Fachgespräch Bioplastik Biokunststoffe Material der Zukunft?

Unsere Meere sind so sehr mit Plastikabfällen verschmutzt und vermüllt, dass jedes Jahr viele Tausend Meeresvögel und Meeressäugetiere daran sterben. In den Ozeanen treiben Inseln, so groß wie Kontinente, aus Plastikmüll und Mikroplastik. Fische, Vögel und Meeressäuger verfangen und verheddern sich im Müll oder verhungern mit plastikvollem Magen.

In einem Gespräch diskutierten wir mit Fachleuten aus Industrie und Naturschutzverbänden, ob die Umstellung auf Biokunststoffe die Vermüllung stoppen und die Meere entlasten kann. Im Gegensatz zu dem herkömmlichen Kunststoff, zersetzen sich bestimmte Biokunststoffe innerhalb weniger Wochen.

„Vollkommen kunststofffrei aber können wir unsere Welt nicht halten und deshalb ist es wünschenswert, wenn dieser Kunststoff wenigstens verrotten würde“, sagte Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der grünen Bundestagsfraktion, bei der Begrüßung. Er betonte damit die Bedeutung von Biokunststoff als Material der Zukunft. Peter Meiwald, umweltpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion und Moderator der Veranstaltung, knüpfte daran an und führte in die Details ein. Wie weit ist die aktuelle technische Entwicklung von biobasierten Kunststoffen? Wie schnell baut sich der Biokunststoff in der Natur ab? Was hat er für eine Ökobilanz? Und was kann die Politik tun, um den Biokunststoff marktfähig zu machen? Das waren die zentralen Fragen der Diskussion. Von den Fachleuten gab es hierzu drei Vorträge mit unterschiedlicher Gewichtung und Fragestellung.

Wo können Biokunststoffe eingesetzt werden?

Michael Carus vom Nova Institut, erläuterte, wie und wo biobasierte Kunststoffe eingesetzt werden können und wie biologisch abbaubare Kunststoffe im Kampf gegen die Vermüllung helfen könnten. Er machte deutlich, dass die größte bekannte Quelle von Mikroplastik in den Meeren der Abrieb von Autoreifen sei. Dieser befindet sich als Feinstaub in unseren Straßen und gelangt mit der Luft und den Abwässern in die Meere. Die Forschung nach biologisch abbaubaren Alternativen zu den bisher genutzten Materialmischungen bei Autoreifen, steht aber noch sehr am Anfang, so Michael Carus. Der Vorteil von Biokunststoffe gegenüber den erdölbasierten Kunststoffen ist unter anderem eine circa 30 Prozent bessere Klimabilanz, so Michael Carus, zudem könnten damit auch zusätzliche Arbeitsplätzen in der Produktion geschaffen werden. Doch nicht alle biobasierten Kunststoffe seien auch biologisch abbaubar. Biokunststoff ist ein Sammelbegriff, darunter werden einerseits, die biobasierten Kunststoffe mit einem Ausgangsmaterial aus nachwachsenden Rohstoffen wie Kartoffelstärke gefasst, aber auch die biologisch abbaubaren Kunststoffe, die sowohl aus nachwachsenden Rohstoffen, als auch ‚traditionell‘ aus Erdöl hergestellt werden.

Doch nicht alle biobasierten Kunststoffe zerfallen und verrotten. So gibt es heute immer noch mehr biobasierte Kunststoffe, die sich nicht abbauen, als solche, die zerfallen und verrotten. Der Zerfall ist abhängig von der Umgebung und dem verwendeten Ausgangsmaterial. Doch gerade in Anwendungsbereichen, bei denen die Kunststoffe mit großer Wahrscheinlichkeit in die Natur gelangen, gibt es bereits serienreife Biokunststoffe. Wie zum Beispiel Mulchfolie, Pflanzenclips oder Aufkleber für Obst. Damit sich diese jedoch auf dem Markt durchsetzen können, braucht es Regulierungen, so Michael Carus.

Auch für viele andere Anwendungsbereiche gibt es heute die Technologie, so Carus weiter, Biokunststoffe herzustellen, die sich in verschiedenen Umgebungen wie zum Beispiel im Meerwasser zu Kohlendioxid und Wasser abbauen.

Biokunststoffe in der Praxis

In einem zweiten Vortrag informierte Peter Brunk von BIOTEC über biologisch abbaubare Werkstoffe auf der Basis von Kartoffelstärke als nachwachsendem Rohstoff.

Die Tendenz geht bei den Werkstoffen dahin, dass der Anteil der Biomasse an den Produkten immer weiter steigt. Das sei in Deutschland aber problematisch, so Peter Brunk, da es in manchen Städten und Gemeinden häufig untersagt ist, biobasierte Kunststoffkomposttüten in der Bioabfalltonne zu entsorgen. Zwar zersetzen sich Biokunststofftüten in Kompostanlagen innerhalb weniger Wochen, doch die Abfallbetriebe sehen es mit großer Skepsis, da sie befürchten damit auch mehr nicht zersetzbare Tüten in der Sammlung zu haben.

Biokunststoffe oder besseres Recycling?

Indra Enterlein vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) legte den Focus in ihrem Vortrag auf das Recycling von Biokunststoffen. Auch sie wies darauf hin, dass Müllbeutel aus abbaubarem Biokunststoff häufig als Störstoffe in Biotonnen wahrgenommen und aussortiert werden. Hier muss die Politik für praktikable und durchsetzbare Regelungen sorgen. Doch letzten Endes braucht es eine sinnvolle Gesamtstrategie für Biokunststoffe. Darin sollte klar formuliert werden, für was und wo Biokunststoffe eingesetzt werden könnten. Gleichzeitig muss immer hinterfragt werden, ob ein Einsatz von Kunststoffen überhaupt notwendig ist. So könnte ein Markt für umweltfreundliche Kunststoffe geschafft werden. Diese Kunststoffe könnten dann dort, wo es ökologisch sinnvoll ist, mit ihren spezifischen Eigenschaften glänzen.

Fazit: Abfallvermeidung als oberstes Prinzip

Nach einer regen Diskussion wurde am Ende zusammenfassend festgestellt, dass man sich auch bei Kunststoffen im Sinne einer wirksamen Produktverantwortung von einer End-of-pipe-Lösung verabschieden muss. Stattdessen müssen recyclingfähige und ressourcenschonende Produkte konzipiert werden. Zudem wurde festgehalten, dass Kunststoffe möglichst so rein sein müssten, dass über eine Kennzeichnung transparent gemacht werden kann, wie das Produkt recycelt werden kann. Konsens war auch, dass für die Kunststoffabriebproblematik bei Autoreifen noch mehr geforscht werden muss, um das große Aufkommen von Mikroplastik in unseren Gewässern zu reduzieren. Parallel müsse aber weiterhin dagegen gekämpft werden, dass durch den Zusatz von Mikroplastik in Kosmetika dieses bewusst freigesetzt wird. Und auch dem verschwenderischen Umgang mit Plastiktüten müsse Einhalt geboten werden. In der Runde gab es eine breite Zustimmung dafür, die Markteinführung von Biokunststoffen zu unterstützen und damit dort durchzusetzen, wo es aus umweltpolitischer Sicht sinnvoll ist. Die Vermeidung von Kunststoff solle als erste Stufe der Abfallhierarchie stärker berücksichtigt werden.

Wir sagen noch einmal herzlichen Dank an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eine spannende Veranstaltung und eine angeregte Diskussion. Die grüne Bundestagsfraktion wird die Anregungen aufnehmen und im weiteren politischen und parlamentarischen Prozess berücksichtigen.

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