Am Abend des 7. September 2011 hatte die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen zu einem öffentlichen Fachgespräch zum Thema "Sotschi 2014 – ein Sportgroßereignis als Belastungsprobe für Mensch und Natur" geladen. Moderiert von Stefan Melle, dem Geschäftsführer des Deutsch-Russischen Austauschs e.V., sprachen Mikhail Kreindlin von Greenpeace Moskau und Suren Gazaryan von der Ökowacht Nordkaukasus mit Professor Martin Nolte von der Sporthochschule Köln und Viola von Cramon, der sportpolitischen Sprecherin der Fraktion, über das gigantische Bauvorhaben am Schwarzen Meer.
Josef Winkler, stellvertretender Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, stellte schon in seiner Begrüßung fest, wie viele Themenkomplexe durch das Projekt Sotschi 2014 berührt würden: "Ökologisch, wirtschaftlich und logistisch" sei es eine immense Herausforderung für die Region, weswegen die Wahl Sotschis als Austragungsort "allgemein überraschend" gewesen sei.
Wie es überhaupt innerhalb des International Olympic Committee (IOC) zur Wahl eines Austragungsortes kommt und wie das Verfahren im formalrechtlichen Sinne abgelaufen ist, an deren Ende Sotschi im Jahre 2007 als Gewinner feststand, erläuterte Martin Nolte in einem Vortrag. Dieser diente der Diskussion als sportrechtliche Grundlage. Doch unabhängig davon, welchen Stellenwert ökologische oder menschenrechtliche Aspekte im formalen Bewerbungsverfahren besitzen (diese sind nach der IOC-Charta ohnehin gering), letztlich ist die Kür der Host City geprägt von großer Intransparenz. So fasste Herr Nolte zusammen: "Das IOC spricht hier von Eignung. Und, die Juristen unter Ihnen wissen das, Eignung ist juristisch ein höchst unbestimmter Begriff."
Repression und Rücksichtslosigkeit
Die Konsequenzen dieser "juristischen Unbestimmtheit" machte im Anschluss Suren Gazaryan deutlich, der die Entwicklung des subtropischen Skigebiets zur Austragungsstätte eines Megaevents dokumentiert. Er zeigte Bilder von durch rigide Polizeigewalt aufgelösten Demonstrationen gegen den Bauwahn, zur Schlammlawine verkommenen Flussläufen und bedrohten Tierarten. Seine Schilderungen dazu ließen keinen Zweifel an der Rücksichtslosigkeit, mit der die Bauherren im Kaukasus zu Werken gehen. Die Folgen seien, so Gazaryan, auch medizinisch nachweisbar: Aufgrund eines fehlenden Konzepts der Müllentsorgung gelangten Giftstoffe ins Grundwasser und führten so zu einem verstärkten Aufkommen von Magenbeschwerden in der Region. Eine Reaktion aus Moskau bleibe aus, die Realisierung der Spiele überdecke die möglichen Nachteile schlichtweg.
Diesen Ausführungen schloss sich auch Mikhail Kreindlin an, der das geographische Ausmaß verdeutlichte, welches vor allem durch den Bau der gigantischen Infrastruktur bedingt ist. Straßen, Eisenbahntrassen werden durch ein Flussbett gebaut, die für die Trinkwasserversorgung Sotschis essentiell ist. Der gesamte Küstenstreifen der Region werde komplett zugebaut; so können 2014 die Fernsehkameras Topathleten zeigen, die scheinbar direkt ins Meer schlittern. Für diese Momente werden Skigebiete in vier Nationalparks gebaut und Sportstätten errichtet, deren langfristiger Nutzen höchst zweifelhaft ist.
Mehr noch: Eigens für die Austragung der Olympischen Spiele in Sotschi wurde ein Gesetz erlassen, welches das Abholzen geschützter Reservate grundsätzlich (und damit im gesamten Land) ermöglicht, solange ein kommerzielles Großereignis diesen Schritt nötig erscheinen lässt.
Ein Bild von der Lage in der Region konnte sich auch Viola von Cramon machen, die Anfang des Jahres in Sotschi war und mit örtlichen Bewohnern und VertreterInnen von Olympstroi, dem hauptverantwortlichen Bauunternehmen, sprach. Die Sportpolitische Sprecherin berichtete, dass der Austragungsort Adler, nur unweit von Sotschi mit einer Bevölkerung 70.000 Menschen, nun einen Großteil der 39.000 Beschäftigten aufnehmen müsste. Dieses führt auf jeden Fall in der Bauphase ganz unmittelbar zu Problemen.
Innerhalb von vier Jahren sei die Akzeptanz in der regionalen Bevölkerung von 86 % auf etwa 50 % im Jahr 2010 gefallen. Auch dieses sei kaum verwunderlich, wenn durch das unbedachte Abkippen von Schutt und Müll auch im hohen Maße ökologische und landwirtschaftliche Schäden angerichtet würden, die für die Landbevölkerung neben der Gesundheitsschädigung einen faktischen ökonomischen Verlust bedeuteten. "Aber die Leute haben einfach keine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren", gab Viola von Cramon die allgemein spürbare Resignation vor Ort wieder. Intransparenz herrsche auch nach der Vergabe, denn es sei nicht klar, wer in Russland welche Verantwortlichkeit habe und wie die Auftragsvergabe bei den Sportstätten erfolgt sei.
Mehr Druck der Weltöffentlichkeit notwendig
Ausgehend von diesen Statements entspann sich eine Diskussion, in deren Verlauf auch seitens des Publikums auf weitere gravierende Probleme hingewiesen wurde:
Es ging um die ethnischen Auseinandersetzungen, aber auch um die Menschenrechtssituation im Nordkaukasus - so sei die Situation der Tscherkessen, die ebenfalls in diesem Gebiet beheimatet waren, noch immer nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Thema war immer wieder die mangelnde Transparenz an allen Stellen.
Dabei besteht nun in der Umsetzungsphase vor Ort, so waren sich die ReferentInnen einig, nur noch eine Möglichkeit, um das Schlimmste für die Natur und die lokale Bevölkerung abzuwenden: das Erzeugen einer internationalen Öffentlichkeit.
Sowohl Martin Nolte als auch Viola von Cramon legten Wert darauf, dass über ein größeres Medieninteresse und eine umfassendere Berichterstattung zur Situation in Sotschi ein höherer Druck als bislang auf die Akteure in Russland ausgeübt werden könne. Tragischerweise sind Reformen am ehesten dann zu erwarten, wenn ihnen ein Skandal vorangeht. Als trauriges Beispiel dienen dabei die Olympischen Spiele von Albertville 1992, nach der überhaupt erst Bestrebungen aufkamen, die Umweltaspekte zu einem Kriterium der Bewerbung zu machen. Und so äußerte Martin Nolte auch die Hoffnung: "Vielleicht kann durch Sotschi eine stärkere Gewichtung der Umwelt und der menschenrechtlichen Standards erreicht werden."
Kontrovers wurde mit dem Publikum auch über die Frage diskutiert, ob ein Boykott der Spiele nicht ein möglicher Weg wäre, um das Druckpotential zu erhöhen. Die Frage, so Viola von Cramon, wäre dann allerdings, wie der Umgang mit all den anderen Sportgroßereignissen aussehen solle. Nicht erst seit Peking 2008 finde ein Sportevent in einem Land statt, dessen Menschenrechtslage problematisch sei. Also, so ihre Einschätzung, müsse man schon auch die Strukturen des IOC deutlich hinterfragen und gemeinsam Anstrengungen unternehmen, um diese endlich zu reformieren.
Erpressung aber, so wandte auch Stefan Melle ein sei wohl kein hilfreicher Prozess. Aber eine weitere Möglichkeit wurde mit dem "Plan B" ins Spiel gebracht: Wenn also ein Austragungsstandort so offensichtlich die Grundsätze der Olympischen Charta verletzt, könnte ein alternativer Austragungsort (in diesem Fall eventuell Vancouver) dazu führen, dass sich in der ursprünglichen Bewerberstadt die Verhältnisse schnell zum Besseren wenden. Ähnliche Erfahrungen haben man mit den Austragungsorten Ukraine und Polen gemacht. Dort halfen die "offensiven Aushilfsangebote" aus Deutschland, die Vorbereitungen für die Fußball-EM 2012 in Polen und der Ukraine wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.
Auf die Frage, auf welchem Stand denn die mediale Vernetzung in Sotschi sei, antwortete Suren Gazaryan, es gebe diverse Blogs über Sotschi und bis auf vereinzelte befohlene Löschungen von Beiträgen funktioniere das Herstellen einer allgemeinen Öffentlichkeit in Russland gut; einzig die internationale Aufmerksamkeit könne größer sein.
Für verbindliche Regelungen
Abschließend wurde festgehalten: Das Beispiel Sotschis zeigt die Notwendigkeit, wirklich transparentere und nachhaltigere Ansätze in den Weltsportverbänden zu verankern, die ohne verbindliche und objektive Kriterien die Schwelle einer bloßen Absichtserklärung nicht übertreten.
Daniela Wagner, die als Mitglied des Sportausschusses und Sprecherin für Bau- und Wohnungspolitik das Schlusswort hatte, brachte es auf den Punkt: "Eine Regel hilft nur dann, wenn jemand dafür sorgt, dass sie eingehalten wird." Der anschließende Empfang gab Gelegenheit zu weiterem Austausch. Mit diesem ersten Aufschlag für eine kritische Begleitung in der Öffentlichkeit ist Sotschi wieder ein Stück mehr in das europäische Bewusstsein gedrungen. Der Ball liegt nun bei der deutschen Politik, die Anregungen aufzunehmen.

