Fachgespräch zur Altersvorsorge Ist Riester noch zu retten?

Fachgespräch "Ist Riester noch zu retten?"

Das Niveau der gesetzlichen Rentenversicherung wird sinken. Dadurch entsteht eine Lücke, die durch Abschluss einer Riester-Rente geschlossen werden kann. Seit mehr als zehn Jahren gibt es die staatlich geförderte Zusatzrente. Eine lange Zeit, in der das „Riestern“ fest im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger und in ihrer Altersvorsorge hätte verankert werden können. Doch das ist nicht gelungen.

Es werden immer weniger neue Verträge abgeschlossen. Vor allem Leute mit kleinem Einkommen sorgen viel zu selten privat vor. Viele Menschen haben das Gefühl, dass sich Riestern nicht lohnt und dass man ein Studium bräuchte, um zu verstehen, welches Produkt gut ist und zum eigenen Bedarf passt.

Höchste Zeit für eine offene Debatte über die Zukunft der Riester-Rente! Gemeinsam mit ExpertInnen diskutierten Markus Kurth, Nicole Maisch und Dr. Gerhard Schick über grüne Perspektiven. Prof. Dr. Frank Nullmeier von der Universität Bremen beobachtet die Riester-Rente seit ihrer Einführung 2001 und zieht ein vernichtendes Fazit: Die Riester-Rente ist gescheitert, die Ziele werden nicht erreicht. Viel zu wenige Leute sorgen privat vor. Die Rentenlücke kann durch die Riester-Rente nicht geschlossen werden und es werden nicht die gefördert, die eine Förderung besonders brauchen, nämlich die Versicherten, die ohne zusätzliche Vorsorge im Alter nicht genug Geld zum Leben haben werden.

Die Riester-Rente bleibt klar hinter den Erwartungen zurück

Für Peter Schwark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, ist die geförderte private Altersvorsorge nach wie vor die richtige Antwort auf den demographischen Wandel und eine der Möglichkeiten, die entstehenden Versorgungslücken auszugleichen. Auch mit Blick auf eine mögliche Überbelastung der jüngeren Generationen sei die Riester-Reform ohne Alternative gewesen. Dringenden politischen Handlungsbedarf sieht er bei der Förderung der Riester-Rente, die seit Jahren nicht mehr an die Lohnentwicklung angepasst worden sei.

Für Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten, hingegen ist Riester ein Irrweg. Die Riester-Rente hält er für ein Geschäft zu Lasten der SparerInnen. Nach seiner Auffassung werden viele schlechte Produkte angeboten, die auch dann schlecht bleiben, wenn sie staatlich mit viel Geld gefördert werden. Besonders ärgerlich findet er, dass die Versicherungen keine Vorgaben haben, welche Lebenserwartung für ihre KundInnen sie unterstellen. Manche Fonds gingen davon aus, dass heute geborene Mädchen durchschnittlich 111 Jahre alt würden. Das sei absurd. Entsprechend niedrig würden die Renten berechnet, wenn die Einzahlungen für ein so langes Leben reichen sollen. Wenn die Leute tatsächlich früher sterben, falle der Gewinn an die Versicherung. Das gehöre zum Geschäftsmodell der Versicherungen, weil viele Gesellschaften ihre KundInnen nicht an diesen Gewinnen beteiligen würden.

Aus sozialpolitischer Perspektive verdeutlichte Markus Kurth, rentenpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, dass die Riester-Rente heute klar hinter den Erwartungen von 2001 zurückbleibe. Nur 6,4 Millionen Menschen legten tatsächlich 4 Prozent ihres Bruttoeinkommens für das Alter zurück. Auch die Gewinne, die man heute am Kapitalmarkt erzielen könne, seien deutlich niedriger als ursprünglich unterstellt. Mit privater Vorsorge werde die Lücke deshalb nicht geschlossen, die durch das sinkende Rentenniveau entstehe. Eine Ausweitung der Riester-Förderung kann er vor diesem Hintergrund nicht empfehlen. Das knappe Geld sollte besser dafür ausgegeben werden, Menschen mit kleinen Einkommen gezielt zu fördern und dafür zu sorgen, dass sie im Alter vor Armut geschützt sind.

Die Riester-Rente ist zu teuer und muss verständlicher werden

Was aus Verbrauchersicht die wesentlichen Probleme der Riester-Rente sind, ist klar. Viele Produkte sind zu teuer und zu schwer zu verstehen. Die VerkäuferInnen der Riester-Rente verdienen ihr Geld durch Provisionen. Sie verdienen nur Geld, wenn ihr Kunde ihnen etwas abkauft. Die Versuchung ist damit groß, beim Verkauf mehr an den eigenen Geldbeutel als an den Bedarf der Kunden zu denken. Nur wenige Kundinnen und Kunden können es an Wissen mit den VerkäuferInnen aufnehmen und für sich selbst gute und preiswerte Produkte aussuchen.

Diese Probleme können nur gelöst werden, wenn KundInnen offen informiert und fair beraten werden. Aus diesem Grund sollten BeraterInnen für ihre Tätigkeit ein Honorar erhalten – auch dann, wenn kein Vertrag zustande komme. Professor Gert G. Wagner, Professor an der Technischen Universität Berlin und Mitglied des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen, schlug vor, dass Leute mit kleinem Einkommen „Beratungsgutscheine“ vom Staat erhalten sollten, um allen eine solide Entscheidung zu ermöglichen. Wenn die Riester-Rente staatlich gefördert werde, müsse auch eine Beratung gefördert werden. Denn VerbraucherInnen sei oftmals nicht bewusst, wie hoch die Gebühren für den Abschluss eines Vertrages tatsächlich seien.

Einigkeit herrschte auch darüber, dass die VerbraucherInnen dann am besten zwischen verschiedenen Produkten wählen können, wenn die „Produktinformationsblätter“, also die staatlich vorgeschriebenen Informationszettel der Banken und Versicherungen, einheitlich, kurz und in einer verständlichen Sprache formuliert werden. Nicole Maisch, verbraucherpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, hält es zudem für sinnvoll, wenn alle Versicherten jährlich eine Renteninformation erhalten, auf der sie mit einem Blick sehen können, wie viel Geld sie im Alter zur Verfügung haben werden, sowohl aus der gesetzlichen Rentenversicherung, wie auch aus betrieblicher und privater Vorsorge. Das macht es für sie leichter zu beurteilen, ob sie genug Geld für das Alter sparen. Hier geht Schweden mit gutem Beispiel voran.

Ein staatliches Basisprodukt könnte private Vorsorge einfacher und preiswerter machen

Auch in Sachen Kosten und Vertrieb kann man sich in Schweden einiges abgucken. Dort muss jeder in einen Rentenfonds einzahlen und aus diesem Grund kosten Abschluss und Vertrieb der Verträge nichts oder wenig. Ein staatliches Basisprodukt könnte auch hierzulande Abhilfe für teure Vertragsabschlüsse und hohe Verwaltungskosten schaffen.

Udo Philipp von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft der Grünen schlägt darum vor, dass allen Versicherten der gesetzlichen Rentenversicherung automatisch angeboten wird, in einen staatlichen Rentenfonds einzuzahlen, was sie aber individuell ablehnen dürfen (opt-out). Auf diesem Weg ließen sich mehrere Ziele gleichzeitig erreichen. Die Kosten könnten niedrig gehalten werden. Mehr Menschen würden eine gute Altersvorsorge bekommen, indem ihnen automatisch ein Vertrag angeboten würde.

Ein Problem kann allerdings auch ein staatliches Basisprodukt nicht lösen: Für Leute mit kleinem Einkommen, deren gesetzliche Rente so klein ausfallen wird, dass sie auch mit privater Vorsorge auf Grundsicherung angewiesen sein werden, ist „Riestern“ wenig attraktiv.

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1 Kommentar
Wie falsche Behauptungen die Riester-Rente diskreditieren
Dr. Peter Schwark, GDV 28.04.2015

Das der Gewinn, wenn Menschen früher sterben als kalkuliert, an die Versicherung gingen, wie Herr Kleinlein offenbar behauptet, ist eine Falschdarstellung. Richtig ist dagegen, dass gesetzlich (vgl. "MinZV") vorgeschrieben ist, dass diese sog. Risikogewinne zu mindestens 90 % zugunsten der Kunden zu verwenden sind.

Leider ist das nur ein Beispiel von Vielen. Wir wären bei der Riester-Rente heute weiter, wenn sich alle Beteiligten, insbesondere der Bund der Versicherten, wissentlich falschen Schlechtrednereien einfach enthalten würden.

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