Was mir ohne den Feminismus nicht passiert wäre ...
Ohne den Feminismus wäre eine "Bundestagsabgeordnete Katja Dörner" völlig undenkbar. Denn mein Lebensweg sähe mit größter Wahrscheinlichkeit so aus:
Im Jahr 1976 wurde Katja im kleinen Dorf Steinebach im tiefen Westerwald als Tochter eines Schweißers und einer Hausfrau geboren. Ihre Brüder durften Hosen tragen. Sie nicht. Ihre Brüder durften im Wald Ritter spielen und Schimpfwörter sagen. Sie nicht. Stattdessen ging sie mit ihrer Oma in die Rosenkranzandacht. Nach der Grundschule hielt sogar der Pfarrer sie für geeignet, das Gymnasium zu besuchen - doch das war für Katjas Eltern eine irrwitzige Vorstellung. Nach der Hauptschule hätte sie gerne eine Ausbildung gemacht, vielleicht im Einzelhandel. Aber das war für ihre Eltern nur verplempertes Geld und vertane Zeit: ihre Tochter heiratet ja sowieso. Das tat sie dann auch. Nach der Hochzeit hatte sie kein eigenes Konto. Über das Haushaltsgeld führte sie streng Buch. Und wenn sie einen neuen Pullover brauchte, musste sie erst ihren Mann fragen. Zum Glück hatte Katja bei der Auswahl ihres Gatten Geschick bewiesen. Aber wenn nicht? Tja, ohne eigenes Einkommen und ohne berufliche Perspektiven hätte sie sich wohl so Einiges gefallen lassen ….
Vielleicht wäre auch diese Katja ein zufriedener und glücklicher Mensch – ich kann es mir aber kaum vorstellen. Auch wenn mir diese "Lebensweg-Projektion" selbst überzeichnet vorkommt, sie ist es nicht. Vielmehr ähnelt sie stark dem Leben einer Verwandten, die nur rund vierzig Jahre älter ist als ich. Weil sie die fehlenden Chancen als Mädchen und Frau so ungerecht fand, setzte sie sich u. a. dafür ein, dass meine Mutter als erstes Mädchen in der Familie eine Ausbildung machen konnte. Mir sicherte sie stets jede finanzielle Unterstützung für mein Studium zu.
Ich war immer wütend, wenn ich die "alten Geschichten" gehört habe. Diese Wut war ein wichtiger Impuls, mich bei den Grünen zu engagieren. Auch wenn der Feminismus viel erreicht hat: Viele Ungerechtigkeiten und ungleich verteilte Chancen gibt es immer noch. Nicht zuletzt deshalb habe ich im Herbst 2010 mit 12 gleichgesinnten, jüngeren Grünenpolitikerinnen aus NRW in unserem Papier Feminismus: Ein Update dargelegt, warum der Feminismus immer noch wichtig ist und wie es jetzt weitergehen muss. Es ist traurig, dass unsere Frauenministerin Kristina Schröder zwar erklärt, dass sie selbst ohne den Feminismus niemals Ministerin geworden wäre, sie aber trotzdem vom Feminismus nichts wissen will!
