Kindersoldaten "Wir fanden das alle toll."

Seit über zehn Jahren gibt es den Red Hand Day am 12. Februar, den internationalen Gedenktag an das Schicksal von Kindersoldaten. Weltweit drucken Menschen ihren roten Handabdruck auf Papier um symbolisch ihre Unterstützung darzustellen. Omid Nouripour hat als kleiner Junge erlebt wie Kinder für den Krieg rekrutiert werden, heute ist er Sprecher für Außenpolitik der grünen Bundestagsfraktion.

Wie bist Du als Kind mit dem Thema Kindersoldaten in Kontakt gekommen? Wie alt warst Du, und wie kam es dazu?

Omid Nouripour:
Wir hatten im Iran seit der 6. Klasse das Fach Militärkunde. Dort wurde ich von einem sehr eifrigen Lehrer unterrichtet. In der 7. Klasse, da waren wir zwölf Jahre alt, plante er mit uns eine Klassenfahrt an die Front im Südwesten des Landes. Wir durften unseren Eltern davon nichts erzählen und haben alle eine Klassenfahrt nach Mashad, das ist ein Pilgerort im Nordosten des Irans, vorgetäuscht. Alle 80 Jungs haben dicht gehalten. Wir waren vier Tage hin und zurück unterwegs, waren dort acht Tage bei der Artillerie, einen Tag im Lazarett und einen Tag richtig im Schützengraben, an der Front.

Wie haben Deine Klassenkameraden damals reagiert?

Wir fanden das alle toll. Da war echter Dreck, echte Waffen, wir haben wirklich geschossen, wenn auch nur ins Nichts. Die Soldaten an der Front haben uns wie Kameraden behandelt, wir fühlten uns ernst genommen und erwachsen, Teil einer echten Sache, auf einer Augenhöhe mit den Kämpfern, eben gar nicht mehr wie Kinder. Im Nachhinein finde ich das beängstigend, wie einfach solche Gehirnwäsche funktioniert, gerade bei Jugendlichen auf der Suche nach ihrer Rolle in der Gesellschaft.

Wurden welche von Ihnen zu Kindersoldaten?

Ob von meinem damaligen Klassenkameraden jemand zum Kindersoldat wurde, das weiß ich nicht, ich bin ja dann auch mit 13 Jahren nach Deutschland geflohen, da war der Krieg aber auch schon vorbei. Aber ich hatte damals in der 5. Klasse einen Kameraden, der war elf und saß hinter mir. Sein Vater ist an der Front gefallen und er hat sich dann alleine bis zur Front durchgeschlagen. Er wollte seinen Vater rächen und als Märtyrer zu ihm ins Paradies. Sie haben ihn aber glücklicherweise geschnappt und zurückgebracht.

Warum werden aus Kindern tötende Soldaten?

Das finde ich, ist eine schwere Frage. Ich kann hier nur eine Geschichte aus dem Iran berichten. In den ersten Tagen, als irakische Panzer in den Iran eindrangen, konnten sie relativ einfach große Landstriche gewinnen, da die iranische Armee nach der Revolution noch nicht konsolidiert war. Ein Junge, er war etwa zehn Jahre alt, hat sich einen Gürtel und Handgranaten besorgt. Er hat sich unter einen Panzer gelegt und dort in die Luft gesprengt. Seine Geschichte wurde dann vom damaligen Revolutionsführer Ayatolla Khomeini aufgegriffen. In vielen Straßen hingen Plakate mit dem Spruch des Revolutionsführers: "Nicht ich bin Euer Anführer, sondern der kleine Junge, der sich mit dem Gürtel unter den Panzer gelegt hat." Er wurde zum großen Vorbild stilisiert, für die Kämpfer an der Front, aber eben auch für viele Kinder, die nach ähnlichem Heldentum streben sollten.

Manchmal werden Kinder aber auch einfach mit Propaganda gefügig gemacht. Die Iraker hatten bei ihrem Rückzug viele Gebiete vermint. Bei der Rückeroberung mussten diese Minen dann kontrolliert gesprengt werden, es gab aber bei den Iranern kaum Know How, wie man das machen kann. Da hat man häufig Kindern einen "Schlüssel für das Paradies" um den Hals gehängt und sie losgeschickt um über die Minenfelder zu laufen. Ihre schweren Verletzungen oder ihr Tod wurden dann als große Heldentat für die Nation mystifiziert. Das ist einfach unfassbar grausam und leider gibt es auch in der heutigen Zeit ähnliche Berichte von vielen Krisenherden auf der Welt.

In welchen aktuellen Konflikten gibt es Kindersoldaten?

In viel zu vielen und oft wird erst im Nachhinein klar, wie viele Kinder als Soldaten kämpfen mussten. Insgesamt gehen die Vereinten Nationen von 250.000 Kindersoldaten aus, 2014 wurden nach einem aktuellen Bericht in mindestens 18 Ländern neue Kindersoldaten rekrutiert, darunter der Jemen, Irak, Südsudan oder Afghanistan. Aber auch Deutschland hat noch einiges zu tun. Als drittgrößter Waffenexporteur hat die Bundesregierung die Verantwortung, deutsche Rüstungsexporte insbesondere von Kleinwaffen in Krisengebiete zu verhindern, weil gerade diese in die Hände von Kindersoldaten geraten können. Es gibt sogar Waffenbauer, die extra kleine Waffen produzieren, damit diese gut von Kinderhänden bedient werden können. Diese unvorstellbar grausame Praxis muss absolut unterbunden werden.

Haben Kinder ein Anrecht auf Asyl, wenn sie in ihrem Heimatland gefährdet sind als Kindersoldaten rekrutiert zu werden?

Ein gesondertes Asylrecht für Kindersoldaten gibt es bisher nicht, aber es gibt viele Organisationen, die das fordern und das zurecht. Es darf nicht sein, dass die Angst vor Rekrutierung nicht als Asylgrund gilt. Bei den oft langwierigen Aufenthalts- und Asylverfahren hierzulande muss unbedingt das Kindeswohl vorrangig berücksichtigt werden und auch die medizinische und psychologische Versorgung von Kindersoldaten, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen muss dringend verbessert werden.

Wie hilft Deutschland Kindersoldaten bei der Verarbeitung ihrer Erlebnisse, welche Angebote/ Programme gibt es?
Deutschland hat die UN-Kinderrechtskonvention und das Zusatzprotokoll ratifiziert. Als Vertragsstaat ist es verpflichtet, den Minderjährigen jede erforderliche und geeignete Unterstützung zu ihrer physischen und psychischen Genesung und ihrer sozialen Wiedereingliederung zu gewährleisten. Da Kindersoldaten häufig als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland einreisen, sind die Bestimmungen der Konventionen ganz besonders wichtig für sie. Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hat in Deutschland für den Umgang mit ehemaligen, geflohenen Kindersoldaten deutliche Defizite bei der Umsetzung des Protokolls festgestellt. Die geflüchteten Kinder unterliegen einer generellen Aufenthaltsgenehmigungspflicht und müssen ein ganz normales Asylverfahren durchlaufen. Dieses ist meist in keiner Weise kindgerecht. Nur im Glücksfall werden ehemalige Kindersoldaten in Deutschland in Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer behandelt, die in transkultureller und traumaspezifischer Arbeit spezialisiert sind. Leider sind die Kapazitäten der Zentren begrenzt und nicht alle Kinder können aufgenommen werden. Es bestehen also große Mängel bei der Unterbringung und der Betreuung minderjähriger Flüchtlinge.

Wo müsste internationale Hilfe verbessert werden?
Erst mal müssen all diejenigen Akteure, die Kinder rekrutieren und als Soldaten einsetzen öffentlich benannt und strafrechtlich belangt werden. Es braucht außerdem mehr Geld für Kindersoldaten-Hilfsprogramme. Ich teile die Forderungen des Deutschen Bündnis Kindersoldaten, dass die finanziellen Mittel für Präventions- und Reintegrationsprogramme in Krisenregionen dringend erhöht werden müssen. In vielen Krisenregionen gibt es häufig keine solchen Programme, weshalb die internationale Gemeinschaft darauf hinwirken muss, Anlaufstellen und Projekte in noch mehr Regionen der Welt aufzubauen. Der UN-Sicherheitsrat muss die Situation von Kindern in Krisenregionen aktiv im Blick behalten, sich für deren Schutz einsetzen und bei jeder Entscheidung mit bedenken.


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3 Kommentare
DU 13.02.2016

Mit dem Bombadieren von Kindern haben die Grünen, speziell auch Nouripour, natürlich kein Problem.

Lieber Weltverbesserer
Gast***** 15.02.2016

Sehr traurig.
Aber wollen Sie sich jetzt um jedes Schicksal in der Welt kümmern? Was machen Sie dann in einer deutschen Partei? Die Parteien kümmern sich (zumindest vorgeblich) um die Wähler (vielleicht auch um Wahlberechtigte und sonstige Einwohner und Bewohner) aber nicht um Jeden in der Welt. Wandern Sie aus und helfen Sie vor Ort. (Aber bitte auf eigene Kosten, dann nehme ich Ihnen die Empörung ab).

Zudem verweise ich auf den aus meiner Sicht zutreffenden Kommentar von DU

Äh 21.02.2016

Im Iran besuchen Kinder die Front, in Deutschland wirbt die Bundeswehr in Jugendzeitungen, veranstaltet "Abenteuercamps" und kommt für "Informationsveranstaltungen" an die Schulen.

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