In Wissenschaft und Forschung sind Frauen auch heute noch stark unterrepräsentiert. Gleichstellungspolitische Maßnahmen zeigen zwar Erfolge. Sie führten aber bislang nicht zur erhofften Trendwende in Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen.
Bundesregierung zur Rede gestellt
Zu Beginn der laufenden Legislaturperiode bekräftigte die schwarz-gelbe Koalition, ihren Beitrag für bessere Karrierechancen von Frauen in Wissenschaft und Forschung zu leisten. Was hat sich seitdem getan? Bündnis 90/Die Grünen befragten die Bundesregierung in einer gemeinsamen Großen Anfrage der Oppositionsparteien zu Sachstand und Beurteilung der Situation von Frauen in der Wissenschaft. Wir wollten Auskunft darüber, welche Handlungsfelder und Defizite, politische Instrumente und neue Perspektiven die Bundesregierung in diesem Bereich sieht.
Potenzial vergeudet, Barriere vor allem nach der Promotion wie die jetzt vorliegende Antwort zeigt
Die bereits bekannte Situation hat sich bestätigt und die Befunde sind alarmierend. Auch heute noch scheitern viel zu viele leistungsfähige Frauen an Rekrutierungs- und Bewertungsverfahren, die vor allem für Spitzen- und Leitungspositionen vorwiegend Männer bevorzugen. Insbesondere auf der Ebene von Leitungs- und Entscheidungspositionen im Wissenschaftssystem bewegen sich die Frauenanteile auf niedrigem Niveau. Aber auch in politiknahen Beratungskommissionen, in wissenschaftlichen Expertengremien oder, besonders ausgeprägt, in der industriellen Forschung sind Frauen rar. Aus dem pool of talents wird derzeit also nicht in einer Weise geschöpft, wie es möglich und angemessen wäre.
Die entscheidende Barriere liegt nach der Promotion: An dieser Stelle verlassen überproportional viele Frauen das Wissenschaftssystem. Diese leaky pipelinie im Wissenschaftsbereich bedeutet eine Vergeudung des intellektuellen Potenzials von Wissenschaftlerinnen. Gelingt es zukünftig nicht, mehr Wissenschaftlerinnen für verantwortliche Positionen zu gewinnen und die Unterrepräsentanzen zu überwinden, wird sich dies als bedeutende Innovations- und Qualitätseinbuße in Forschung und Wissenschaft auswirken, insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels.
Die Bundesregierung setzt kaum neue gleichstellungsorientierte Akzente
Die vorliegenden Antworten der Bundesregierung zeichnen ein ambivalentes Bild: Zwar liefern sie Informationen über eine Reihe von Gleichstellungsanstrengungen und Aktivitäten. Es war richtig, die gleichstellungspolitischen Initiativen der 16. Legislaturperiode, wie das Professorinnenprogramm oder das Förderprogramm „Frauen an die Spitze“ fortzusetzen. Nicht erkennbar ist jedoch eine weiterentwickelte eigene Strategie der Koalition, die mehr Verbindlichkeit schafft. Stattdessen verweist die Bundesregierung wiederholt auf die Selbstverantwortung der einzelnen Wissenschaftsorganisationen, -institutionen sowie deren Gestaltungshoheit.
Die Bundesregierung bezieht sich in ihren Antworten zur Großen Anfrage beispielsweise mehrfach positiv auf die DFG-Gleichstellungsstandards. Dann wäre es aber nur konsequent, wenn sie diesen Ansatz aufgreift und für ihre eigene Projektförderung oder auch der Ressortforschung entwickelt. Mit einem solchen Instrument könnte sie Förderentscheidungen u.a. an die Einhaltung gleichstellungsorientierter Standards knüpfen. Auch bei der Fortschreibung von Exzellenzinitiative, Pakt für Forschung und Hochschulpakt hätte die Chance bestanden, die Programme stärker mit gleichstellungspolitischen Zielen zu verbinden.
Festzuhalten bleibt, dass ohne eine erkennbare Strategie des Bundes, ohne verbindliche Zielvorgaben, positive Anreizsysteme und unter Umständen auch sanktionsbewehrte Maßnahmen, die strukturellen Hindernisse für Geschlechtergerechtigkeit nicht überwunden werden.

