Massentierhaltung „Tierische Veredelung“

Kuh in Plastikverpackung

Die Skandale, die die industrielle Landwirtschaft in unschöner Regelmäßigkeit hervorbringt sind kein Zufall, sondern logische Folge eines falschen Systems. Wir Grüne im Bundestag stellen dem industriellen Modell das bäuerliche Modell gegenüber. Damit wollen wir die Landwirtschaft wieder vom Kopf auf die Füße stellen.

Eine Neuorientierung der deutschen Landwirtschaft ist nicht in Sicht. Da mag Europa über eine ökologische Reform der gemeinsamen Agrarpolitik beraten und ein Lebensmittelskandal dem anderen folgen. An der deutschen Agrarpolitik ändert es nichts. Da können wissenschaftliche Berichte nachweisen, dass die industrielle Landwirtschaft nicht den Hunger in der Welt beseitigt, sondern Teil des Problems ist. Und dass sie überdies den Klimawandel anheizt. Für die Vertreter der Agrarindustrie ist dies kein Thema.

So erklärt der neue Präsident des einflussreichen Deutschen Bauernverbands, Joachim Ruckwied, in seiner ersten Rede ohne Umschweife den Ausbau der Massentierhaltung zur Priorität und jegliche Ökologisierung der Landwirtschaft für Unfug.

Deutschland müsse sich „auf die tierische Veredelung konzentrieren, wenn wir Marktanteile im internationalen Agrarhandelsgeschäft gewinnen wollen“, bläst der neue Generalsekretär des mächtigen Deutschen Raiffeisenverbands, Henning Ehlers, ins selbe Horn und meint damit: Massentierhaltung für den Billigexport.

Bundesministerin Ilse Aigner beschäftigt einen zum Exportbeauftragten umfunktionierten Staatssekretär, um den Fleischexport anzukurbeln. Ihr Haus fördert mit Steuergeldern hanebüchene Veranstaltungen wie die Welt-Schweinefleisch-Konferenz.

Einsicht sieht anders aus. Von Agrarwende keine Spur.

Das System ist falsch

Dabei ist der jüngste Skandal um den Missbrauch von Antibiotika in der Massentierhaltung nur ein Beispiel dafür, dass etwas grundsätzlich falsch läuft in der Landwirtschaft.

Es geht nicht nur um ein paar schöne Bauernhöfe weniger und ein paar verärgerte Anwohner mehr. Ein grundlegender Systemwechsel ist notwendiger denn je. Die heutige Landwirtschaft ist beherrscht vom industriellen Denken. Es betrachtet Tiere und Pflanzen nicht als Lebewesen, sondern als Produktionsfaktor. Es liegt in der Logik dieses Systems, Lebewesen in den technischen Optimierungsvorgang einzubeziehen und ihm anzupassen. Wenn sie stören, schneidet man Schweinen die Ringelschwänze eben ab. Hühnern entfernt man die Schnabelspitzen und Kühen die Hörner. Es liegt in der Logik dieses Systems immer größere Einheiten zu bilden, um entsprechende Effizienzgewinne zu erzielen und dafür in Kauf zu nehmen, dass 25 Hühner auf einem Quadratmeter oder 60.000 Schweine in einer Anlage zusammengepfercht werden. Und wenn sich durch den massenweisen Einsatz billiger Antibiotika der Gewinn steigern lässt, wird auch das gemacht.

Die Vertreter des agro-industriellen Systems haben diesen Irrsinn selbst offenbart. Sie behaupten, nur kranke Tiere würden behandelt. Tatsächlich bekommen aber 100 Prozent der Mastkälber, 90 Prozent der Hühner und 50 Prozent der Schweine Antibiotika verabreicht. Es kann also etwas grundsätzlich nicht stimmen an der Zucht, Haltung und Fütterung dieser Tiere. Fast 800 Tonnen Antibiotika benötigt die industrielle Tierhaltung Jahr für Jahr quasi als Treibstoff, um zu funktionieren. Doch nicht nur das System der Tierhaltung ist krank, die ganze industrielle Landwirtschaft ist es. Sogar die agrarindus­triefreundliche Welternährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organization) stellt fest: „Das derzeitige Paradigma der intensiven Pflanzenproduktion kann den Herausforderungen des neuen Jahrtausends nicht gerecht werden“ (Save and Grow 2011). Was wir brauchen ist ein neues, post-industrielles Leitbild für die Landwirtschaft.

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16 Kommentare
Nutztiere sind Lebewesen (z.B. wie Haustiere)
Gerald Helmke 05.10.2012

Ich denke, man muss die Anonymität der Fleischware durchbrechen und sichtbar machen, dass das Fleisch im Laden Teil eines toten Tieres ist. Es wurde unter der Maßgabe der Kosten und Effizienz gezüchtet, gehalten, geschlachtet und verarbeitet. Dieses Tier aus der Massentierhaltung hätte genauso schön leben können, wie es viele Haustiere können. Das Tiere aus der Massentierhaltung (z.B. ein Schwein) genauso lebendig und empfindsam wie ein Hund oder eine Katze ist, das wird verdrängt.
Desweiteren empfehle ich, sich mit dem Begriff Karnismus auseinander zu setzen. siehe z.B.: http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/karnismus-die-psychologie-des-fleischkonsums

WIR selbst müssen handeln!
Bettina Goldner 05.10.2012

JedeR Einzelne von uns Grünen sollte einmal kritisch bei sich selber ansetzen. Der Konsum von Produkten aus Massentierhaltung (und aus dieser Haltung kommt eben nahezu alles "Tierische" auf dem Markt!) sollte bei uns verpönt sein. Wer, wenn nicht WIR GRÜNE SELBER, soll denn bitte ein Zeichen gegen die industrielle Tierquälerei setzen?!

bei uns selber anfangen.....
Heidi Terpoorten 05.10.2012

Ich begrüße die grünen Bemühungen in Sachen Ablehnung der Massentierhaltung/ hin zu einer transparenten bäuerlichen bodengebundenen Bio-Landwirtschaft. Zudem bin ich der festen Überzeugung dass wir Grünen im Großen (auf Veranstaltungen Parteitagen, Treffen etc...), sowie Jede/r Einzelne für sich Flagge zeigen müssen in Bezug auf den Konsum tierischer Produkte allgemein. Ein Zurück zum Sonntagsbraten würde sowohl den Tieren, dem Klima und uns Menschen sehr gut tun - ebenso gilt es weiter Bereiche, die mit den Themen der Massentierhaltung einhergehen, zu betrachten und zu verändern. Lasst uns bitte bei grünen Treffen, intern, wie in der Öffentlichkeit, Zeichen setzen.

vegan!
Solveig Lindner 05.10.2012

Mir ist völlig unbegreiflich, wie sich Menschen als umweltbewußt bezeichnen und selber Produkte von Tieren konsumieren können.

Endlich auf der Tagesordnung!
Wolfgang Weuster 06.10.2012

Schön, dass das umstrittene Thema Massentierhaltung und industrielle Landwirtschaft in voller Dimension auf der Bundesebene angekommen ist!
Mögen sich die anderen Parteien diesem Thema auch weiterhin entziehen, Bündnis 90 Die Grünen haben die Pflicht, dieses ureigene Thema in die Öffentlichkeit zu tragen und für eine deutliche Änderung der bisherigen Agrarpolitik auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene zu kämpfen! Aufklärung ist dabei eine der wichtigsten Aufgaben! Allein die Bürger haben es in der Hand, durch ihr Konsumverhalten einen Richtungswechsel herbeizuführen. Dies kann jedoch nur funktionieren, wenn sie über entsprechende Informationen verfügen. Ich bin dabei!!!

Uns stinkts ProVIEH 3 /2012
Barbara Renz 07.10.2012

Beträge von Prof. Dr. Sievert Lorenzen

"Niedersachsens Wasser ist voll scheiße"

"Das Leben sterben sehen -Rinderbotoulismus und Glyphosat"

Das Thema Massentierhaltung gehört auf die Tagesordnung einer ökologischen Partei wie den Grünen!!

Verständnisfrage
Annemone Ackermann 08.10.2012

Auf welcher Grundlage bezieht der Wert der 25 Hühner je m² und welches Alter haben diese Tiere, in welcher Haltungsform leben sie und zu welchem dann Lebensmittel werden sie gehalten

Polemik hilft dem Thema wenig
Annemone Ackermann 08.10.2012

Noch ein Nachtrag:
Wie schon in meinem Postin zuvor hätte ich es gerne konkreter. Wenn Sie schreiben 90 % der Hühner bekommen Antibiotika, so ist die Angabe schlichtweg falsch, irreführend und polemisch
Laut Statistischem Bundesamt und letzter Zählung 2010 gibt es insgesamt 112 609,6 x 1000 Haltungsplätze für Hühnervögel gesamt, wobei die unter 1000 Tiere im Bestand dabei nicht erfasst wurden. Davon sind 42 527,6 x 1000 Plätze für Legehennen und 87 426,8 x 1000 Plätze für die übrig gehaltenen Hühnervögel. Dazu gehören sowohl Küken und Junghennen aus denen Legehennen werden als auch die Tiere, die als Masthähnchen im Geschäft landen, unabhängig von der Mastlänge.

die Fortsetzung des Nachtrages
Annemone Ackermann 08.10.2012

Und in diesen statistischen Angaben sind natürlich auch die in ökologischer Haltungsform drin. Wenn Sie also 90 % der Hühner mit Antibiotika gefüttert angeben, dann muss ich annehmen, dass die ökologische Haltung nur 10 % der Tiere hält.????
Diese Zahl ist doch eher die aus der Untersuchung aus Nordrhein-Westphalen, die endlich mal konkret wurde, kein Land wollte es genau wissen und jetzt wo die Ergebnisse da sind-zeigen alle auf dieses Land, um von sich abzulenken, aber zurück. Diese über 90 % bezogen sich auf die Hähnchenmastbetriebe und eben nicht auf die Legehennen und die Aufzucht.
Leider reichen die 700 Zeichen nicht aus

nächster Nachtrag und Ende, pauschale Behauptungen helfen nicht weiter
Annemone Ackermann 08.10.2012

Wenn man weiß, dass 25 % dessen was das Huhn frisst im Ei wieder zu finden ist, dann weiß jeder, dass es ein Himmelfahrtskommando wäre den Tieren Antibiotika zu füttern. Aus diesem Grunde sind ja auch die Dioxinfunde in Niedersachsen heraus gekommen in sowohl konventionellen als auch in ökol. Haltungen. Das Dioxin war im Auslauf der Freilandhaltungen. Dioxin kommt z.B. durch Asche von verbrannten Bahnschwellen, Holz mit Altanstrichen, oder Holzschutzmitteln, Autoreifen usw vor. Diese wurde oft nach dem Kriege als Dünger auf Flächen verwendet. Deshalb ist eine vorherige Untersuchung der Ausläufe wichtig, denn Dioxin hat eine elendig lange Halbwertzeit. So das wärs.

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