Fachgespräch Ökologischer Hochwasserschutz

Hochwasser in Grimma (Sachsen) am 3. Juni 2013
Hochwasser in Grimma (Sachsen) am 3. Juni 2013

Verschärft durch den Ausbau der Flüsse und die Einengung der Überschwemmungsgebiete kam es in den letzten beiden Jahrzehnten zu immer mehr verheerenden Fluten in verschiedenen Teilen Deutschlands. Zuletzt beispielsweise in Ostsachsen und im Erzgebirge im Sommer 2010, an der Elbe im Winter 2011, an Elbe und Donau im Sommer 2013.

Leider reagieren Bund und viele Länder darauf immer noch mit immer höheren Deichen und mehr Beton. Dabei zeigen Projekte des ökologischen Hochwasserschutzes, wie etwa das noch von Bundesumweltminister Jürgen Trittin initiierte Projekt „Lenzener Elbtalaue“, dass Pegelstände durch ökologische Hochwasserschutzmaßnahmen massiv gesenkt werden können. Zum Beispiel lag 2013 der Hochwasserscheitel der Elbe bei Stadt Lenzen aufgrund der Renaturierung und Deichrückverlegung in der Lenzener Elbtalaue 45 cm unter dem vergleichbarer Hochwasser.

Die Studie „Economic and Social Benefits of Environmental Protection“ im Auftrag der EU hat ergeben, dass Klimafolgenanpassungen wie ökologischer Hochwasserschutz einen hohen bis sehr hohen Kosten-Nutzen-Faktor haben und ein investierter Euro zwischen 6 und 9 Euro an Wiederaufbaukosten spart. Auch eine Studie im Auftrag der Bundesregierung zeigt für Deutschland, dass der Nutzen naturverträglicher Hochwasserschutzmaßnahmen wie Deichrückverlegungen in Kombination mit Auenrenaturierung, die Kosten um den Faktor 3:1 überwiegt.

Nach Jahren hat nun die Bundesregierung endlich ein Nationales Hochwasserschutzprogramm vorgelegt, leider ohne die Beteiligung der Umweltverbände in Deutschland. Wahrscheinlich ein Grund dafür, dass der klassische bauliche Hochwasserschutz in dem Programm überwiegt. So stehen 56 Polder und 19 Deichverstärkungsvorhaben rund 30 Deichrückverlegungen gegenüber. Konkret bedeutet dies, dass effektiver wie kostengünstiger Hochwasserschutz verhindert wird, Synergieeffekte zwischen Naturschutz und Hochwasserschutz werden nicht genutzt.

Daher haben wir am 5. November 2014 das vorgelegte Programm kritisch im Umweltausschuss diskutiert.

Mehr Retentionsflächen

Der geladene Experte Michael Bender (Grünen Liga) verwies unter anderem darauf, dass bspw. entlang des Rheins rund 10 Millionen Hektar Überflutungsflächen aufgrund von Eindeichung und Schiffbarmachung verlorengegangen sind. Dies verdeutlicht das grundsätzlich vorhandene Potential, wenn auch dieser Verlust an Überflutungsflächen nicht komplett umkehrbar ist. Gerade der Umstand, dass ökologischer Hochwasserschutz zu mehr Ökosystemdienstleistungen führt wird viel zu wenig im Programm der Bundesregierung berücksichtigt. Ergänzend verwies Herr Bender auch auf Zielkonflikte zwischen baulichem Hochwasserschutz und Naturschutz, wie beispielsweise beim Bau von Rückhaltebecken in FFH-Gebieten. Neben vermehrter Renaturierung empfahl Herr Bender eine mehr an Hochwasser angepasste Siedlungsplanung durch eine striktere Anwendung des Bau- und Raumordnungsrechts und den Rückbau nicht mehr schützender Anlagen. Hochwasserleitzentralen sollten nicht mehr in Überschwemmungsgebieten liegen.

Andere Landwirtschaft in den Auen

Winfried Lücking (BUND) stellte klar, dass dieses Nationale Hochwasserschutzprogramm nur ein Anfang von vermehrten Deichrückverlegungen und Auenrenaturierung sein kann. Auch müsse die landwirtschaftliche Praxis in und außerhalb von Auen dringend geändert werden. Herr Lücking stellt auch dar, dass der ökologische Hochwasserschutz in Kombination mit ökologischem Landbau kostengünstiger ist als der rein technische Hochwasserschutz. Zwar adressiert seiner Ansicht nach der rein technische Hochwasserschutz das berechtigte Sicherheitsbedürfnis der Bürgerinnen und Bürgern, die vermittelte Sicherheit sei aber trügerisch. Dennoch wird in dem vorgelegten Programm der ökologische Hochwasserschutz nur bedingt verfolgt. So bremsen Polder den ökologischen Hochwasserschutz aus, wenn kein integriertes Konzept vorliegt. Seiner Ansicht nach war auch das Projekt Lenzener-Elbtalaue (externer Link) anfangs nicht frei von Kritik, hat sich mittlerweile aber als sehr wirkungsvoll erwiesen. Daher plädierte er für eine ganze Reihe solcher Projekte, die müssten mittels einer Potenzialstudie erfasst werden. Zur Problematik von Neubauten in Überschwemmungsgebieten erklärte Lücking, dass man grundsätzlich über ein Verkaufsmoratorium von Flächen und Gebäuden in Überschwemmungsgebieten nachdenken sollte. Zusätzlich forderte er, den § 78 Wasserhaushaltsgesetz enger zu fassen um Neubauten in Überschwemmungsgebieten endlich wirksam zu verhindern.

Deichrückverlegung und Auenrenaturierung

Georg Rast (WWF) wies darauf hin, dass Hochwasserschutz nicht vollkommenen Schutz garantieren kann, daher sei ökologischer Hochwasserschutz notwendig. Allein reine Schutzversprechen und kurzfristige Baumaßnahmen sind nicht ausreichend. Herr Rast plädierte für ein planmäßiges und abgestimmtes Vorgehen der angedachten Maßnahmen, was offensichtlich noch nicht der Fall sei. Angesichts des Auenzustandsberichtes aus 2009 wird seiner Auffassung nach deutlich, wie groß die Herausforderungen sind. Er verwies darauf, dass es erhebliche Synergiepotenziale gibt, die dringend zu heben sind. Diese ergeben sich über abgestimmte Maßnahmen, wie etwa Deichrückverlegung mit Auenrenaturierung in Kombination mit Fließpoldern. Insgesamt sei eine Gesamtpotenzialanalyse notwendig, wenn die Synergiepotenziale gehoben werden sollen. Um Konflikte zwischen den Kommunen zu vermeiden sei es dringend notwendig, dass jede ihren Beitrag leistet und der übergeordnete Nutzen deutlich gemacht wird. Auch müsse dringend die Zusammenarbeit mit den Landwirten verbessert werden, diese stehe gerade erst am Anfang. Herr Rast machte deutlich, dass zwar ein Artikelgesetz sinnvoll wäre, erweiterte Bundeskompetenzen aber nicht notwendig seien.

Umdenken bei der Wasserstraßenverwaltung

Dietmar Wienholdt (LAWA) macht deutlich, dass die besondere Herausforderung bestehen, wenn landwirtschaftliche Flächen aus der Nutzung genommen werden müssen oder die Nutzung hochwasserangepasst verändert werden müsste. Etwa mittels Ersatzflächen oder bei Poldern Ersatzzahlungen für den Ertragsausfall z.B. im Einsatzfalle. Landwirtschaft sei zwar auch in Poldern möglich, allerdings sei Maisanbau für den Wasserabfluss so hilfreich wie eine Mauer. Herrn Wienholdt wies darauf hin, dass die Wasserstraßenschifffahrtsverwaltung endlich von ihrem rein verkehrlichen Blick auf Flüsse wegkommen muss. Eine weitere Baustelle der Bundesregierung war für ihn, dass die anvisierte Summe der Finanzmittel des Bundes für das Nationale Hochwasserschutzprogramm bei weitem nicht ausreichend sei.

Grüner Antrag

Am 15. Oktober 2014 hat die grüne Bundestagsfraktion einen Antrag in den Deutschen Bundestag eingebracht, in dem konkrete Handlungsempfehlungen für den diskutierten Sachverhalt formuliert werden.

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1 Kommentar
Hochwasserschutz
Hans Robert Jung 02.12.2014

Sehr geehrter Herr Krischer,
auch in unserer Heimat gibt es Hochwasserschutzmaßnahmen--- sollte man meinen.
Tatsächlich werden die Bemühungen der entsprechenden Behörden ignoriert.
Einhalten von gesetzlichen Vorgaben?- Fehlanzeige -
Dabei ist es absehbar, dass irgendwann das nächste Hochwasser "zuschlägt".
Wer hilft dann denjenigen, die (unverschuldet) zu Schaden kommen?
Grüße
Robert Jung

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