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Hochschulzugang | 24.08.2011

Die Bildungshürde

Hochschulen zwischen Chaos und Kollaps

Gute Bildung entscheidet über Teilhabe und sozialen Aufstieg. An unseren Hochschulen studieren derzeit 2,2 Millionen junge Menschen – Tendenz steigend. Nach wie vor ist ein Hochschulabschluss die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und das Startkapital für einen gut bezahlten Job. Trotzdem hat Deutschland im internationalen Vergleich zu wenig Uni-Absolventen. Auch der hohe Qualitätsstandard der dualen Berufsausbildung kann diesen Akademikermangel nicht wettmachen.

Von der Qualität unserer Hochschulen hängt die Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft und Gesellschaft ab. Die Lösung globaler Menschheitsfragen und der ökologischen Transfor­mation braucht kluge Antworten aus Wissenschaft und Forschung. Ohne kreative Hochschulen ist ein Green New Deal undenkbar. Wer unser Hochschulsystem vernachlässigt oder es unterfinanziert, versündigt sich nicht nur an der jungen Generation, sondern wird steigenden Fachkräftemangel ernten. Schon heute fehlen in vielen Branchen und Regionen Akademiker – eine Lücke, die sich im Zuge des demografischen Wandels weiter vergrößern wird. Bildungsverlierer kann sich unsere Gesellschaft nicht leisten. Junge Menschen zurückzulassen verbietet sich aus sozialen wie aus ökonomischen Gründen.

Studierenden- Boom: Hochschulen zwischen Chaos & Kollaps

In jüngster Zeit steigt die Zahl der Studienberechtigten erfreulich an. Geburtenstarke Jahrgänge, doppelte Abiturjahrgänge und die überstürzte Aussetzung der Wehrpflicht führen zu einem anhaltenden Ansturm an Studienbewerbern. Bund und Länder versuchen darauf mit dem "Hochschulpakt 2020" zu reagieren. Der Pakt von Bundesbildungsministerin Schavan ist aber unterdimensioniert, das Geld reicht nicht aus, um genug Studienplätze zu schaffen. Vielerorts sind die Hochschulen dem Studierenden-Boom daher nicht gewachsen. Mehr als die Hälfte der Bachelorstudiengänge unterliegt mittlerweile einer Zulassungsbeschränkung durch einen lokalen Numerus Clausus. Das Abitur berechtigt längst nicht mehr zum Hochschulzugang, sondern eher nur zur Hochschulbewerbung. Die Pforte zum Uni-Campus wird für viele zum Nadelöhr.

Dieser Zustand wird durch ein bundesweites Zulassungschaos noch weiter verschärft. Denn die bessere Koordination der Hochschulangebote durch das "dialogorientierte Serviceverfahren" wurde aufgrund technischer Probleme um ein Jahr verschoben. Zwei weitere Semester werden also ins Land gehen ohne ein funktionierendes Hochschulzulassungssystem. So bewirbt man sich notgedrungen gleich an mehreren Universitäten, komplizierte Auswahlverfahren folgen. Studien­interessierte wie Hochschulen sind gleichsam Teilnehmer einer Studienplatz-Tombola, für beide ärgerlich und ineffizient. Alle Studienbewerber belastet dieser Zustand – manche schreckt der immense Aufwand ganz ab. Viele Bewerber können erst nachrücken, wenn das Semester schon begonnen hat. Zugleich bleiben Studienplätze unbesetzt – im letzten Jahr waren es 18.000.

Im Herbst werden erstmals rund 500.000 junge Studienberechtigte an die Hochschulen drängen. Aber mindestens 50.000 davon werden keinen Start ins Studium erleben, sondern in einer Warteschleife landen. Schuld daran ist eine Bundesregierung, die den eklatanten Studienplatzmangel verwaltet und das unzumutbare Zulassungschaos nicht löst. Anstatt beherzt zu reformieren und zu investieren, bleibt Bildungsministerin Schavan auf der Zuschauertribüne. Wenn der Wirtschaft weiterhin an allen Ecken und Enden die Fachkräfte fehlen, liegt das also auch am zögerlichen und schlechten Regierungshandeln.

Studienwahl im hochschulpolitischen Dschungel

Der Übergang von der Schule zur Hochschule ist eine zentrale Schnittstelle unseres Bildungssys­tems. Für Jugendliche ist kaum eine Entscheidung schwieriger als die Studienwahl. Wie soll meine Zukunft aussehen? Welcher Studiengang ist der richtige für mich? An welchem Studienort bewerbe ich mich – und wie überhaupt? Reicht mein Notendurchschnitt? Sich auf ein Studium festzulegen ist eine der folgenreichsten Entscheidungen für die individuelle Lebensplanung und Bildungsbiografie.

Die neue Bachelor-Master-Struktur hat das Studienangebot zwar vielfältiger gemacht. Über 9.000 Erststudiengänge an derzeit 355 Hochschulen stehen jungen Studienbewerbern hierzulande zur Auswahl. Doch ein wirklich mobilitätsfreundlicher, europäischer Hochschulraum wurde damit nicht geschaffen. Ohne Orientierung und Beratung sind die meisten Studieninteressierten und Studierenden verloren. Während früher das erste Semester noch der Orientierung diente, geht es heute direkt los. Mit der Bologna-Reform sind Arbeitsbelastung und Prüfungsstress für Studierende klar gestiegen.

Darüber hinaus ist ein Studium nicht gratis zu haben: Inklusive aller Kosten kommen leicht 50.000 Euro und mehr zusammen. Ein Problem für alle, deren Eltern keinen dicken Geldbeutel haben. Und eine Aufgabe für die Politik: Die Studienfinanzierung muss besser und gerechter werden.

Für viele Abiturienten wird sich in den kommenden Monaten die existenzielle Frage stellen: Bekomme ich überhaupt irgendeinen Studienplatz? Denn die überstürzte Aussetzung der Wehrpflicht stellt 150.000 junge Männer frei, die ebenfalls eine Ausbildung beginnen wollen. Ein Studium aufzunehmen ist für die meisten von ihnen erste Wahl. Was der schwarz-gelben Bundesregierung seit rund einem Jahr bekannt ist, gibt Frau Schavan keinen Anlass zum Handeln. Ein Notfallplan zum beschleunigten Uni-Ausbau existiert jedenfalls nicht.

Grüner Hochschulpakt – für Qualität in Lehre & Studium

Der Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern sollte die steigende Nachfrage nach Studienplätzen befriedigen. In seiner jetzigen Form ist er jedoch allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein, das zeichnete sich schon in der ersten Phase von 2005 bis 2010 ab. Und Pakt I war mehr als schlampig geplant, da die Hochschulen bundesweit fast doppelt so viele Studienanfänger aufgenommen haben als vorgesehen. Daher müssen jetzt unverzüglich realistische Prognosen der Studienbewerberzahlen auf den Tisch, um den Uni-Kollaps und die zigfache Vergeudung von Bildungschancen zu verhindern. Wir gehen von mindestens 400.000 zusätzlich benötigten Plätzen für Studienanfänger bis 2015 aus. Es wäre fatal und aberwitzig, Zehntausende Studierwillige vor verschlossenen Hörsaaltüren stehen­zulassen, während die Wirtschaft händeringend nach Fachkräften sucht. Die junge Generation braucht jetzt das klare Signal, ihre Studienberechtigung tatsächlich einlösen zu können. Bund und Länder müssen den Hochschulpakt daher nachverhandeln, um ihrer gesamtstaatlichen Verantwortung für mehr Studienplätze und ein effizientes Vergabesystem gerecht zu werden. Vor allem die Flächenländer Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg gehen hier bereits mit gutem Beispiel voran.

Unser Vorschlag ist ein grüner "Pakt für Qualität in Lehre und Studium". Er soll ausreichend Plätze aufbauen und die Qualität steigern. Ein erfolgreiches Studium braucht eine ausreichende Zahl von Professuren und Dozenten sowie bessere Betreuungsrelationen. Wir wollen weg von der Mängelwirtschaft. Das Ziel sind bessere Studienbedingungen für alle und die sys­tematische Förderung herausragender Lehrangebote. Dazu gehören innovative Lehrkonzepte, eine bessere Studieneingangsphase und soziale Infrastruktur – vom studentischen Wohnen bis zur Studienberatung. So ein umfassender Ansatz wird auch der Tendenz entgegenwirken, ein begonnenes Studium vorzeitig abzubrechen.

Master-Desaster vor der Tür

Daneben braucht es als Sofortmaßnahme eine "Masterplatz-Ausbauoffensive". Andernfalls schlittern wir in ein bis zwei Semestern in ein Master-Desaster hinein. Nach unserer Vorstellung sollen Bachelor-Absolventen grundsätzlich ein Masterstudium anschließen können. Wir rechnen damit, dass zwei Drittel bis drei Viertel diese Möglichkeit nutzen möchten. Dagegen ist die Übergangsquote der Kultusministerkonferenz mit 50 Prozent viel zu niedrig angesetzt.

Auf die Studienberechtigten könnten schwere Zeiten zukommen: mit flächendeckenden Einser-NCs, Warteschleifen und noch schlechteren Studienbedingungen – wenn der Hochschulpakt nicht bald im grünen Sinne aufgestockt und verbessert wird.

Zulassungen: bundeseinheitlich statt chaotisch

Die Lösung des Zulassungschaos ist für Studienbewerber und Hochschulen überfällig. Studienberechtigte sind keine Versuchskaninchen, sie haben ein Recht auf ein funktionierendes Einschreibe- und Zulassungsverfahren. Solange das neue Zulassungsverfahren in Testläufen nicht funktioniert, wäre sein Start unverantwortlich. Wir wollen schnellstmöglich ein bundesweites dialogorientiertes Serviceverfahren, das technisch funktioniert und unbürokratisch hilft. Sollten sich die bestehenden Software-Probleme nicht in Kürze überwinden lassen, muss ein wirksamer Plan B her. Bewerber und Hochschulen brauchen jetzt Verfahrenssicherheit. Das bedeutet bundeseinheitliche Zulassungsregeln durch einen Bund-Länder-Staatsvertrag, ein funktionstüchtiges und leistungsstarkes System mit transparenter Studienplatzvergabe sowie eine verbindliche und ausfinanzierte Teilnahme aller Hochschulen. Insellösungen, an denen sich nur einige Hochschulstandorte beteiligen, brächten der jungen Bildungsgeneration keine nennenswerte Verbesserung.

Koalition Chancentod

Statt planvoll und beherzt zu handeln, redet sich die Bundesregierung die Lage an den Hochschulen schön. Das gilt auch für die Bologna-Reform: Die dringend notwendigen Korrekturen bleiben ebenso aus wie Verbesserungen bei der Umsetzung. Schwarz-Gelb kommt mit der schwierigen Situation nicht zurecht und schiebt die Verantwortung den Ländern zu. Das ist doppelt perfide: Denn die Länder und Hochschulen müssen bereits Geld für neue Studienplätze vorstrecken und auf eigene Rechnung in Vorleistung gehen. Damit nicht genug, droht die Koalition mit geplanten Steuersenkungen die Unterfinanzierung des Bildungs- und Hochschulsystems weiter zu verschärfen. Es ist pure Heuchelei, Länder und Kommunen zu höheren Bildungsinvestitionen aufzufordern, wenn man ihnen gleichzeitig Steuereinnahmen in Milliardenhöhe entzieht und sie damit finanziell handlungsunfähig macht.

Uni öffne dich – grüner Ausbau für sozialen Aufstieg

Ein entschiedener Aufbruch in die Wissensgesellschaft, der mehr jungen Menschen ein Studium ermöglicht, verlangt mehr. Die Politik muss sich zu einem strategischen Ausbau unseres Hochschulsystems und zu mehr Investitionen bekennen. Wir Grüne im Bundestag wollen aber auch eine soziale Öffnung der Hochschulen. Es muss gelingen, mehr junge Menschen aus Nicht-Akademiker-Elternhäusern für ein Studium zu gewinnen. Wir wollen Zugangshürden abbauen, damit der Aufstieg durch Bildung nicht blockiert bleibt. Ein Studium darf kein Privileg für Begüterte sein. Studiengebühren sind eine ungerechte Campus-Maut und gehören abgeschafft – das Saarland, NRW und bald auch Baden-Württemberg machen es vor. Um bislang unterrepräsentierte Gruppen stärker zu fördern, wollen wir das BAföG weiterent­wickeln: In einem Zwei-Säulen-Modell kombinieren wir elternunabhängige und bedarfsabhängige Elemente – mit einem Sockel für alle und einer starken sozialen Komponente.

Gesellschaftliche Vielfalt muss endlich auch auf dem Campus ankommen. Sie ist nicht nur ein zentrales Gerechtigkeitsleitbild, sondern trägt auch zu mehr Exzellenz und Qualität an den Unis und Fachhochschulen bei. Wir wollen sozial geöffnete Hochschulen, die kulturelle Vielfalt wertschätzen und allen gesellschaftlichen Gruppen offenstehen, die Inklusion, Geschlechtergerechtigkeit und Familienfreundlichkeit ernst nehmen. Das macht sie letztlich auch demokratischer und internationaler. Unser Bildungs- und Hochschulsystem muss durchlässiger und leistungsfähiger werden – erst dann kann von einer "Bildungsrepublik Deutschland" die Rede sein. Noch sind wir davon meilenweit entfernt.

in: profil GRÜN, Ausgabe September 2011

 

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