Antibiotika in der Tierhaltung Resistente Keime breiten sich aus

Fleischereifachverkäuferin füllt Mett in eine Schale

Zwischen dem 17. Dezember und dem 19. Dezember wurden im Auftrag der grünen Bundestagsfraktion in den Städten Leipzig, Erfurt, München, Frankfurt am Main, Köln, Essen, Osnabrück, Hamburg, Hannover und Berlin jeweils fünf Mettproben gekauft und in ein Labor zur Untersuchung geschickt. Die Mettproben wurden in Discountern, Supermärkten und Bäckereien erworben.

Auf acht der Proben wurden ESBL-Keime nachgewiesen. 16 Prozent des für den direkten Verzehr gedachten Metts waren damit mit ESBL-bildenden Keimen belastet und stellen somit unmittelbar eine Gesundheitsgefahr für die Verzehrenden dar.

Die Testergebnisse und Hintergrundinformationen befinden sich hier.

Antibiotikaresistente Keime in der Tierhaltung und auf Lebensmitteln sind ein wachsendes Problem, das auch für die Verbraucherinnen und Verbraucher ein Gesundheitsrisiko darstellt. Infizieren sie sich mit diesen Keimen, ist eine Behandlung aufgrund der Unempfindlichkeit der Keime gegenüber Antibiotika schwierig.

Ursache für das Entstehen antibiotikaresistenter Keime in Ställen ist der massive und häufig unsachgemäße Einsatz dieser Arzneimittel in der Tierhaltung. Obwohl das Ausmaß der Problematik seit der Antibiotika-Studie aus Nordrhein-Westfalen vom November 2011 bekannt ist, reagiert die Bundesregierung nur zögerlich. Sie weiß genau: Antibiotika sind der Schmierstoff der industriellen Tierhaltung. Wird ihr Einsatz eingeschränkt, lässt sich das System der Intensivtierhaltung nicht länger aufrecht erhalten.

Bundesregierung muss handeln

Wir fordern die Bundesregierung auf, endlich engagiert gegen den massiven Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung vorzugehen. Eine reine Ausweitung der Dokumentationspflicht, wie es mit der vorgelegten Novelle des Arzneimittelgesetzes geplant ist, reicht bei weitem nicht aus.

Um den Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung deutlich zu reduzieren, müssen die Haltungsbedingungen geändert werden: die Tiere brauchen mehr Platz und Auslauf, die Bestandsgrößen müssen deutlich verringert werden, um den Infektionsdruck zu reduzieren, und Qualzuchten, die einseitig auf Leistungssteigerung setzen und die Gesundheit außen vor lassen, müssen konsequent verboten werden.

Den flächendeckenden Einsatz sogenannter Reserveantibiotika in der Tierhaltung wollen wir verbieten. Diese Antibiotika sind Notfallmedikamente für den Menschen, wenn die herkömmlichen Antibiotika nicht mehr ansprechen. Der häufige Einsatz dieser Reserveantibiotika in der Tiermast führt zu Resistenzbildungen und verschärft damit die Risiken von nichtbehandelbaren Krankheiten im Humanbereich.

Fleisch und Wurstwaren, die für den rohen Verzehr gedacht sind, müssen routinemäßig auf ESBL-produzierende Keime untersucht und bei Befall aus dem Verkehr gezogen werden. So kann die Gefahr für die Verbraucherinnen und Verbraucher, sich mit anitbiotikaresistenten Keimen zu infizieren, reduziert werden.

Hintergrund

Was ist ESBL?

ESBL ist die Abkürzung für bestimmte Enzyme, die „extended-spectrum beta-lactamases“. Diese Enzyme können ein breites Spektrum von Beta-Laktam-Antibiotika verändern und damit unwirksam machen. Bakterien, die ESBL bilden, sind unter anderem gegen Penicilline aber auch Cephalosporine der dritten und vierten Generation resistent. Letztere werden als Reserveantibiotika eingesetzt.

Wie kommen ESBL-Keime ins Schweinemett?

ESBL-produzierende Keime galten lange als Problem von Krankenhäusern. Seit 2000 werden ESBL-tragende Keime aber auch in Nutztierbeständen (Geflügel, Schwein, Rind) und in Lebensmitteln nachgewiesen. Verschiedene Studien aus Deutschland, den Niederlanden, Dänemark und Frankreich belegen eine stetige Resistenzzunahme in Nutztierbeständen. Eine Ursache ist der massive und häufig unsachgemäße Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung. Die Mastställe sind quasi ein riesiges Trainingsgebiet für Keime, um resistent gegen Antibiotika zu werden. In vielen Ställen gehören die ESBL Keime mittlerweile zum festen Inventar und finden sich deshalb auch in den Fleischprodukten wieder.

Was heißt das für die VerbraucherInnen?

Das Bundesamt für Risikoforschung (BfR) sieht im Auftreten von ESBL-bildenden Keimen in der Nutztierhaltung und in Lebensmitteln ein erhebliches Problem für den gesundheitlichen Verbraucherschutz. Auch wenn bislang wenig belastbare Daten darüber vorliegen, welche Rolle infizierte Lebensmittel beziehungsweise Tierbestände in der Landwirtschaf t für die ESBL-Problematik beim Menschen spielen, belegen die vorliegenden Erkenntnisse laut Aussagen des BfR deutlich ein Gesundheitsrisiko für den Menschen.

Über den Konsum von mit ESBL-bildenden Bakterien belasteten Produkten können diese Bakterien auf den Menschen übertragen werden. Im Fall einer Erkrankung ist diese aufgrund der Resistenz gegen verschiedene Antibiotika schlechter zu behandeln. Gerade im Fall von Kindern, älteren Menschen, chronisch Kranken und anderen gesundheitlich gefährdeten Menschen entstehen hieraus besondere Risiken.

Schätzungsweise 30.000 Menschen sterben jährlich in der Bundesrepublik, weil sie nicht mehr vollständig auf die Behandlung mit Antibiotika ansprechen. Die Übertragung von ESBL-bildenden Keimen aus der Nutztierhaltung über Lebensmittel auf den Menschen verstärkt diese Problematik und damit auch die zunehmende Entwertung von Antibiotika.

Ein zweites Problem stellt die Möglichkeit dar, dass andere Krankheitserreger zusätzlich mit den Antibiotikaresistenzgenen ausgestattet werden können. Da die Gene für ESBL auf leicht übertragbaren Genabschnitten liegen, kann dieser sogenannte horizontale Gentransfer zwischen verschiedenen Bakterien leicht erfolgen.

Darüber hinaus können resistente Bakterien direkt von Nutztieren auf den Menschen übertragen werden und von diesen dann weiter zum Beispiel in Einrichtungen des Gesundheitswesens verschleppt werden.

Das BfR kommt in seiner Stellungnahme zu ESBL-bildenden Bakterien in Lebensmittel zu dem Schluss, dass angesichts der Zunahme ESBL-bildender Keime in den Nutztierbeständen und des davon ausgehenden Gesundheitsrisikos für den Menschen Maßnahmen zur Eindämmung dieser Entwicklung ergriffen werden müssen.

Wie können sich VerbraucherInnen vor ESBL-bildenden Keimen schützen?

Wer die einschlägigen Regeln der Küchenhygiene beachtet, Fleisch und Eier immer durchgart und den direkten beziehungsweise indirekten Kontakt verzehrfertiger Lebensmitteln mit rohem Fleisch oder rohen Eiern vermeidet, kann sich vor einer Infektion mit ESBL-tragenden Keimen schützen.

Im Falle des hier untersuchten Schweinemetts, das roh verzehrt wird, helfen diese Vorsichtsmaßnahmen nicht.

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