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Gewalt im Fußball | 14.11.2011

Rote Karte gegen Gewalt

Woche für Woche kommt es in Fußballstadien in Deutschland oder im Umfeld von Fußballspielen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Hooligans, zwischen Gewalttätern und der Polizei und auch zu Gewalttaten gegen Unbeteiligte sowie zu erheblichen Sachschäden. Krawalle und Gewalt statt Spielfreude und Tore: Derzeit ist die Diskussion um Gewalt im Fußball nach Ausschreitungen in Fanblöcken bei Fußballspielen und der Bedrohung eines Magdeburger Spielers wieder voll im Gange. Ob Pokalnächte in Dresden oder Frankfurt, ob Bundesligaspiele oder Kreisklassenduelle: Ausschreitungen in Zusammenhang mit Fußballspielen - in Bahnhöfen, Kneipen oder Stadien - finden überall in Deutschland und an fast jedem Wochenende statt. Für die Saison 2010/2011 wurde mit 846 Verletzten bei Sportereignissen ein Höchststand erreicht. Von einer kurzfristigen Entwicklung kann also nicht die Rede sein.

Fußball ist ein Sport und darf nicht zur Plattform für gewalttätige Kriminelle werden. Ein Fußballspiel darf nicht zur Gefährdung von Reisenden in Zügen, unbeteiligten Passanten oder friedlichen Zuschauern führen, ebenso wenig zur Gefährdung von Polizeibeamtinnen und -beamten. Bundesinnenminister Friedrich fällt aber – ähnlich wie schon seinem Vorgänger - außer markigen Worten nichts ein als ein Runder Tisch auf Bundesebene. Nachhaltige Lösungsansätze beim Umgang mit Gewalt im Sport sind gefragt. Die können aber nicht von oben dekretiert werden, sondern müssen in den Regionen verankert werden.

Das Bundesinnenministerium musste erst kürzlich im Sportausschuss zugeben, dass man bei den seit langem angedachten Maßnahmen gegen Fangewalt von einer Zertifizierung der Vereine bis zu einem besseren Einbezug von Fangruppen kaum voran gekommen sei. Aber genau diese Maßnahmen wären notwendig, anstatt immer nur im Nachhinein Fehlentwicklungen anzuprangern und hektisch zu agieren. Ein echter Dialog, das sagen Fachleute schon seit Jahren, kann nur unter Einbeziehung der Akteure stattfinden, die den meisten Einfluss auf potenzielle Randalierer und Schläger ausüben können.

Gezielte Maßnahme statt Generalverdacht

Die jüngsten Zahlen und die sehr weit reichenden Maßnahmen der Polizei zur Vorbeugung von Straftaten bei Fußballspielen vermitteln oft ein bedrückendes Bild. Fangruppen, die etwa in Sonderzügen anreisen, werden zum Stadion eskortiert und nach dem Spiel wieder zum Bahnhof gebracht – in völliger Isolation und mit zum Teil drastischen Sicherheitsbestimmungen. Zu den Standardmaßnahmen gehören das Durchsuchen und Fotografieren von Fans. "Mobile Massenkontrollen" heißt dies bei der Polizei, aus Bahnhöfen werden so "Eingreifbahnhöfe". Im Fokus steht dabei die Ultra-Szene, in der Fankurve präsent durch Choreografie und enorme Lautstärke. Einzelne krawallbereite Personen werden zu ihnen gezählt, betroffen von den Maßnahmen sind aber alle Besucherinnen und Besucher.

Es ist wichtig, dass die Polizeien der Länder und die Bundespolizei entschieden tätig werden, um Gewalt zu verhindern und zu unterbinden. Dazu müssen sie rund um die Stadien, in den Innenstädten, auf Bahnhöfen und auch in Zügen Präsenz zeigen und gegebenenfalls eingreifen, um Straftaten zu verhindern. Polizeipräsenz, Kontrollen und Stadionverbote sind richtig, solange sie verhältnismäßig sind.

Lösungsansätze, die sich einseitig auf Repression konzentrieren, greifen aber zu kurz. Überzogene Maßnahmen bringen auch Unruhe in die große friedliche Mehrheit der Fanszene. Es gibt zwar nachhaltige Ansätze wie das Nationale Konzept "Sport und Sicherheit" (NKSS), das dieser Tage wieder auf Länderebene behandelt wird und aus dem auch 1992 die Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS) hervorgegangen ist. Insgesamt finden aber Fangruppen immer noch zu wenig Beachtung, auch die stärkere Vernetzung verschiedener Akteure ist wichtig. Die nach dem Sicherheitsgipfel vom 2. November 2011 von DFB und DFL geforderte "Task Force Sicherheit" kann ein richtiger Schritt in diese Richtung sein. Nur wenn Politik, Justiz, Polizei, Fußball-Dachorganisationen und KOS auch tatsächlich miteinander in ständigem Dialog sind, können dauerhafte Strategien zur Vermeidung von Gewalt im Sport entwickelt werden.

Nachhaltige Prävention

In einem Antrag hat die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen bereits 2009 dezidierte Vorschläge zur Prävention von Fangewalt vorgelegt. Dazu zählt eine verbesserte, anlassunabhängige und dauerhafte Zusammenarbeit zwischen der Bundespolizei und den Fanprojekten ebenso wie die Stärkung der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) zu erhöhen, damit zukünftig effektive Controlling- und Beratungsprogramme für die bestehenden Fanprojekte realisiert und neue nach dem NKSS ausgerichtete Fanprojektvorhaben unterstützt werden können. Es bedarf eines koordinierten, aber regionsspezifischen Ansatzes in der Vermeidung von Gewalt in und um Stadien. Zudem müssen die Vorschläge verstärkt von unten kommen, das heißt aus den jeweiligen Fanszenen selbst.

Da hilft es nicht, den Fangruppen einen Plan von oben überzustülpen. Notwendig ist die Eigeninitiative der betroffenen Fangruppen. Die wollen wir fördern. Und so ist es auch sehr begrüßenswert, dass im Oktober 2010 die Fans auf sich aufmerksam gemacht haben, indem sie auf die Straße gegangen sind und unter dem Motto "Zum Erhalt der Fankultur" für eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit demonstriert haben.

 

 

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Rote Karte wird hochgehalten, im Hintergrund Zuschauer auf einer Tribüne