Am 13. Dezember 2010 haben im Berliner Paul-Löbe-Haus Expertinnen und Experten zusammen mit grünen Fachpolitikern über Risiken und Nebenwirkungen von hormonell wirksamen Stoffen im Plastik diskutiert. Weichmacher, Flammschutzmittel und Bisphenol A werden in großen Mengen zur Herstellung von Plastik verwendet. Sie sind hormonell wirksam und werden mittlerweile vielerorts im menschlichen Körper und in der Natur gefunden. Außerdem lassen sich unter anderem eine immer früher beginnende Pubertät bei Mädchen und eine abnehmende Spermienqualität bei Männern beobachten. Da waren sich alle Beteiligten einig.
Strittig ist unter Wissenschaftlern und Verbänden, ob es zwischen hormonell wirksamen Zusatzstoffen im Plastik und den zu beobachtenden gesundheitlichen Veränderungen einen direkten Zusammenhang gibt, und welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Dabei geht es um den Nachweis, welche der Substanzen zu schädlichen Auswirkungen auf Umwelt oder menschliche Gesundheit führen können und ab welchen Mengen. Wenig erforscht sind vielfach auch die Kombinationswirkungen mit weiteren Chemikalien. Dazu gibt es teilweise widerstreitende wissenschaftliche Ergebnisse, die je nach Aufgabenstellung und Methodik zu unterschiedlichen Einschätzungen führen.
Professor Dr. Schönfelder von der Charité in Berlin vertrat die Ansicht, dass die hormonelle Wirksamkeit einiger Substanzen schon in geringsten Mengen klar belegt ist. Unterstützt wurde diese Einschätzung auch von Professor Dr. Kloas vom Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei Berlin, der entsprechende Veränderungen in Versuchen mit Gewässerlebewesen beobachten konnte. Demgegenüber vertrat Professor Dr. Schuppe vom Universitätsklinikum Giessen und Marburg die Ansicht, dass die bei Männern in Deutschland beobachtete Veränderung der Zeugungsfähigkeit bisher nicht eindeutig auf die Belastung mit hormonell wirksamen Rückständen aus Kunststoffen zurückgeführt werden könne. Es seien eine Vielzahl weiterer Gründe möglich. Deshalb müsse die Forschung in diesem Bereich ausgebaut werden. Bezüglich des enormen weiteren Forschungsbedarf waren sich alle Wissenschaftler einig.
Die unterschiedlichen Standpunkte der Wissenschaftler fanden sich auch bei den Vertreterinnen und Vertretern der Verbände wieder. Die Kunststoffindustrie legte beispielweise Wert auf verlässliche und praktikable Regelungen und befürchtete Panikmache bei Verbraucherinnen und Verbrauchern. Die Redebeiträge der Hersteller machten deutlich, dass die Wünsche der Kundinnen und Kunden großen Einfluss auf die Verwendung der verschiedenen Zusatzstoffe haben. So würde auf Bisphenol A, einen in der Öffentlichkeit sehr kritisch diskutierten Stoff, in Babyprodukten oft bereits jetzt freiwillig verzichtet. Anders sei dieses jedoch bei Billigimporten aus Drittländern wie China oder Indien.
Vertreterinnen und Vertreter von Umwelt- und Verbraucher-organisationen stehen hormonell wirksamen Substanzen, die im Verdacht stehen, Schäden für Mensch und Umwelt zu verursachen, sehr kritisch gegenüber. Sie fordern einen klaren Verzicht auf diese Substanzen und strenge verbindliche Grenzwerte. Sie sind der Ansicht, dass die Hinweise und wissenschaftlichen Erkenntnisse schon lange ausreichen, um einige der gefährlichsten Substanzen aus dem Verkehr zu ziehen. So sei beispielsweise das Verbot von krebsauslösenden Polychlorierte Biphenyle (PCB) schon bei einem wesentlich geringeren Wissensstand durchgesetzt worden.
Unterstützt wird diese These durch die jüngsten Verbote hormonell wirksamer Zusatzstoffe wir Bisphenol A in besonders sensiblen Bereichen. Die EU-Kommission hat im November vorgeschlagen, Babyflaschen aus Polycarbonat (einem Kunststoff, der in großen mengen Bisphenol A enthält) in Europa zu verbieten. Dänemark ist das erste EU Land, in dem Produkte für 0 bis 3jährige überhaupt kein Bisphenol A mehr enthalten dürfen.
Grüne Bewertung
Die Grünen im Bundestag halten in Anbetracht der wissenschaftlichen Beobachtungen und Erkenntnisse die konsequente Durchsetzung des Vorsorgeprinzips für erforderlich. Es fehlen viele Erkenntnisse, zum Beispiel über Langzeitfolgen, die Anreicherung der Substanzen in Umwelt und Mensch und zu den Wirkungen in Verbindung mit anderen Chemikalien. Aber auch, wenn noch letzte wissenschaftliche Zweifel und Unsicherheiten bestehen, muss das Risiko verringert und die Belastung von Menschen und Tieren mit potentiell schädlichen hormonell wirksamen Stoffen dringend gesenkt werden.
Wir fordern daher von der Bundesregierung, dass sie sich umgehend für schärfere Schutzmaßnahmen einsetzt und die Forschung in diesem Bereich deutlich ausbaut. Ein sofortiges Verbot von Bisphenol A in allen Babyprodukten, wie in Dänemark bereits erfolgt, ist auch in Deutschland angebracht. darüber hinaus sollten strenge Grenzwerte für hormonell wirkende Stoffe, die schädlich für die menschliche Gesundheit oder Umwelt sein könnten, auf EU Ebene eingefordert werden.
Einfach abwarten, bis alle Fragen geklärt sind, wie es die jetzige Regierung macht, reicht aus unserer Sicht nicht mehr aus. Das Risiko, dass irreparable Schäden auftreten, ist zu hoch. Die Bundesregierung muss im Sinne des Vorsorgeprinzips aktiv werden und die Verwendung bedenklicher hormonell wirksamer Substanzen konsequent einschränken.
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