Marode Bahnbrücken Verfall der Verkehrswege stoppen

Eisenbahnbrücke die an Häusern vorbei über eine Straße führt

Bohmte, Böhlen, Bad Oeynhausen? Nicht gerade bundesweit bekannte Metropolen. Doch wir Grüne im Bundestag rücken diese und viele andere Orte in den Fokus der politischen Aufmerksamkeit. Denn sie haben eines gemein: ihre Eisenbahnbrücken sind Hot Spots einer schleichenden Infrastrukturkrise, die die Bundesregierung seit Jahren fahrlässig verschärft.

Deutschlands Verkehrswege verfallen

Deutschlands Verkehrswege gehen zunehmend kaputt, verschleißen, werden marode. Zwei anerkannte Kommissionen haben die finanzielle Dimension dieser Krise erfasst: Jedes Jahr fehlen in Deutschland 7,2 Milliarden Euro um Straßen, Schienen und Wasserwege zu erhalten und zu sanieren. Eine seit Jahren absehbare Entwicklung, wenn man sich das Alter vieler Verkehrsanlagen vor Augen führt. Doch der Blick der Verkehrs- und HaushaltspolitikerInnen von Union und SPD haftet noch immer allein auf neuen Prestigebauten — überteuerte Großprojekte wie "Stuttgart 21" und der Berliner Großflughafen BER oder die vielen Umgehungsstraßen in den Wahlkreisen der Republik.

Nötig wäre der klare Blick auf Realitäten: Wenn Deutschland die Erhaltung vorhandener Verkehrswege nicht priorisiert, gehen auf unverantwortliche Weise Vermögenswerte verloren. Sanierungsstau und entsprechende Kosten türmen sich für nachfolgende Generationen immer weiter auf. Weil schon jetzt fast ein Drittel aller Eisenbahnbrücken in Deutschland in einem kritischen Zustand sind, geraten Personen- und Wirtschaftsverkehr auf der Schiene zunehmend in Bedrängnis. Und was macht Dobrindt? Auch aktuell will der Verkehrsminister den überwiegenden Teil zusätzlicher Milliarden für den Verkehrsbereich in neuen Straßenbauprojekten verbuddeln — Zukunftsvergessenheit wird so in Zement gegossen.

Marode Eisenbahnbrücken überall

Die Karte zeigt alle Eisenbahnbrücken der Kategorie 4 in den 16 Bundesländern. Kategorie 4 heißt alle Brücken, die so marode sind, dass nur noch ein Abriss und Neubau wirtschafltich wären.

Wir Grüne im Bundestag haben uns die Mühe gemacht, in zahlreichen Kleinen Anfragen an die Bundesregierung zu ermitteln, wo die vielen kritischen Eisenbahnbrücken in unserem Lande liegen (siehe Kasten rechts). Wir wollen die Zahlen und Fakten auf den Tisch legen, statt sie wie die große Koalition unter den schwarz-roten Teppich zu kehren.

Eine kleine Rundschau: Von Berlins 895 Eisenbahnbrücken weisen 90 so gravierende Schäden auf, dass eine Instandsetzung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht mehr sinnvoll ist. In Brandenburg befindet sich ein Drittel der rund 800 Eisenbahnbrücken in einem Besorgnis erregenden Zustand. In Baden-Württemberg sind 101 Brückenbauwerke abrissreif. Zwei Drittel haben größere, zum Teil umfangreiche Defekte. Auch in Bayern kommt für 175 Brücken jede Hilfe zu spät: sie haben so gravierende Schäden, dass sie in den nächsten Jahren neu gebaut werden müssen. In NRW fällt jede dritte Eisenbahnbrücke unter eine kritische Kategorie, darunter auch die für das gesamte Fernnetz der Bahn unverzichtbare Hohenzollernbrücke in Köln oder die Brücke über die Ruhr zwischen Hagen und Schwerte.

Umfangreicher Sanierungsplan unverzichtbar

Feststeht: Die Deutsche Bahn AG hat viel zu lange das ihr übertragene Streckennetz vernachlässigt und Einnahmen der Netzsparte für Zukäufe im internationalen Logistikgeschäft genutzt. Hier hat der Bund seine Verantwortung als Eigentümer und Aufseher massiv verletzt. Ebenso widersinnig handelt die Bundesregierung, wenn sie der DB Jahr für Jahr Millionen in Form der Bahndividende entzieht, um den Bundeshaushalt aufzuhübschen. Wir Grüne im Bundestag wollen, dass Einnahmen aus der Schieneninfrastruktur künftig zu 100 Prozent reinvestiert werden.

Feststeht auch: Solange das bestehende Finanzvolumen des Verkehrshaushaltes nur nachrangig und ungenügend die Erhaltung und Sanierung von Bundesverkehrswegen berücksichtigt, sind allgemeine Forderungen nach mehr Geld für die Verkehrsinfrastruktur unglaubwürdig. Die Deutsche Bahn muss jetzt einen umfangreichen Sanierungsplan erstellen. Der Plan muss mit dem Bund, den Ländern, den Zweckverbänden und den Fahrgästen abgestimmt werden, um Beeinträchtigungen so gut wie möglich zu minimieren.

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7 Kommentare
Wirklich alles Brücken?
Andreas 30.07.2014

Kurze Stichprobe ergab, dass auch sog. Durchlässe (Querverbindung für Bäche) aufgeführt sind.
Also neues 100er-Rohr durch geschoben und fertig.

Nett, aber ...
FS 31.07.2014

eine abspeicherbare, ausdruckbare Karte (z.B. PDF) wäre weitaus besser, um in der jeweiligen Region auf das Problem hinzuweisen. Da könnte man die Karte per Mail verschicken oder verteilen.

Verfall geht ungebremst weiter:
FS 31.07.2014

Man sollte auch noch darauf hinweisen:
aktuell werden ca 120 Brücken pro Jahr saniert. Bei einer rechnerischen Lebensdauer von 100 Jahren müssten aber etwa 240 Brücken pro Jahr saniert werden, um nur auf einem stabilen (schlechten) Niveau zu bleiben.
Der Verfall nimmt seinen Lauf, und Sperrungn wird es irgendwann sicher auch geben müssen. Und dann sind nicht nur die Bahnlinien betroffen, sondern auch das, was auf der "anderen Eben der Brücke liegt: Straßen drunter, darüber usw.
Wenn die Bahn zu wenig Geld hat, um ihren Verpflichtungen nachzukommen, dann muss sie halt ihre Auslandsbeteiligungen verkaufen!

Zuordnung zu den Punkten
bigbug21 03.08.2014

Ich finde es bemerkenswert, wie ihr so viele Brücken genau zugeordnet habt. Wie konntet ihr denn die genauen Standorte der Bauwerke anhand der Streckennummer- und Kilometerdaten herausfinden? Wir hatten eine solche Darstellung auch für die OpenRailwayMap im Auge, aber uns fehlen noch für viele Strecken genaue Daten über die Streckenkilometrierung.

BRAVO!!
Werner Sauerborn 03.08.2014

Das ist wirklich verdienstvoll! Wir haben es auch schon aufgegriffen, für die Region hier konkretisiert und in in unsere Argumentation gegen S21, das ja der Inbegriff der anderen Seite dieser Medaille ist, einbezogen..

Kleine Bitte noch: wäre gut gleich auf der ersten Seite zu sagen woher diese Kategorisierungen kommen. Eure? DB? EBA?

& Gruß von Werner Sauerborn. Aktionsbündnis gegen S21

Tabellendaten
Enrico Pelocke 07.08.2014

Gibt es die Daten in den kleinen Tabellen, die erscheinen, wenn man die bunten Punkte anklickt, auch zusammengefaßt alle zusammen in einer einzigen Excel-Tabelle? Ich würde mich sehr freuen, wenn ich sie in Excel-Versiuon 4 an meine Email-Adresse erhalten könmnte. Dankeschön. @FS Daß man sich diese Karte nicht runterladen kann, bedaure ich auch. Wenn man diese Karte in eine Word-Datei einfügt, sind die bunten Punkte nicht in der Karte, sondern alle darunter. Das bringt nichts.@bigbug21: Beim EK-Verlag wurden vor Jahren Karten der Reichsbahndirektionen von 1947 nachgedruckt. Dort stehen die km drin. Ich weiß nicht, ob sie noch erhältlich sind.

@Enrico Pelocke
bigbug21 12.08.2014

Hallo Enrico,

die Tabellendaten stehen zusammengefasst zum Download unter "Datensatz" bereit.

Indes besteht auch kein Zweifel daran, dass die Streckenkilometerdaten grundsätzlich öffentlich grob verfügbar sind. Beispielsweise erscheint seit vielen Jahren auch ein Eisenbahnatlas Deutschland, in dem wesentliche Eckwerte hinterlegt sind. Auch auf der OpenRailwayMap sind für etwa ein Viertel der Bahnstrecken in Deutschland bereits solche Daten hinterlegt.

Wir haben uns beim Team der OpenRailwayMap allerdings gefragt, wie eine exakte Zuordnung der Strecken-Streckenkilometerdaten zu geografischen Orten derart präzise möglich war.

Viele Grüße
Peter

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