Bundesregierung darf Bildungsverlierer nicht links liegen lassen
Zuerst die gute Nachricht. Die meisten Jugendlichen sind erstaunlich zuversichtlich. Der Anteil der optimistischen Jugendlichen ist sogar auf 59 Prozent gestiegen: Das haben die Forscher der 16. Shell Jugendstudie herausgefunden.
Die schlechte Nachricht: Auf der Schattenseite werden zehn bis fünfzehn Prozent der Jugendlichen immer stärker abgehängt. Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit dieses Teils der Jugendlichen nehmen zu.
Die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Milieus hat sich weiter verstärkt. Heile-Welt-Rhetorik ist also fehl am Platz. Es ist vor allem Aufgabe der Familienministerin, einen bundespolitischen Beitrag zu leisten, um Jugendlichen Perspektiven zu bieten und der zunehmenden sozialen Spaltung entgegen zu wirken.
Die Sorgen der Jugendlichen haben einen äußerst realen Hintergrund: Die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, die Sorge um das Klima oder fortschreitende Umweltzerstörung. So belegt auch der Bildungsbericht 2010, dass rund 45 Prozent der jungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren mit türkischem Migrationshintergrund über keinen beruflichen Bildungsabschluss verfügen und auch sonst nicht mehr an Bildung teilnehmen. Jugendliche aus sozial schwachem Elternhaus machen deutlich seltener einen höheren Schulabschluss, sie sind auch eher durch Sitzenbleiben gefährdet und sehen zu Recht für sich und ihre Zukunftsperspektiven allgemein weniger Umsetzungschancen.
Die Zukunftsperspektiven wie auch der Optimismus der Jugendlichen hängen stark von ihrem Bildungsstand ab. Gerade mit Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt dürfen wir auch bei Rückschlägen in den Bundesländern auf keinen Fall nachlassen. Wir brauchen ein integrierendes Schulwesen und niedrigschwellige Zugänge zu allen außerschulischen Angeboten. Alle Jugendlichen unabhängig von der Herkunft müssen gleich gute Entwicklungschancen haben.
Auch die aktuell im Rampenlicht stehenden Freiwilligendienste dürfen keine Veranstaltung "ab der Mittelschicht aufwärts" bleiben, sondern müssen sich durch Förderung und pädagogische Begleitung öffnen.
Gut: Mädchen und junge Frauen weiterhin auf der Überholspur
Gute Schulabschlüsse sollten jedoch auch den beruflichen Erfolgt positiv beeinflussen. Unterstützung bei der Berufswahlentscheidung und gezielte Förderprogramme für junge Frauen in Führungspositionen sind notwendig.
Schlecht: immer mehr junger Männer auf der Standspur
Sie drohen vollkommen abgehängt zu werden. Wir brauchen mehr männliche Vorbilder in den Bildungseinrichtungen und eine individuelle Förderung in Schulen und Jugendeinrichtungen
Heutige Jugendliche dürfen nicht die vergessene Generation der Bundesregierung sein. Es ist entlarvend. Spricht man die zuständige Ministerin auf Jugendliche an, lautet die Antwort "frühkindliche Bildung". Das ist nicht falsch, dürfte aber den gegenwärtig betroffenen Jugendlichen aktuell wenig helfen.
Damit die Bildungsverlierer von heute nicht die beruflichen und gesellschaftlichen Außenseiter von morgen werden, muss Frau Schröder endlich verstehen, dass sie auch Jugendministerin ist.
"Die Jugend" gibt es nicht, dafür aber viele gesellschaftliche Baustellen, bei denen die Interessen Jugendlicher nicht länger ignoriert werden dürfen. Ganz entscheidend wird es darauf ankommen, die Jugendlichen bei der Verwirklichung ihrer Zukunftspläne zu unterstützen, anstatt sie punktuell wie beispielsweise bei der Vorstellung der Jugendstudie eines differenzierten Blickes zu würdigen.
