Kulturelle Bildung ist bei weitem kein Nischenthema. 2012 etwa soll die kulturelle und musisch-ästhetische Bildung Schwerpunkt des Bildungsberichts des Bundes und der Länder sein. Aber wie steht es eigentlich um die Beteiligten selber, zum Beispiel um die MusiklehrerInnen an Schulen und Musikschulen, um deren Einkommen und Visionen, um deren Handlungsmöglichkeiten an den Schulen? Was 'nützt' die musikalische Bildung aus Sicht der Akteure? Zu diesen Fragen haben wir unter Beteiligung grüner Kulturpolitiker aus dem Berliner Abgeordnetenhaus zu einer Diskussion in den Grünen Salon der Berliner Volksbühne geladen. Neben unserer kulturpolitischen Sprecherin Agnes Krumwiede saßen auf dem Podium: Noemi Lehner (Schulmusik Studentin in Berlin), Tibor Sturm (Rapper und Streetworker in Berlin-Neukölln), Klaus-Peter Kulack (Musiklehrer am Gymnasium Bernau in Berlin), Dr. Theo Geißler (Neue Musikzeitung – nmz), Matthias Pannes (Verband Deutscher Musikschulen), Arno Lücker (Komponist, Musikjournalist und Dramaturg am Berliner Konzerthaus) und Thomas Birk (grünes Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin, Mitglied im Kulturausschuss und im Berliner Musikschulbeirat)
Musikalische Bildung braucht sicht nicht verstecken
Sieben Bausstellen kristallisierten sich übereinstimmend im Gespräch heraus:
- Die musisch-ästhetische Bildung muss an den öffentlichen Schulen ihren Platz in den Bildungsplänen zurückbekommen. Die sogenannten weichen Fächer finden an den Schulen zu wenig Beachtung. Mit dem neuen Schulmodell stehen Berliner SchülerInnen derzeit meist vor der tristen Wahl: eine Stunde Kunst oder Musik pro Woche. In den anderen Bundesländern ist der Trend zu wenig kulturellen Bildungsangeboten an Schulen vergleichbar. Geld- und Lehrermangel führen außerdem dazu, dass Musik immer öfter von Fachfremden unterrichtet wird.
- Gleichzeitig haben die Schulmusik-StudentInnen an den Hochschulen den schlechtesten Ruf unter den Studierenden. Dabei ist das Schulmusikstudium in der Regel ein sehr breites Studium, oft anspruchsvoller, als das reguläre Musiklehrer- oder auf die künstlerische Laufbahn abzielende Musikstudium. Am gesellschaftlichen Bild des Musikunterrichts und des/der MusiklehrerIn muss gearbeitet werden, so der Wunsch der Beteiligten.
- Dabei liegen die auch auf andere Bereiche übergreifenden Vorteile des Musikunterrichts und der Arbeit von MusiklehrerInnen auf der Hand. Die am Podium beteiligten Lehrer und Projektleiter berichten, auf einmal tauche mit dem Unterricht ein "eigenes Interesse" der SchülerInnen auf, "mit positiven Folgen auch für die anderen Fächer: die SchülerInnen fangen an zu arbeiten!" Durch ihre Arbeit entstehe ein "positiver Konkurrenzdruck" (Sturm) in der Gruppe. Mit einem Musikinstrument "lernt man lernen" (Kulack). Dies sollte nach Meinung der Beteiligten auch weiter zu den Bildungspolitikern vordringen.
- An Schulen nimmt das Angebot an Musikunterricht bekanntlich ab. Gleichzeitig gibt es immer mehr - sehr gute - Projekte im Freizeitbereich, die auch Kooperationen mit Schulen eingehen oder dort schließlich angeboten werden. Aber in vielen Fällen wird für diese Projekte nichts bezahlt, Projektleiter arbeiten ehrenamtlich oder zahlen drauf. Tenor der Runde: Die Schulen können sich nicht langfristig auf quasi kostenlose 'outgesourcte' Musik- und Kulturprojekte verlassen und damit Finanzierungsansprüche für kulturelle Bildung unter den Tisch kehren. Kultur- und Musikprojekte ersetzen den Musikunterricht nicht.
- An den Musikschulen hat sich die Anzahl der Lehrkräfte seit den Neunzigern kaum geändert - deren Beschäftigungsverhältnisse aber sehr wohl. Hier gibt es kaum noch reguläre Festanstellungen, das Modell der zeitlich befristeten Honorarkraft setzt sich immer mehr durch, mit entsprechenden sozialen Unsicherheiten für die Lehrkräfte. Im Süden sind die Arbeitsverhältnisse noch relativ stabil, Richtung Norden werden sie immer schlechter, hier gibt es meist nur noch Honorartätigkeiten. Ein Teilnehmer aus dem Publikum ging soweit, die Honorare "sittenwidrig" zu nennen: vollkommen unhinterfragt würden an Musikschulen Personen mit abgeschlossenem Musik-Hochschulstudium regulär ein Drittel weniger gezahlt als AbsolventInnen anderer Fachbereiche.
- Tatsächlich steckt in nicht wenigen Fällen die öffentliche Hand dahinter, denn vielerorts leiten die Kommunen die öffentlichen Musikschulen. Einhellig forderten die Beteiligten hier wieder mehr Spielraum für die Kommunen, für die Möglichkeit, überhaupt bessere Verträge anbieten zu können und für die Gestaltung der Bildungs- und Kulturpolitik vor Ort. Gleichzeitig brauchten die Kommunen aber auch eine Stärkung durch die Kulturszene. Das Konzept der Kulturkredite zur Unterstützung der kommunalen Kultur sei hier eine gute Idee, ebenso der Gedanke, das sogenannte Kooperationsverbot aufzuheben.
- Zu guter Letzt: so wie am gesellschaftlichen Bild der musikalischen Bildung noch viel gearbeitet werden kann, genau so kann und müsste das auch auf höchster politischer Ebene passieren. Bildungspolitiker sollten mit einbezogen und zur Verantwortung genommen werden. Musikalische Bildung, so fassten es einige in den Schlussstatements zusammen, darf nicht alleine im Fachbereich Kulturpolitik verweilen, sondern gehört zur Bildung im Allgemeinen. 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sind für Bildung angelegt - das Geld muss man sich auch für die kulturelle und musikalische Bildung holen!
Boomtown Raps - mit klarem Ziel vor Augen
Im Anschluss an das Gespräch traten die Boomtown Raps auf die Bühne und gaben bis Mitternacht ein Konzert. Das Jugend-Hip Hop Projekt aus Ingolstadt mit TeilnehmerInnen von 12 bis 25 Jahre arbeitet seit drei Jahren zur Förderung von Hip Hop als "Sprachrohr der Jugend". In Workshops werden Rappen, Singen und Tanzen von professionellen Musikern und Tänzern geschult, anschließend Konzerte in Kooperation mit bekannten KünstlerInnen gegeben. Dabei sollen, nach eigenen Angaben, "die TeilnehmerInnen animiert werden, konsequent an einem Projekt zu arbeiten und ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten. Mit einem klaren Ziel vor Augen."
Konkrete Umsetzung
Zwei Aspekte des Gesprächs haben wir bereits aufgegriffen: Zur Lage der Kommunen und der kommunalen Kultur haben wir einen Antrag eingebracht, der mit der KfW-Bankengruppe die Möglichkeit von oben erwähnten "Kulturkrediten" für die Kommunen vorsieht. Für die Honorierung von Kulturprojekten im Jugend- und Schulbereich forderten wir außerdem in einem Antrag die Auflegung eines Programms "Jugendkultur Jetzt!" durch die Kulturstiftung des Bundes und eine entsprechende Aufstockung der Gelder. Die Situation der Musikpädagogen als oft schlecht bezahlte Honorarkräfte mit unsicheren sozialversicherungsrechtlichen Verhältnissen ist und bleibt ein Thema, das sich auch in anderen Kultursparten wie Tanz, Schauspiel oder Film beobachten lässt und das wir entschieden, übergreifend für mehrere Sparten mit konkreten Forderungen an die Regierung angehen wollen.








