Inklusion Durch Inklusion gewinnen alle

Tafel mit Erklärung für Inklusion, Integration, Seperation und Exklusion

Das Bildungssystem muss Vielfalt wertschätzen

Vielfalt, Individualität und Heterogenität sind nicht Ballast, sondern Reichtum – das ist die Grundidee von Inklusion. Für dieses pädagogische und bildungspolitische Leitbild setzen wir uns überall ein. Auch die Bundesebene muss in Zusammenarbeit mit Ländern und Kommunen ihren Beitrag leisten, um Inklusion zur gelebten Realität in allen Bildungsstufen machen. Von der Kita über Schule, Ausbildung und Hochschule bis in die Weiterbildung.

Der Bildungsausschuss des Deutschen Bundestages veranstaltete am 20. März 2013 ein Fachgespräch zum „Stand der Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen im Bildungsbereich in Deutschland“ mit sechs Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis. Gegenstand der Anhörung war unter anderem unser Antrag „Zusammen lernen – Recht auf inklusive Bildung bundesweit umsetzen“ (Drs. 17/11163) und die Stellungnahme unseres Sachverständigen, Prof. Dr. Rolf Werning (Drs. 17(18)373b).

Der Rechtsanspruch auf ein inklusives Bildungssystem muss in allen Bildungsstufen umgesetzt werden, von der Kita über Schule, Ausbildung und Hochschule bis in die Weiterbildung. Das ist eine ambitionierte Aufgabe allein schon angesichts der föderalen Zuständigkeitsverteilung in der Bildungspolitik. Inklusion verlangt zudem einen Perspektivenwechsel, der die Strukturen unseres Bildungssystems auf die Vielfalt der Menschen ausrichtet – nicht umgekehrt. Denn Inklusion geht aus von der Wertschätzung von Vielfalt, Individualität und Heterogenität. Damit macht Inklusion unsere Gesellschaft gerechter, offener und menschlicher.

Der Transformationsprozess hin zu einem echten inklusiven Bildungssystem braucht Zeit, Vertrauen und den guten Willen aller Akteure und Ebenen. Drei Jahre nach Inkrafttreten der UN-Konvention sind im Jahr 2012 in Deutschland noch fast 25.000 Kinder in Förderschulen eingeschult worden. Ihre Chance auf einen Schulabschluss und langfristig auf ein eigenständiges Leben ist damit vom ersten Schultag an viel geringer als auf einer allgemeinbildenden Schule. Denn noch immer verlassen 75 Prozent der Jugendlichen eine Förderschule ohne jeden formalen Schulabschluss. Das darf nicht so bleiben. Wir setzen uns dafür ein, auch auf Bundesebene die Bedingungen zu schaffen, damit das notwendige Umsteuern in allen Bildungsbereichen und darüber hinaus gelingen kann.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung darf sich bei diesem wichtigen Thema nicht hinter dem Kooperationsverbot des Grundgesetzes verstecken. Die Kinder und Jugendlichen brauchen ein Investitionsprogramm für inklusive Bildung, das heißt für Barrierefreiheit und für gezielte individuelle Förderung. Auch in der Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte muss der Bund sich verstärkt für mehr sonderpädagogische Qualifikationsmöglichkeiten einsetzen. Alle Pädagogen und Pädagoginnen müssen in die Lage versetzt werden, mit Heterogenität produktiv umzugehen und jedes Kind individuell zu fördern.

Nach Ansicht der versammelten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis hat der Bund aber auch schon heute, vor einer Grundgesetzänderung, viele Handlungsmöglichkeiten. Damit Teilhabe für alle in ihrer Vielfalt Wirklichkeit werden kann, muss der Bund:

  • die Bildungsforschung verstärken und ihre Ergebnisse im politischen Prozess nutzen
  • den Stand der Inklusion im alle zwei Jahre erscheinenden Bildungsbericht von Bund und Ländern verankern
  • den „Nationalen Aktionsplan“ zur Umsetzung weiterentwickeln und konkretisieren
  • die Sozialgesetzbücher modifizieren und wo nötig zusammenfassen, um mit der neuen Herausforderung Schritt halten zu können

Die Umsetzung der UN-Konvention kann nur schrittweise mit Augenmaß und mit Beharrlichkeit erreicht werden. Diese Aufgabe ist eine große Herausforderung und eine Generationenaufgabe. Bundestag und Bundesrat haben der Konvention und ihrer Umsetzung in Deutschland jeweils einstimmig zugestimmt. Nun müssen alle Ebenen mit einem gemeinsamen Zeitplan und koordiniertem Ressourceneinsatz dafür sorgen, dass die gesamtstaatliche Aufgabe eines inklusiven Bildungssystems erfüllt wird.

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