Unter dem Motto „Grün macht gesünder“ besuchten Elisabeth Scharfenberg MdB, Sprecherin für Pflege- und Altenpolitik der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestags und Carsten Meyer MdL, Sprecher für Haushalt und Finanzen, Medien sowie Bundes-, Justiz- und Europaangelegenheiten, Bündnis 90/Die Grünen Landtagsfraktion Thüringen am 12. Dezember 2011 drei Gesundheitsprojekte in Thüringen, um über Probleme, Chancen und Herausforderungen im Gesundheitsbereich zu diskutieren. Abends fand die Veranstaltung "Wie werden wir morgen gepflegt?“ in Erfurt mit Fachleuten statt.
Die erste Station der Tour war das mehrfach ausgezeichnete Projekt „Herbstzeitlose“ – Seniorenbegleiter im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt. In diesem Projekt unterstützen ehrenamtliche Begleiterinnen alleinstehende und hilfebedürftige Menschen im Alltag: sie lesen ihnen vor, machen gemeinsame Spaziergänge oder begleiten sie bei Arztbesuchen. Frau Pidun, die Begründerin des Projektes, betonte wie wichtig es ihr ist, die Begleiterinnen in Form einer Ausbildung auf ihre Aufgaben vorzubereiten und dann auch einzusetzen. Derzeit sind 80 Begleiterinnen bei 118 Menschen tätig. Elisabeth Scharfenberg machte deutlich, dass dieses Projekt ein gelungenes Beispiel für den Grundsatz „ambulante von stationär“ sei: „Jeder spricht davon, aber nicht jeder tut es“, betonte sie, „hier wurde dieser Grundsatz verwirklicht“. Und um die Nützlichkeit des Projektes zu unterstreichen berichtete ein 96 jähriger, rüstiger Herr, dass es auf seinen Gehstock verzichten kann, seit er an dem Projekt teilnimmt und eine Begleiterin hat.
Der nächste Tour-Stopp fand in Weimar bei der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung Thüringen e.V. – AGETHUR – statt. Die Landesvereinigung für Gesundheit wurde auch in anderen Bundesländern eingerichtet um die Gesundheitsförderung zu initiieren, voranzutreiben, zu koordinieren und zu vernetzen. Sie sind als Kontaktstelle für Schulen bezüglich gesundheitsfördernder Projekte Ansprechpartner und organisieren Arbeitsgruppentreffen der Kommunalen Gesundheitsförderung. Im Fokus stehen dabei vulnerable Gruppen wie Kinder und Jugendliche, Frauen, Senioren und Bevölkerungsgruppen in besonderen Lebenslagen.
Die dritte Station der Tour führte zur Kindertagesstätte Zwergenschloss, in der 50 Kinder von einem sechsköpfigen Erzieherteam betreut werden. Die Kita wurde 1950 gegründet und zu DDR-Zeiten die Wiege der geistigen Entwicklung und wurde überaus gefördert. Die Kindertagesstätte nahm auch an dem Projekt "GESUNDE KINDERTAGESSTÄTTE ERLEBEN UND GESTALTEN" der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung Thüringen e.V. teil. Bei diesem Projekt geht es um Gesundheitsförderung und Prävention im frühen Kindesalter. Besonderer Wert wird auf eine gesunde Ernährung, Bewegung und Spiel gelegt. Die Kinder lernen nicht nur, welche Gemüsesorten es gibt und wie sie aussehen, sondern auch, wie man aus Gemüse schmackhaftes Essen zubereiten kann.
Die letzte Station der Tour führte nach Erfurt. Dort fand die Veranstaltung "Wie werden wir morgen gepflegt? Demografischer Wandel und die Zukunft der Gesundheits- und Pflegeversorgung“ statt. Nach einer Einführung zum Thema von Elisabeth Scharfenberg, diskutierten Prof. Dr. Roland Schmidt, Lehrstuhlinhaber für Gerontologie und Versorgungsstrukturen an der Fachhochschule Erfurt, Thomas Engemann, Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa), Barbara Schumann, Schutzbund der Senioren und Vorruheständler Thüringen e. V., Erfurt und Elisabeth Scharfenberg MdB unter der Moderation von Carsten Meyer MdL über diese Frage.
Elisabeth Scharfenberg leitete mit Hinweis auf den Bevölkerungsrückgang durch niedrige Geburtenraten und die gleichzeitige Zunahme älterer Menschen durch die ansteigende Lebenserwartung in Deutschland ein. Neben diesem demographischen Wandel findet auch ein gesellschaftlicher statt: die Jüngeren verlassen die Region und suchen sich in den großen Städten Arbeit. Zurück bleiben die Älteren, die nur noch eingeschränkt von Ihren Kindern versorgt werden können. Was muss heute getan werden? Wir Grüne beschäftigen uns mit diesen Fragen und haben Ansätze entwickelt, die sich in vier Thesen zusammenfassen lassen: Erstens müssen wir uns bei all unseren Überlegungen konsequent am Nutzer orientieren. Zweitens: wenn man sich vor Ort in den Städte und Kommunen nicht für die Pflege und Altenhilfeplanung interessiert, wird es dort dazu kommen, dass die Kommunen auf lange Sicht finanziell für dieses Versäumnis gerade stehen müssen. Drittes: ohne die Unterstützung von Angehörigen und bürgerschaftlichem Engagement wird die Pflege auch in Zukunft nicht gesichert sein. Viertens: wenn wir in den nächsten 5 Jahren keine tiefgreifende Finanzreform in der Pflegeversicherung hinbekommen, dann ist diese in ernsthafter Gefahr.
Bei der nun folgenden Podiumsdiskussion betonte Prof. Dr. Roland Schmidt die Wichtigkeit Pflegebedürftigkeit zu verhindern bzw. so weit wie möglich hinauszuzögern. Seiner Meinung nach sollte es hier ein Anreizsystem für Ärztinnen und Ärzte geben. Ist die Pflegebedürftigkeit eingetreten, wird ein Pflegebedürftigkeitsbegriff benötigt, der den Pflegebedarf angemessen abbildet. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff muss dringend umgesetzt werden.
Thomas Engemann wies auf den Fachkräftemangel hin, der in den kommenden Jahren zunehmen wird. Als Gründe hierfür sieht er u.a. die kurze Verweildauer im Beruf und die schlechteren Verdienstmöglichkeiten, die in Thüringen knapp 20 bis 30 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegen. Demgegenüber steht der Trend, dass die Leistungen „von der Stange“ immer weniger geeignet sind, die Bedarfslagen abzudecken. Er plädierte für ein Leistungsangebot, das auf die tatsächlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist wie z.B. ambulante Intensivpflege. Doch das alles kostet – und ohne Finanzreform wird es nicht gehen.
Barbara Schumann nahm sehr praktische Fragen in den Blick: Wissen ältere Menschen, was ihnen im Bedarfsfall zusteht und welche Möglichkeiten sie haben? Ihre Einschätzung ist, dass es hier erhebliche Informationsdefizite gibt. Daher ist es wichtig in einen Austausch zu kommen und Begegnungen möglich zu machen, um zu informieren.
Auf die Frage „Wie wollen wir morgen gepflegt werden?“ gibt es sicherlich viele und sehr komplexe Antworten. Klar ist jedoch, dass alle Beteiligten einen Beitrag dazu leisten müssen, damit die enormen Herausforderungen geschultert werden können: die Politik, die Leistungserbringer, die von Pflegebedürftigkeit betroffenen Menschen und sicherlich auch die Gesellschaft, die entscheiden muss, was ihr eine menschenwürdige Pflege wert ist.










