Gleichstellungspolitik in der Wissenschaft steht heute vor neuen Herausforderungen. Ihre Rahmenbedingungen haben sich in den letzten Jahren tiefgreifend verändert: Zunehmende Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems, wachsende Autonomie der Hochschulen, New Public Management Strukturen und mehr Wettbewerb um Exzellenz, Ressourcen und Personal sind nur einige Stichworte, die den Wandel im Wissenschaftssystem beschreiben.
Wie kann sich Gleichstellungspolitik in diesem Feld erfolgreich behaupten? Wie reagiert der Wissenschaftsbereich seinerseits auf veränderte gleichstellungspolitische Anforderungen? Und was ist wissenschaftspolitisch nötig, um mehr Chancengleichheit an Hochschulen und außeruniversitären Einrichtungen zu erreichen?
Zu diesen Fragen diskutierten wir Anfang Juli 2011 mit Expertinnen, Akteuren und Interessierten bei einem dreistündigen Fachgespräch. Eingeladen hatte die wissenschaftspolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Krista Sager. Auf dem Podium waren als Sachverständige vertreten: Dr. Andrea Löther, stellvertretende Leiterin des CEWS, Marion Woelki, Vorstandsmitglied der BUKOF, Dr. Barbara Riesche, Referentin in der DFG-Geschäftsstelle, und Dr. Stephanie Dittmer, Bereichsleiterin Strategie bei der Helmholtz-Gemeinschaft.
Stand und Umsetzung aktueller Gleichstellungspolitiken
Über den Status Quo bei der Gleichstellung ergab sich aus dem Inputvortrag von Dr. Andrea Löther ein durchaus vielschichtiges Bild. Gemessen an den ursprünglichen Gleichstellungszielen, wie Antidiskriminierung, Teilhabe und Repräsentation von Frauen und die Ermöglichung echter Wahlfreiheit, zeigen sich positive, aber auch ernüchternde Befunde. Impulse, die dem Thema Gleichstellung in der Wissenschaft zu mehr Aufmerksamkeit und Wertigkeit verhalfen, gab es in der Vergangenheit einige: Dr. Löther verwies auf Empfehlungen zur Gleichstellung des Wissenschaftsrats, die Exzellenzinitiative, das Professorinnen-Programm und die DFG-Gleichstellungsstandards.
Wenig gleichstellungspolitische Impulse hingegen gab es in Richtung der außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Bei den Hochschulen wiederum ist zu beobachten, dass sie die gleichstellungspolitischen Instrumente wie das Professorinnen-Programm oder auch die Total E-Quality-Zertifizierung sehr unterschiedlich aufnehmen und nutzen. Das verweist auf Differenzierungsprozesse zwischen den Hochschulen und im Hochschulsystem insgesamt.
Die skizzierten Entwicklungen vollziehen sich vor dem Hintergrund zunehmender Autonomie der Hochschulen und einer Veränderung der Hochschulsteuerung. Nicht mehr staatliche Regulierung und akademische Selbstorganisation stehen im Vordergrund moderner Governance, sondern ein Höchstmaß an hierarchische Selbststeuerung, Wettbewerb und zielbezogener Außensteuerung.
Was heißt das nun für gleichstellungspolitische Strategien, Instrumente und Anreize? Dr. Löther plädierte für ein Mehr an strukturellen Veränderungen und Veränderungen in den Organisationen. Das bedeutet mehr Verbindlichkeit bei gleichstellungspolitischen Zielvorgaben für Hochschulen und außeruniverstären Einrichtungen, veränderte Personalstrukturen und eine Stärkung von Gleichstellung im Wettbewerb.
Chancen und Risiken des Wandels
Marion Woelki skizzierte anschließend Chancen und Risiken der Entwicklungen für gleichstellungpolitische Anliegen: Einerseits haben Wettbewerbe wie die Exzellenzinitiative, Professorinnen-Programm etc. dazu geführt, dass in vielen Bereichen deutlich mehr Ressourcen für Gleichstellung zur Verfügung standen und stehen. Gleichstellung avancierte zur Chefsache, wurde aufgewertet, professionalisiert und Teil des Wissenschaftsmanagements. Andererseits birgt dies auch die Tendenz einer Entpolitisierung von Gleichstellungsarbeit. Neue Gremien, die im Zuge der verstärkten Autonomie der Hochschulen relevant werden, eröffnen neue gleichstellungspolitische Allianzen, zum Beispiel neue Allianzen in Findungskommissionen. Gleichzeitig können neue und alte Gleichstellungsstrukturen und -konzepte aber auch in Konkurrenz zueinander geraten: Frauenförderung, Gleichstellung, Diversity-Ansätze.
Gleichstellungsstandards
Dr. Riesche stellte sodann die Entwicklung und Umsetzung der DFG-Forschungsorientierter Gleichstellungsstandards vor. Auf besonderes Interesse im Publikum stieß die Frage, inwieweit das Instrument der Gleichstellungsstandards als freiwilliger Selbstverpflichtung mit den Förderverfahren und –programmen der DFG verzahnt ist. Dabei wurde deutlich, dass zumindest von einer Indizwirkung auszugehen ist: Schließlich spielen in der Entscheidung über Anträge Gleichstellungskriterien eine relevante Rolle. Gute Ergebnisse im Rahmen der Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards können so positiv zur Geltung gebracht werden.
Talentmanagement
Dr. Dittmer schließlich gab Einblicke in den Ansatz, den die Helmholtz-Gemeinschaft im Bereich Gleichstellung verfolgt: als strategisches Talentmanagementmit dem Ziel, die Repräsentanz von Wissenschaftlerinnen deutlich zu verbessern. Maßnahmen gibt es sowohl an den einzelnen Helmholtz-Zentren als auch über den Impuls- und Vernetzungsfonds. Viel versprechend und stark nachgefragt entwickelt sich aktuell das Instrument der Stellen für exzellente Wissenschaftlerinnenim Rahmen eines "W2/W3-Programms": Dabei können zur Gewinnung exzellenter Wissenschaftlerinnen Mittel in Höhe von bis zu 750 000 Euro bzw. einer Million Euro eingesetzt werden, über einen Zeitraum von fünf Jahren.
Gleichstellungsgovernance
In der nachfolgenden Plenumsdiskussion wurden verschiedene Aspekte vertieft. Dabei kam zum Beispiel das Problem zur Sprache, dass an den Fachhochschulen der Prozess der DFG-Gleichstellungsstandards völlig vorbei ginge, so dass sich die Frage stellt, welche Impulse hier wirkungsvoll wären. Ein anderer Kommentar bezog sich darauf, dass es auch möglich sein muss, Gleichstellungserfolge zu befördern an Einrichtungen, die bislang wenig oder gar nicht von wettbewerblichen Verfahren profitieren. Mehr Verbindlichkeit in Form von überprüfbaren und sanktionierbaren Zielvereinbarungen einerseits, aber weiterhin auch selbstverpflichtende Instrumente wurden von vielen Teilnehmer/innen als wichtig auf den Weg zu mehr Gleichstellung gesehen. Die Herausforderung besteht also darin, intelligente Zielvorgaben verbindlich zu implementieren, die helfen, Erfolge zu messen. Zugleich gilt es zu überlegen, wie Gleichstellungsstandards nach dem Vorbild der DFG in die Forschungs- und Projektförderung des BMBF, aber auch in die übrige Ressortforschung eingehen können.

