Fachkräftemangel Zuwanderung allein wird's nicht richten

DRK-Seniorenwohnanlage in Rostock-Evershagen, eine Pflegekraft hilft einer Bewohnerin beim Essen.

Die Fachvorträge machten deutlich, dass der Personalmangel in der Pflege kein isoliertes Problem ist. Daher sind isolierte Lösungsansätze wenig erfolgversprechend. Die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte kann kein Allheilmittel sein. Zuwanderung kann nur im Zusammenspiel mit weiteren Maßnahmen zur Problemlösung beitragen. Zudem ist Deutschland für viele ausländische und vor allem gut qualifizierte Pflegekräfte nicht unbedingt eine Reise ins gesegnete Land. Andere europäische Länder bieten bessere Arbeitsbedingungen, bessere Bezahlung und nicht selten auch bessere Integrationschancen. Darüber hinaus stehen immer mehr europäische Länder vor dem gleichen Personalproblem wie Deutschland. Ja, wir brauchen möglicherweise Zuwanderung für den Pflegebereich. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir die Ressourcen und Potenziale im eigenen Land vernachlässigen.

Will man den Personalmangel in den Griff bekommen, dann braucht es die Anstrengungen aller Akteure – der professionell und nicht-professionell Tätigen, der Politik sowie der Länder und Kommunen, der Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretung. Die Dialogveranstaltung macht deutlich, dass eine gemeinsame und abgestimmte Aktion aller notwendig ist. Denn vielfach werden gute Ideen und notwendige Ansätze in dem einen Bereich beispielsweise durch gesetzliche Vorgaben in einem anderen zunichte gemacht. Um solche Entwicklungen zu vermeiden ist es notwendig Auswirkungen zu diskutieren und wenn möglich in Modellprojekten zu untersuchen.

Die Diskussion hat gezeigt, ein ganzes Bündel an Maßnahmen ist notwendig, wenn wir zukünftig eine menschenwürdige Pflege in Deutschland sichern wollen. Dazu gehören unter anderem

  • die aktive Beeinflussung von Pflegebedürftigkeit durch Prävention, Gesundheitsförderung und Rehabilitation, durch den Abbau von Über- Unter- und Fehlversorgung;
  • die Steigerung der Berufszufriedenheit, zum Beispiel durch weniger Bürokratie und Schaffung überschaubarer Pflege- und Betreuungsformen;
  • die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, was unter anderem auch die Gesunderhaltung des Personals zwingend einschließt;
  • neue Strategien zur Anwerbung von Berufsinteressenten, die über Imagekampagnen hinausgehen;
  • eine gemeinsame europäische Strategie zur Gewinnung von Personal;
  • die Steigerung der Attraktivität der Pflegeausbildung durch ein durchlässiges Aus- und Weiterqualifizierungssystem für einen unbürokratischen Berufsein- und Aufstieg;
  • gesicherte Finanzierung der Erstausbildung und Umschulung;
  • mehr Ausbildungsplätze;
  • Monitoring zur regionalen Erfassung des derzeitigen und künftigen Pflegepersonalbedarfs;
  • neue Formen der Arbeitsorganisation und Kooperation, die zur besseren Versorgung beitragen und den Einzelnen entlasten;
  • Kooperationen zwischen den professionellen und nicht-professionellen Akteuren im Sinne eines Hilfe-Mix, damit Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wird;
  • weniger Regulierung und mehr Spielräume für unternehmerische Kreativität;
  • gemeinwesenorientierte Strukturen, um Teilhabe zu ermöglichen;
  • mehr Entscheidungsbefugnisse wie auch finanzielle Spielräume für die Verantwortlichen vor Ort.

Der Personalmangel in der Pflege ist eines der wichtigsten Themen überhaupt. Es bedarf unser aller Anstrengungen, diesem zu begegnen und auch die Regierung aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken und zum Handeln zu zwingen. Es gibt kein Wissens- sondern ein Handlungsdefizit. Auch wenn es Herrn Rösler noch nicht klar zu sein scheint: Der Personalmangel in der Pflege wird weit massiver ausfallen als der Ärztemangel. Denn: Ohne pflegerische Unterstützung sehen wir alle ziemlich alt aus.

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