiengängen, Publikationen, Forschungsschwerpunkten und –programmen. Sie verhalfen dem Erkenntnis- und Innovationspotenzial der Genderforschung zu mehr Sichtbarkeit und Anerkennung. Gleichzeitig hat sich die Geschlechterforschung, vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften, immer weiter ausdifferenziert.

Von einer systematischen Verankerung von Genderforschung in Wissenschaft und Lehre, Forschung und Innovation sind wir dennoch weit entfernt. Große Unterschiede gibt es nicht nur in den einzelnen Disziplinen. Auch regional ist die Institutionalisierung sehr unterschiedlich vorangeschritten. Und auch in der Forschungsförderung des Bundes sind genderbezogene Forschungsansätze unterrepräsentiert. Das gilt sowohl für die Ressortforschung als auch für die High-Tech-Strategie der Bundesregierung.

Welche Maßnahmen und Konzepte zur Integration von Gender-Aspekten gibt es? Was hat sich in der Vergangenheit für ihre nachhaltige Implementierung als erfolgsversprechend bewährt? Wie ließen sich Genderforschung und Forschungsförderung systematisch miteinander verbinden? Diese Fragen erörterten wir bei einem öffentlichen Fachgespräch im Dezember 2011. Als Expertinnen auf dem Podium, zu dem Krista Sager, Sprecherin für Wissenschaftspolitik der grünen Bundestagsfraktion, nach Berlin geladen hatte, waren mit dabei:

  • Prof. Dr. Sabine Hark, Leiterin des Zentrums Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) TU Berlin und 1. Sprecherin der Fachgesellschaft Geschlechterstudien e. V.
  • Prof. Dr. Martina Schraudner, tätig u.a. in der Forschungsplanung im Bereich „Life Sciences“ der Fraunhofer-Gesellschaft e.V.
  • Dr. Sünne Andresen, Zentrale Frauenbeauftragte der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
  • Ulrike Gote MdL, hochschul- und medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag.

Das Fachgespräch knüpfte an ein Fachgespräch an, das im Juli 2011 unter dem Titel Wissenschaftssystem im Umbruch. Wie weiter bei der Gleichstellung? stattfand und zu dem ebenfalls ein Kurzbericht vorliegt.

Erfolgreich integriert oder unter ‚ferner liefen‘

Prof. Sabine Hark beschrieb in ihrem Eingangsstatement den Status Quo der Genderforschung und des Projekts der feministischen Wissenschaft als heterogen. In vielerlei Hinsicht könne die Entwicklung durchaus als eine Erfolgsgeschichte erzählt werden. Geschlechterforschung sei zu einem Faktor im akademischen Leben geworden. Andererseits stelle sich die Frage, ob die institutionelle Etablierung tatsächlich ein Indikator für tatsächliche Einflussnahme auf die Wissenschaft sei. Kann man wirklich von Veränderung, einem Paradigmenwechsel reden? Aus ihrem gewohnten Rhythmus scheinen die Disziplinen jedenfalls nicht gebracht worden zu sein. Von einer genuinen Berücksichtigung der Genderforschung sind sie weit entfernt.

Vielmehr, so Prof. Hark, sei ein „Zugleich von integrativen und ungebrochen entwertenden Tendenzen“ festzustellen, eine widersprüchliche „Allianz von Anerkennung und Entwertung“. Wie leicht ist es da, institutionelle Errungenschaften wie gut dotierte Genderprofessuren wieder zu kippen. Überlagert werde dieses Verschwinden durch Neues: Mit der Einführung neuer Statusgruppen gibt es nun beispielsweise befristete Juniorprofessuren mit Genderforschungsschwerpunkten. Ungebrochen unterdessen hält sich der alte Blick: Der „Sonderfall“ Geschlecht wird von Frauen bearbeitet, während Männer sich weiterhin dem „Allgemeinen“ der Wissenschaft“ widmen.

Genderforschung sichtbar machen und stärken – aber wie?

Was hilft, was hat geholfen, die tendenziell prekäre Situation der Geschlechterstudien zu verbessern? Prof. Hark verwies auf die noch nicht lang zurückliegende Gründung der wissenschaftlichen Fachgesellschaft Geschlechterstudien. Mit der Fachgesellschaft tritt ein neuer wissenschaftspolitischer Akteur ins Feld, der zur weiteren Sichtbarkeit der Geschlechterstudien beiträgt und deren Vernetzung vorantreibt.

Wirkungsvoll und mit seinem expliziten Schwerpunkt auch auf Genderforschung bundesweit besonders sei ferner das „Berliner Programm zur Förderung der Chancengleichheit für Frauen in Forschung und Lehre“. Bei den Förderungen wird besonderes Augenmerk auf nachhaltige strukturelle Veränderungen gelegt. Die Hochschulen müssen geförderte Maßnahmen zur Verankerung von Genderaspekten in Forschung und Lehre kofinanzieren. So etablierte sich z.B. mit Hilfe eine Anschubfinanzierung aus dem Programm das heutige Institut für Geschlechterforschung in der Medizin der Charité.

Prof. Martina Schraudner betonte daran anknüpfend die Bedeutung äußerer Faktoren für die Forschungsplanung von Instituten. Wichtiger Bezugspunkt hier seien beispielsweise die forschungsorientierten Gleichstellungsstandards der DFG. Die DFG-Standards fordern die Berücksichtigung von relevanten Genderaspekten als ein wesentliches Element für die Qualität von Forschung ein. Und sie gehen davon aus, dass sich eine Vielfalt von Forscherperspektiven positiv auf die Qualität von Forschungsvorhaben auswirken.

Impulse von außen setzen und damit Druck erzeugen, das ist der Ansatz, der auch an anderer Stelle verfolgt wurde. Prof. Schraudner erinnert daran, dass bereits im 6. EU-Forschungsrahmenprogramm das Benennen von Genderaspekten als „weiches“ Evaluationskriterium implementiert war. Tatsächlich fasst das Commitment, wonach die Berücksichtigung von Genderaspekten qualitätsverbessernde Effekte haben kann, allmählich immer weiter Fuß. Davon zeugen beispielsweise entsprechende Veröffentlichungen in einschlägigen Fachzeitschriften, wie im Medizinerjournal „The Lancet“.

 … und mit Blick auf neue Märkte?

Zusätzlich gewinnt das Innovationspotenzial von Gender für die Erschließung neuer Märkte an Interesse. Prof. Schraudner nannte unterschiedliche Projekte: Das Fraunhofer-Projekt „Discover Gender“ diente dazu, Innovationspotenziale für die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen bewusst zu machen, die sich ergeben, wenn Genderaspekte berücksichtigt werden. Auch das Projekt „Gendered Innovations“, von der Stanford Universität und der Europäischen Kommission finanziert, zielt auf die Entwicklung praxisnaher Methoden für die Berücksichtigung von Gender-Aspekten. Das laufende Fraunhofer Projekt „Discover markets“, so Schraubdner schließlich, widmet sich der Entwicklung von neuen Ideen von zukünftigen Märkten unter explizitem Einbezug unterschiedlicher Perspektiven im Vorfeld der Forschungsprozesse. Insgesamt ließe sich laut Prof. Schraudner beobachten, dass, hat ein Forschungsteam einmal die Genderrelevanz erkannt, die Umsetzung ins Forschungsdesign keine größere Schwierigkeit mehr darstellt.

Das Ganze im Blick behalten

Dr. Sünne Andresen stellte kritisch infrage, ob es – ausgehend vom Titel der Veranstaltung – tatsächlich „nur“ um die Integration „der Gender-Dimension“ in die Forschung gehen sollte. Denn das liefe auf eine Verkürzung hinaus. Geschlechterforschung ziele nicht nur auf Aspekte ab. Es gehe um eine wissenschaftskritische Perspektive, die Wissenschaft und Disziplinen als Ganzes im Blick hat: Wie beeinflussen Geschlechterverhältnisse die Forschung? Was zeigt sich in der personellen und finanziellen Ressourcenverteilung auf Hochschulebene? Korrespondiert z.B. die Einführung neuer Gender-Studiengänge mit einer entsprechenden Ressourcensicherung, sprich dem Zurverfügungstellen von Lehrpersonal? Das Berliner Landesprogramm zur Förderung der Chancengleichheit mit einem Fördermittelvolumen von mittlerweile 3,4 Millionen Euro jährlich war und ist hier für die Erschließung von Ressourcen von zentraler Bedeutung. Voraussetzung für die Schaffung dieses Programms vor über zehn Jahren, war, wie Dr. Andresen erinnert, dass verschiedenste Akteurinnen und Akteuere an einem Strang zogen: die politischen Fraktionen im Abgeordnetenhaus, die Landeskonferenz der Rektoren, die Landeskonferenz der Frauenbeauftragten an Berliner Hochschulen, Geschlechterforschungseinrichtungen, Senatsverwaltungen.

Wie ist es hinzubekommen, dass das Fehlen von Genderforschung zukünftig tatsächlich als Mangel angesehen wird? Forschungserkenntnisse in diesem Zusammenhang liegen, darauf weist Dr. Andresen hin, bislang nur wenige vor. Unabdingbar sind AkteurInnen, die für Implementierung und Bündelung sorgen. Das muss allerdings auch an der richtigen Stelle geschehen: Wenn Forschungsförderung immer mehr über wettbewerbliche Drittmittelvergabe läuft, wenn sich die Governance-Strukturen verändern, dann kommt es darauf an, hier mitzuspielen. Eine andere Voraussetzung ist, dass GutachterInnen in Auswahlgremien über entsprechende Gender-Kompetenz verfügen. Gendertrainings, regelmäßiges Monitoring und Überprüfen von Antragsverfahren auf strukturelle Diskriminierungen können flankierend hilfreich sein und erhöhen die Transparenz. Auch die DFG-Gleichstellungsstandards, die in ihrer Präambel sowohl Gleichstellung als auch Geschlechterforschung als bedeutsam für die Qualität von Forschung setzen, waren sicher ein wichtiger Schritt. Dr. Andresen weist allerdings darauf hin, dass sie mit Blick auf Genderforschung erst wirksam werden, wenn Aktivitäten in diese Richtung auch tatsächlich eingefordert und die Bewertungen bei Bewerbungen um Förderungen eine Rolle spielen.

Fehlen von Genderforschung als Mangel

Ulrike Gote gab einen Einblick über die Situation, wie sie sich mit Blick auf Genderforschung in Bayern darstellt. Zwar hatte 2008 eine Expertenanhörung zur Genderforschung im Forschungsausschuss des Bayerischen Landtags stattgefunden. Sie widmete sich dem Problem, wie Genderforschung nachhaltig auf Landesebene etabliert werden kann. Doch die mittlerweile neue Landesregierung hat die Impulse aus dieser Fachanhörung nicht aufgegriffen. Aus diesem Grund bleiben viele Fragen weiter unbearbeitet: Keine Evaluation, kein Controlling prüft, ob und inwieweit das Thema Gender als Querschnittsthema in Forschungsprogrammen der Ressorts inzwischen besser integriert ist. Eine Einschätzung darüber, welche positiven, welche negativen Auswirkungen die Umstrukturierungsprozesse an den Hochschulen auf die Verankerung von Genderforschung in den letzten Jahren hatte, fehlt. Offen bleibt bis heute, wie das Wissen um die Potenziale der Genderforschung in die scientific community kommuniziert wird. Dabei könnten hier, so Gote, bereits recht einfache Mittel helfen, die Sichtbarkeit zu verbessern, so z.B. Preise. Doch auch hier sieht es rar aus. Eine landesweite Koordinierungsstelle Genderforschung, die sicher bei vielen der offenen Fragen hilfreich sein könnte, gibt es in Bayern nicht.

Verbindlichkeit schaffen

Wie ist es möglich, in der Forschungsförderung des Bundes Genderforschung stärker zu verankern? Krista Sager griff an dieser Stelle das Stichwort der DFG-Gleichstellungsstandards noch einmal auf. Sie plädierte dafür, dass der Bund seine Projektförderung und Ressortforschung stärker an entsprechende qualitätssicherende Standards knüpft. Erfolgreich implementiert, können über solche Standards die Berücksichtigung von Genderrelevanzen als Kriterien in die Forschungsförderung einfließen.

 

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