Fachtagung der grünen Bundestagsfraktion am 10. Dezember 2010
Erste Fragestellung der Fachtagung „Inszenierte Feindschaft?“ war diejenige nach dem Feindbild Islam im Westen, insbesondere angesichts der Herausforderung der Integration. Weitere Themen waren das Feindbild Westen in der islamischen Welt und schließlich die Brücken, die Kunst und Geschichte bauen können. Die Konferenz, die schon vor der aktuellen Debatte geplant wurde, hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Hintergründe der "Inszenierten Feindschaft" zu analysieren. Die grüne Bundestagsfraktion hatte deshalb Gäste aus verschiedenen Ländern und mit verschiedenen persönlichen Hintergründen eingeladen.
Panel 1
Die Referentinnen und Referenten der ersten Runde brachten drei sehr verschiedene Perspektiven auf die Rolle des Islam in Europa und den USA ein. Tamar Jacoby, Direktorin der Nichtregierungsorganisation ImmigrationWorks und derzeit Fellow an der American Academy in Berlin, richtete den Blick auf die Situation in den USA. Dort spielte der Islam in der Integrationsdebatte lange Zeit keine wesentliche Rolle: Ganz in der Tradition des "Melting Pot" wird die Religionszugehörigkeit bei Volkszählungen nicht erfasst, sodass die Schätzungen über die Zahl der Muslime im Land stark schwankt, zwischen zwei und fünf Millionen, und damit bei nur etwa 1-2% der Gesamtbevölkerung liegt. Diese Menschen gehören meist zur oberen Mittelschicht und haben laut Studien keinerlei Hang zur Gruppenbildung. Diese positive Lage habe sich seit dem 11. September 2001 aber graduell geändert. Die Regierung habe damit begonnen, die amerikanischen Muslime gesondert zu erfassen, und damit die Normalität aufzubrechen. Muslime würden zunehmend diskriminiert und griffen in Folge dessen vermehrt auf die muslimische Facette ihrer Identität zurück. Man könne derzeit gleichsam "eine ethnische Gruppe in der Entstehung" beobachten.
Fouad Allam, Italiener algerischer Herkunft, der in Triest und Urbino Soziologie unterrichtet und für verschiedene große italienische Tageszeitungen schreibt, legte dar, wie diese Gruppenidentität in Europa durch die Rechtstradition des Islam bestimmt wird. Während in den Herkunftsländern der MigrantInnen die Religion in einen kulturellen Zusammenhang eingebunden sei, fehle dieser Zusammenhang in der neuen Heimat. Es erfolge dadurch eine Rückbesinnung auf die Traditionen des Islam, die in besonderem Maße Rechtstraditionen seien. Und diese Rechtstraditionen befänden sich in einer tiefen Krise, deren Überwindung einer großen intellektuellen Anstrengung bedürfe. Der Anschluss an die dominante Kultur der neuen Heimat werde zudem durch die mangelnde Repräsentation der Muslime dort erschwert. Als Beispiel nennt Allam die nationalen Parlamente, die er als Spiegel der Gesellschaft sieht. Dass dort Muslime so gut wie nicht vorhanden seien, wertet er als Anzeichen für mangelnde gesellschaftliche Präsenz: "Wenn Du dort nicht vertreten bist, dann gibt es Dich nicht."
Die Fixierung auf die muslimische Identität konstatierte auch Jörg Lau, der dritte Redner des ersten Panels. Er ist außenpolitischer Korrespondent der Wochenzeitung "Die Zeit" in Berlin. Es werde in der Einwanderungsdebatte nur noch über Muslime gesprochen, bzw. über muslimische Identität. Dies bedeute, dass sich selbst Atheisten als "Ex-Muslime" bezeichnen müssten, um in der Diskussion Gehör zu finden. Diese Fokussierung auf das religiöse Merkmal werde dann in einer häufig tendenziösen Berichterstattung zugespitzt, die den Islam als bedrohlich und fremd charakterisiere. Dieser einseitige Blick sei auch durch das "Selbstgespräch der deutschen Mehrheit über die Integration" bedingt, die die Stimmen der Migrantinnen und Migranten kaum zulasse. Gleichzeitig hätten aber auch die MigrantInnenvereine große Defizite aufzuweisen. Ihre Strukturen hätten sich noch nicht der neuen Realität des Islam in Deutschland angepasst und seien zudem von außen schwer nachvollziehbar.
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