Ökologisches Bauen Ökobaustoffe raus aus der Nische

Unter dem Motto: „Ökobaustoffe raus aus der Nische!“ diskutierte die grüne Bundestagsfraktion am 28. September beim 4. Ökobaukongress die Rahmenbedingungen für ökologische Baustoffe. Diese sind ein wichtiger Baustein für die Energiewende und Bestandteil des Aktionsplans zur stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe. Die Bundesregierung verschläft diese Aufgaben.

Auch aufgrund der höheren Kosten der ökologischen Baustoffe gegenüber den Konventionellen ist der Grad ihrer Verwendung im Bausektor noch zu gering. Doch das von Rot-Grün eingeführte Marktanreizprogramm führte die große Koalition nicht fort. Eine gezielte Förderung ökologische Baustoffe gibt es nicht mehr. Dabei bieten ökologische Baustoffe eine Menge Vorteile: Recyclingfähigkeit und Abbaubarkeit, eine bessere Energiebilanz im Lebenszyklus, gesunde Raumluft sowie bauliche und thermische Qualitäten. Mit den Erkenntnissen aus dem Kongress wollen wir die Umsetzung des Aktionsplans voran treiben.

Den Ökobaukongress 2012 eröffnete Renate Künast mit einer Rede zu Städten als Schlüssel der Transformation. Eine viel breitere Zukunftsdebatte sei nötig - eine Debatte über nachhaltig leben – gerade auch hinsichtlich Mobilität, Ernährung und Wohnen, die über Styropor-Dämmplatten hinaus führt.

Keynote Speaker Prof. Dr. Dr. E.H. Werner Sobeck ging in seinem Vortrag „Triple Zero Konzept: Neue Entwicklungen im nachhaltigen Bauen“ auf die zentralen Herausforderungen nachhaltigen und zukunftsweisenden Bauens ein. Er wies nicht nur auf die CO2-Emissionen und den Energieverbrauch von bestehenden Gebäuden hin, sondern stellte die Bauwirtschaft insgesamt als wichtigen Schlüssel zur Erreichung der Klimaziele dar. Denn hier fallen 50 Prozent des Massenmüllaufkommens an und werden 50 Prozent der natürlichen Ressourcen verbraucht. Nach dem Triple Zero Konzept [Dreifach Null Konzept] seien fossile und nukleare Energieträger zu vermeiden, ebenso wie Emissionen und Müll. Und zwar bei der Herstellung, während der Betriebszeit sowie bei Abriss und Entsorgung. Für Herrn Prof. Dr. Sobeck ist es daher notwendig dringend geboten, den Energieverbauch zu reduzieren. Dies sollte über die Minimierung des Gewichts, die Vermeidung von Abfall sowie die Steigerung der Recyclingquote und -fähigkeit der Bauprodukte. Beispiel sollte die Automobilindustrie sein, die in 2010 eine Recyclingquote von über 85 Prozent hatte.

In drei Workshops wurde folgenden Fragestellungen nachgegangen:

  • Triple Zero Ansatz – Welche Rahmenbedingung sollte die Politik setzen?
  • Zertifizierungen – Greenwashing oder Segen für die Ökobaustoffe?
  • Was ist in Ausbildung und Studium notwendig, um das ökologische Bauen voranzubringen?

Triple Zero Ansatz – Welche Rahmenbedingung sollte die Politik setzen?

Im ersten Workshop stellte Brigitte Hermann von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR) die Schwerpunkte im Handlungsfeld 9 des Aktionsplans stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe vor. Dieser sieht vor den Marktanteil ökologischer Baustoffe zu steigern. So wurde seit 1998 der Bereich Bauen mit 20 Mio. Euro unterstützt, um neue Anwendungsbereiche zu erschließen, und um Beratung und Öffentlichkeitsarbeit zu durchzuführen, etwa mit der Fachberatung Bauen und Wohnen.

Carmen Hock-Heyl von der Firma Hock forderte in ihrem Vortrag, dass bei der Bewertung und Förderung von Bauprodukten ökologische Kriterien einen höheren Stellenwert bekommen müssten. Sie nannte den Primärenergie-Bedarf für die Herstellung, die CO2-Bilanz , und der Anteil nachwachsender Rohstoffen. Darüber hinaus seien eine Volldeklaration aller Inhaltsstoffe, klare Aussagen der Hersteller zur Entsorgung nach der Nutzungsphase und eine Änderung der Förderpolitik dringend notwendig.

Karlheinz Müller (von der Firma Baufritz) plädierte für einen reduzierten Mehrwertsteuersatz für nachwachsende Rohstoffe, besondere Abschreibungsmöglichkeiten bei der Verwendung von nachwachsende Rohstoffe für Privatpersonen und Unternehmen, Vorgaben für die öffentliche Planung (etwa einen Mindestanteil nachwachsender Rohstoffe von 60 Prozent in der Konstruktion), eine abgestufte Kopplung von KfW-Fördermitteln an die Erstellung von CO2-Bilanzen und ein Cradle-to-Cradle Prinzip bei zertifizierten Produkten.

Zertifizierungen – Greenwashing oder Segen für die Ökobaustoffe?

Zu Beginn des zweiten Workshops stellte Klaus Fudicar (vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung) das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen für Bundesbauten (BNB) vor. Ziel des Nachhaltigen Bauens ist der Ressourcenschutz, hob er hervor und verwies auf den Grundsatz des Lebenszyklusprinzips bei der Nachhaltigkeit. Im umfassenden Ansatz der Gebäudebetrachtung beim BNB würden Standorte von Gebäuden nicht bewertet aber ansonsten eine ganzheitliche Betrachtung von Gebäuden ermöglicht, anhang von47 Kriteriensteckbriefen. Aus deren Bewertung erfolge dann die Benotung in den Standards Bronze, Silber und Gold, die um Noten ergänzt würden.

Nachfolgend wies Theresa Keilhacker, Vorsitzende des Fachausschusses „Nachhaltiges Planen und Bauen“ der Architektenkammer Berlin, darauf hin, dass sich das Siegel der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) hin zu einem Industriesiegel verselbstständigt hätte. In der Gründungsphase waren viele Engagierte mit dabei aber auch Bauindustrie. Auch stellte sich für sie die Frage, ob Haustechnik, die beim Siegel eine große Rolle spielt, den Lebenszyklus von 10 Jahren überlebt. Sie warnte davor, kurzfristig in der Bewertung gut abschneidende Techniken einzuführen, die auf lange Sicht ihre Versprechungen vielleicht nicht halten. Eine Forderung war, die produktneutrale Information über Bauproduktgruppen und Baustoffe erheblich auszubauen, etwa mit einer kostenfreien Informationsseite der öffentlichen Hand.

Thomas Schmitz-Günther von Natureplus e.V. machte den Unterschied zwischen Labels gegenüber Produkt-Deklarationen deutlich. Label sind leichter verständlich, die Bewertung wird nach bestimmten Zielen durchgeführt und bietet daher eine Orientierung. Hingegen seien Deklarationen reine Darstellungen von Messwerten, damit für den Verbraucher zu kompliziert und nicht vergleichbar, nicht wertend. Er verwies darauf, dass die Ökobilanz der Baustoffe bei all den bestehenden Labels nur einen untergeordneten Raum ein nimmt. Zusätzlich brauchen Ökobaustoffe Kontrolle hinsichtlich ihrer Herkunft und Erzeugung und ihrer Energieeffizienz.

Was ist in Ausbildung und Studium notwendig das ökologisches Bauen voranzubringen?

Dr. Volker Born vom Zentralverband des Deutschen Handwerks machte deutlich, dass die Energiewende ist ein wichtiges Thema und ein echter Innovationsmotor für die 30 Gewerke im Handwerk ist. Die Themen Fachkräftesicherung und -mangel werden diskutiert und haben schon zu europaweiten Initiativen geführt. Wie die EU-Initiative Build Up Skills [Fähigkeiten Auf-bauen] in Kooperation mit der Industrie, welche auf 30 Handwerks- und zehn Industrieberufe zählt. Klar ist, so Dr. Born, der Bedarf nach ganzheitlicher Betrachtung des Systems Bau, um über rein gewerkeabhängige Lösungen hinaus zu kommen. Der Rahmen sei gut, die Lehrinhalte zum Thema energieeffizientes Bauen wären vorhanden, und Ausbildungsinhalte werden bereits technikoffen formuliert. Einige Teilgebiete hätten jedoch Nachholbedarf bezüglich Ganzheitlichkeit und seien noch nicht ausreichend in den Ordnungen verankert, beispielsweise die Bauwerkstoffkunde.. Das wolle das Handwerk in den kommenden Jahren aufgreifen. Aus- und Fortbildung muss sich den Herausforderungen stellen. Am ganzheitlichen Bauen sind sehr viele Gewerke beteiligt. Diese müssen gut zusammenarbeiten, Koordination zwischen diesen ist daher zentral.

Prof. Dr. Johannes Meyser, Leiter des Bereichs Fachdidaktik Bautechnik und Landschaftsgestaltung des Instituts für Berufliche Bildung und Arbeitslehre an der Technische Universität Berlin,,begrüßte es sehr, dass auch die berufliche Bildung mit im Workshop vertreten war. Überbetriebliche Ausbildung sei wichtig und die großen überbetrieblichen Ausbildungszentren der Bauwirtschaft hätten viel Know How. Herr Prof. Dr. Meyser verwies darauf, dass diese Ausbildungszentren eigentlich viel mehr leisten könnten, wie etwa Beratung. Niedrige Standards kämen aufgrund der Struktur von Bauwirtschaft und Handwerk zustande -90 Prozent der Betriebe haben weniger als 20 Mitarbeiter. Der Begriff der Nachhaltigkeit und Gewerke übergreifendes Arbeiten muss seiner Auffassung nach direkt an der Praxis ausgerichtet und in der Praxis erlernt werden.

Nachfolgend stellte Herr Prof. Dr.-Ing. Frank U. Vogdt, Leiter des Fachgebiets Bauphysik und Baukonstruktion am Institut für Bauingenieurwesen der TU Berlin, klar, dass nahezu jede Universität eine Lehrveranstaltung zum Thema Nachhaltiges Bauen hat. Diese erfreuten sich einer immensen Nachfrage und seien von Bauingenieuren, Architekten, Lehramt, Wirtschaftsingenieuren interdisziplinär besucht. Studierende, Bau- und Wirtschaftsingenieure, seien mit dem Studienabschluss an seinem Lehrbereich auch Auditor für das Bewertungssystem nachhaltiges Bauen. Bewertungssysteme werden an diesen Universitäten auch mit kritischen Nachfragen zum nachhaltigen Bauen hinterfragt, etwa was die Gegenüberstellung verschiedener ökologischer Kriterien anginge. So sei allein die Betrachtung gemessen am Niedrigenergiehaus nicht ausreichend, die Umweltauswirkung insgesamt muss immer mitgedacht werden.

Wir danken den ExpertInnen und dem Publikum für die anregende Diskussion.

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