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Wahrscheinlich krebserregendes PflanzengiftGlyphosat in Muttermilch

Glyphosat in der Muttermilch

Weitere Informationen zum Thema Glyphosat finden Sie auf unserer Sonderseite Glyphosat-Ausstieg jetzt!

Update Februar 2016: Inzwischen hat das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) auf unsere Stichprobenuntersuchung reagiert und eigene Tests durchgeführt, bei denen keine Glyphosatrückstände in Muttermilch gefunden wurden. Es besteht und bestand also kein Anlass, auf das Stillen zu verzichten. Stillen ist und bleibt die beste Nahrung für Babys. Sämtliche Nahrungsalternativen dürften ohnehin kaum weniger mit Schadstoffen belastet sein.

Als Bundestagsfraktion haben wir lange überlegt, ob wir Muttermilch auf Glyphosat testen und in Kauf nehmen sollen, damit stillende Mütter möglicherweise zu verunsichern, obwohl Muttermilch so wichtig für Säuglinge ist. Letztendlich haben wir uns für die Veröffentlichung entschieden, weil bei einem so wichtigen Thema wie Muttermilch und Gesundheit von Säuglingen mögliche Risiken nicht vom Tisch gewischt oder kleingeredet werden dürfen. Die zuständige Agentur der Weltgesundheitsorganisation WHO hat Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Deshalb müssen solche Stichprobenergebnisse auch in Deutschland weitere Nachforschungen der Behörden nach sich ziehen.

Bei krebserregenden Stoffen gibt es keine Grenzwerte, bei deren Einhaltung man den Stoff als „unbedenklich“ bezeichnen könnte. Ziel einer vorsorgenden Gesundheitspolitik muss es daher sein, die Belastung so gering wie möglich zu halten. Deshalb wäre es hilfreich, Glyphosat weitgehend aus unserer Nahrung und unserer Umwelt zu bekommen. Dafür setzen wir uns ein und fordern die Bundesregierung auf, die Zulassung für Glyphosat auszusetzen.

16 Stichproben

Insgesamt wurden für die aktuelle Stichprobe von einem Labor in Leipzig 16 Proben Milch von verschiedenen Müttern getestet, die sich überwiegend mit konventionellen Lebensmitteln ernähren. Die teilnehmenden Frauen waren dabei allesamt keine Anwenderinnen von Glyphosat, die Belastung muss daher aus anderer Quelle resultieren (zum Beispiel Nahrung, Kontakt auf Flächen, auf denen Glyphosat angewendet wurde oder ähnliches). Es nahmen Frauen aus Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz teil.

In allen 16 Muttermilchproben lagen die festgestellten Glyphosatrückstände über dem für Trinkwasser zulässigen Rückstandshöchstgehalt von 0,1 ng/ml (Nanogramm pro Milliliter). Für Muttermilch selbst gibt es keinen Grenzwert. Alle getesteten Werte lagen zwischen 0,2 und 0,4 ng/ml. Bislang gibt es für Deutschland keine veröffentlichten Befunde, die als Vergleichswerte herangezogen werden könnten. Aber klar ist: Glyphosat wie auch andere Pestizide haben im menschlichen Körper nichts verloren.

Bärbel Höhn, Vorsitzende des Umweltausschusses, findet die Werte beunruhigend: „Offensichtlich findet ein Übergang in die Muttermilch statt. Zwar können die Frauen auch selbst etwas tun, um die Belastung gering zu halten. Aber es können und wollen nicht alle komplett auf Biokost umsteigen. Die Bundesregierung muss Glyphosat aus dem Verkehr ziehen, bis die Frage der krebsauslösenden Wirkung geklärt ist.“

Die Wissenslücke besteht nicht nur hinsichtlich des Vorkommens und Übergangs von Glyphosat in die Muttermilch, sondern insgesamt zum Vorhandensein und der Wirkungsweise im Körper sowohl von Menschen als auch von Säugetieren.

Harald Ebner, Mitglied im Agrarausschuss des Bundestages fordert deshalb: „Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Glyphosat ist allgegenwärtig. Dass in jeder untersuchten Muttermilchprobe mehr Glyphosat gemessen wurde, als für Trinkwasser zulässig ist, macht den dringenden Handlungsbedarf deutlich. Wir fordern ein umfassendes Human-Biomonitoring. Das Bundesinstitut für Risikobewertung muss sich dringend in die Weiterentwicklung der Analyseverfahren einbringen.“

Hintergrund:

Glyphosat ist der weltweit, und auch in Deutschland, am häufigsten verwendete Wirkstoff für Pflanzenvernichtungsmittel. 2012 wurden in Deutschland sechs Millionen Kilogramm reiner Wirkstoffmenge ausgebracht. Ende März wurde der Wirkstoff, auf dessen ökotoxische Wirkung das Umweltbundesamt schon lange hinweist, von der WHO-Krebsforschungsagentur IARC als „wahrscheinlich krebserregend beim Menschen“ eingestuft. Die Monografie des IARC zu der Einstufung soll Mitte Juli 2015 vorgelegt werden.

Parallel läuft das Wiederzulassungsverfahren auf EU-Ebene: Pflanzenschutzmittel erhalten in der Regel eine zunächst auf zehn Jahre befristete Zulassung, danach muss der Stoff erneut für sicher befunden werden, um eine Zulassungsverlängerung zu erhalten. Jeweils ein EU-Mitgliedstaat ist Berichterstatter für diese Überprüfung. Für Glyphosat, dessen Zulassung Ende 2015 ausläuft, ist Deutschland Berichterstatter. Trotz der IARC-Einstufung hat Deutschland seinen Bericht, der eine Glyphosataufnahme im Rahmen der gesetzlichen Rückstandshöchstgehalte als unbedenklich einstuft und die Zulassungsverlängerung empfiehlt, im Mai unverändert an die EU-Behörde EFSA zugeleitet.

Bündnis 90/Die Grünen fordern angesichts der Einstufung durch die IARC einen Stopp des Verfahrens und eine Aussetzung der Zulassung, bis die wissenschaftliche Kontroverse um die krebserregende Wirkung von Glyphosat geklärt ist. Auch Anwendungen im Privatbereich sollten schnellstmöglich verboten werden.

Dioxine, PCBs und auch Abbauprodukte von DDT sind noch heute in fast allen untersuchten Muttermilchproben nachweisbar - obwohl diese Stoffe bereits vor Jahren als Gifte erkannt und verboten wurden. Bei Glyphosat hatte damit aber niemand gerechnet. Denn Glyphosat ist im Gegensatz zu den vorgenannten Stoffen wasserlöslich, reichert sich also nicht im Fettgewebe an. Deshalb deuten die jetzt festgestellten Stichproben-Ergebnisse darauf hin, dass „die tägliche Prise Glyphosat“ mittlerweile zum festen, wenn auch unbemerkten Bestandteil unserer Ernährung geworden ist. Das finden wir bei einem als „wahrscheinlich krebserregend“ klassifizierten Stoff bedenklich.

Wir denken, dass es Ziel der Regierung und unserer Behörden sein sollte, den Schadstoffgehalt in der Muttermilch so weit wie möglich zu minimieren. Ein solches Bestreben ist im Moment bedauerlicherweise nicht zu erkennen. Wir hoffen, dass nun wenigstens die notwendigen Schritte unternommen werden, um bei den Analysemethoden einen Schritt weiter zu kommen. Denn eine weltweit oder wenigstens in Deutschland anerkannte Methode gibt es derzeit nicht.

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Ergebnisse der Untersuchung

Hinweis: Dieser Artikel ist am 25. Juni 2015 erstmalig veröffentlicht worden. Am 2. Juli 2015 wurde er aktualisiert.

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