Studie zu Antibiotikaresistenz Wenn nichts mehr wirkt

Krankenhausbetten

Unsere Waffe gegen Bakterien und Keime ist stumpf geworden. In der Vergangenheit haben uns Antibiotika geholfen, Infektionskrankheiten zu behandeln. Jetzt werden sie zunehmend wirkungslos. Grund dafür ist der unreflektierte und massenhafte Einsatz von Antibiotika bei Mensch und Tier. Über Jahre führte dies dazu, dass immer mehr Bakterienstämme unempfindlich gegen bestimmte Wirkstoffe werden: Sie bilden Resistenzen. Diese Resistenzbildung bei Bakterien führt dazu, dass Antibiotika bei der Therapie bestimmter Infektionen versagen. Für Patientinnen und Patienten steigt somit bei Operationen, Chemotherapien, Dialysen, Transplantationen und anderen Eingriffen die Gefahr einer Infektion mit Keimen, die nur noch schwer oder gar nicht mehr mit Antibiotika zu behandeln ist.

Die Gefahr ist real: Die Bedrohung ereignet sich jetzt und betrifft jeden weltweit. Viel zu lang wurde diese riskante Entwicklung verdrängt und das Leben von immer mehr Menschen ist gefährdet. Unsere Studie Antibiotikaeinsatz und Resistenzentwicklung in Deutschland zeigt, wie gravierend sich die Resistenzlage entwickelt, wo die Ursachen des Problems liegen, wie wir die Wirksamkeit bestehender und neu erforschter Antibiotika erhalten und die Ausbreitung resistenter Bakterien eindämmen können. Darauf aufbauend werden Handlungsempfehlungen für die konsequente Vernetzung zwischen dem human- und veterinärmedizinischen Bereich formuliert.

Jetzt handeln: Entschieden gegen Resistenzbildung vorgehen

Die Studie zeigt deutlich: Wir haben kein Ass mehr im Ärmel. Die Zeit ist zu knapp, um auf neue Antibiotika zu warten, deren Forschung und Entwicklung noch Jahre dauern werden, wenn es überhaupt so weit kommt. Wenn wir nicht endlich entschieden gegen die Resistenzbildung vorgehen, werden die Auswirkungen gravierend sein: Bis 2050 könnten weltweit 10 Millionen Menschen an Infektionen durch multiresistente Erreger sterben. Das muss verhindert werden. Für die Bekämpfung ist ein interdisziplinäres Handeln zwischen Human- und Tierbereich gefragt.

Humanmedizin

Alternative Lösungen sind notwendig: Wir müssen den Umgang mit Antibiotika ändern und dadurch den Einsatz reduzieren. Dabei kann eine Aufklärungsoffensive, die den bewussten Umgang mit Antibiotika fördert und über die Risiken der multiresistenten Erreger informiert und aufklärt, sowohl für Verbraucherinnen und Verbraucher als auch für medizinische, pflegerische und andere Berufsgruppen hilfreich sein. Enormes Einsparpotenzial besteht zudem im ambulanten Bereich: Circa 30 Prozent der Verschreibungen sind nicht adäquat. Viel zu oft, viel zu viel und zu falsch werden dort Antibiotika verordnetet. Die Diagnostik muss der erste Schritt sein, um gezielt wirkende Antibiotika einsetzen zu können. Leider ist heute die Diagnostik teurer als die Therapie und entfällt daher häufig. Nötig sind eindeutige Leitlinien für den ambulanten Bereich. Niedergelassene Ärzte brauchen - wie in anderen Ländern wirksam erprobt - ein Feedback zu ihrem Verschreibungsverhalten. Mit solchen geballten Anstrengungen könnten hier bis zu 50 Prozent der Antibiotikaverordnungen eingespart werden.

Im stationären Bereich gibt es ebenfalls viel zu tun: Gute Hygiene kann nur dann umgesetzt werden, wenn ausreichend Personal zur Verfügung steht. In Krankenhäusern und auch Pflegeeinrichtungen geht die Übertragung resistenter Keime vor allem vom Problem der Überlastung des Personals aus. Das betrifft vor allem die Pflegekräfte. In stationären Einrichtungen müssen dringend Personalbemessungsinstrumente eingeführt werden. Zudem braucht es Personalmindeststandards für die Pflege im Allgemeinen, und besonders für Stationen mit sehr schwachen, sehr jungen und sehr alten Patientinnen und Patienten.

Industrielle Massentierhaltung

Deutschland gehört zu den traurigen Spitzenreitern des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung. Immer noch werden weit über die einzelnen kranken Tiere hinaus ganze Tierbestände mit Antibiotika „behandelt“. Der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung muss reduziert werden. Dazu muss endlich eine artgerechte Tierhaltung mit niedrigen Bestandsobergrenzen, angemessenem Leistungsniveau, mit mehr Auslauf, Platz, Licht, Beschäftigung sowie intensiver Bestandsbetreuung realisiert werden. Bestimmte Antibiotika müssen den Menschen vorbehalten bleiben, weshalb sich die grüne Bundestagsfraktion für ein Verbot von Reserveantibiotika in der Tierhaltung einsetzt.

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3 Kommentare
Missdeutung einer zitierten Studie in der Presse
Johannes Knobloch 04.06.2015

Der Hinweis auf die hohe Bedeutung des korrekten Umgangs mit Antibiotika sowie der Prävention der Übertragung ist wichtig. Leider erfolgt für die Öffentlichkeit eine Überdramatisierung durch Zitation in falschem Kontext. Die Zahl von bis zu 10 Mio. Todesfällen in 2050 entstammt der Studie von O’Neill (2014). Diese Studie betrachtet die antimikrobielle Resistenz im Gesamten und nicht die Multiresistenz bei Bakterien. Die Studie von O’Neill stellt klar heraus, dass der größte Anteil der mit antimikrobieller Resistenz assoziierten zusätzlichen Todesfälle durch Malaria und Tuberkulose bedingt sein werden. Dies passt nicht zur Studie „Antibiotikaeinsatz und Resistenzentwicklung in Deutschland“.

Es gibt Alternativen
Martin 04.06.2015

Es gibt bei der Behandlung Multiresistenter Keime durchaus Mittel, undzwar rein natuerlich. Jedoch wird dieses vor allem von aerztlicher Seite oft noch belaechelt.

http://blog.aromapraxis.de/?s=MRSA&submit=Suchen

Massive Änderung bei Haltung u. Fütterung
Claus Faesing 14.06.2015

Die Kühe meiner Eltern waren v. Mai-Sept. draußen auf d. "Dauerweide". Zwischendurch musste ich sie hüten a. Landsberger-Gemenge u. Klee. Krankheiten gab es nie!!! Heute stehen sie im (Lauf)-stall auf Beton u. bekommen fermentiertes Weidegras. Der Milchertrag ist enorm - Wie viel Euro er ausgibt für Pharmaka wollte der einzige Bauer i. Dorf mir nicht sagen, aus Scham? Jürgen Trittin hat recht:" Die Doperei im Stall muss aufhören!

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