Marode Infrastruktur Brückenzustand in Deutschland vielerorts untragbar

Blick auf einestark befahrene Autobahn und die Rader Hochbrücke
AutofahrerInnen ist es vielleicht noch in Erinnerung: Die Rader Hochbrücke in Schleswig-Holstein (Foto) musste in der Vergangenheit aufgrund ihrer maroden Substanz für den LKW-Verkehr gesperrt werden.

Zustand der Brücken an Bundesfernstraßen in Deutschland 2015 (nach Brückenfläche in Prozent)

Grafik Zustand der Brücken an Bundesfernstraßen in Deutschland 2015
© Grüne Bundestagsfraktion

Jetzt haben wir es schwarz auf weiß. Deutschlands Brücken an Autobahnen und Bundestraßen bröckeln dahin. Nahezu jeder siebte Quadratmeter Brückenfläche muss umgehend saniert werden. „Erhalt vor Neubau“ bleibt da ein leeres Versprechen der Bundesregierung. Doch für ein Umdenken in der Verkehrswegeplanung fehlt der Koalition der Mut.

Brücken an Bundesfernstraßen verfallen zusehends

Über die Qualität und Leistungsfähigkeit der Brücken an Autobahnen und Bundesstraßen in Deutschland konnte bis heute nur spekuliert werden. Eine detaillierte Übersicht über den Zustand einzelner Brückenbauwerke gab es bisher nicht. Die Antwort auf die Anfrage der grünen Bundestagsfraktion an die Bundesregierung deckt die Zustände auf: Der Sanierungsbedarf ist hoch und er wird weiter wachsen.

Um aufzuzeigen, welche Brücken besonders dringend saniert werden müssen, erhalten die Bauwerke von den Behörden Zustandsnoten ähnlich dem Notensystem aus Schule oder Universität. Für Brücken in Topzustand gibt es ein „sehr gut“ (1,0 – 1,4). Die schlechtesten bekommen nur ein „ungenügend“ (3,4 – 4,0) und müssen eigentlich sofort erneuert werden.

Nicht einmal 15 Prozent der gesamten Brückenfläche wird mit „sehr gut“ oder zumindest „gut“ bewertet. Gleichzeitig ist die Anzahl der Bauwerke mit guten Noten über die letzten Jahre geschrumpft. Bei fast der Hälfte der Brückenfläche reicht es nicht einmal für ein „befriedigend“. Mehr als 3,8 Millionen Quadratmeter müssten gar umgehend repariert werden.

Nun liegen Zahlen und Fakten auf dem Tisch: Mithilfe der Daten kann nun der Zustand jedes einzelnen Bauwerks an Bundesfernstraßen – bundesweit immerhin knapp 48.000 – eingesehen werden (siehe Kasten unten).

Milliardenschwere Neubauträume – GroKo möchte nicht geweckt werden

Deutschland steckt mitten in einer Infrastrukturkrise. Doch statt endlich konsequent auf den Erhalt zu setzen, hängt das Herz vieler Verkehrs- und HaushaltspolitikerInnen von Union und SPD weiterhin an lokalen Neubaubegehren und milliardenschweren Luftschlössern. Auch CSU-Verkehrsminister Dobrindt hat kein Interesse, sich ernsthaft von der liebgewonnenen Spatenstichpolitik oder der Verteilung von Ortsumgehungen nach Gutsherrenart zu verabschieden.

Doch diese Politik kostet viel Geld. Am Ende fehlt dies beim Erhalt des bereits bestehenden Netzes. Sonderprogramme allein können da nicht genug ausrichten. Wird nicht ausreichend erhalten, gehen auf unverantwortliche Weise öffentliche Vermögenswerte in Milliardenhöhe verloren. Der Sanierungstau wächst an. Im Klartext heißt das: Deutschland macht Schulden auf Kosten künftiger Generationen.

Falsche Prioritäten bremsen Mobilität auf Hauptverkehrsachsen aus

Allzu gerne präsentiert sich Alexander Dobrindt, der gescheiterte Mautminister, mithilfe von Versprechen auf heilsbringende Straßenprojekte als der größte Förderer des (automobilen) Verkehrs, als den Bezwinger der Staus auf deutschen Straßen.

Doch die vorliegenden Brückendaten beweisen das Gegenteil. Denn besonders schlecht steht es um den Zustand großer Brücken an stark befahrenen Straßen, also gerade um die Brücken an zentralen und wichtigsten Achsen im Straßennetz.

Schon in der Vergangenheit kam es hier zu massiven Verkehrseinschränkungen. AutofahrerInnen in Erinnerung sind die Sperrungen der Rheinbrücke an der A1 bei Leverkusen und die Rader Hochbrücke in Schleswig-Holstein. Beide mussten aufgrund ihrer maroden Substanz für den LKW-Verkehr gesperrt werden. An der Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden waren die Schäden Anfang 2015 sogar so groß, dass für zwei Monate gar kein Verkehr mehr rollen durfte.

Es drohen Engpässe an zentralen Stellen

Werden die stark belasteten Brücken nicht umfassend saniert, entstehen neue Engpässe genau dort, wo sie das zentrale Fernstraßennetzes besonders belasten. Weitere Verkehrseinschränkungen sind dann sicher zu erwarten, inklusive kilometerlanger Staus, zeitraubender Umwege und enormer wirtschaftlicher Einbußen.

Trotz vollmundiger Ankündigungen gelingt es Dobrindt nicht, den Verfall der Verkehrswege zu stoppen. Helfen kann nur eine langfristige und glaubwürdige Konzentration auf eine der dringlichsten Aufgaben des Bundesverkehrsministers: Die Sicherung der Leistungsfähigkeit eines bundesweit relevanten Verkehrsnetzes. Wäre diese erst einmal durchgesetzt, bräuchte es irgendwann auch keine Sonderprogramme mehr, um die gröbsten Löcher zu stopfen.

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3 Kommentare
ZUSTAND DER BRÜCKEN
Christoph Lucks 19.10.2015

Sehr geehrte Damen und Herren,
ich beschäftige mich mit dem Thema "Brückenmonitoring". Könnten Sie mir die Daten der Grafik aus dem Artikel:

http://www.gruene-bundestag.de/themen/verkehr/brueckenzustand-in-deutschland-vielerorts-untragbar_ID_4396443.html

excel-kompatibel zusenden?
Das wäre sehr hilfreich.
Mit besten Grüßen,
Christoph Lucks

Antwort an Christoph Lucks
Grüne Fraktion 22.10.2015

Sehr geehrter Herr Lucks,
wir haben den Datensatz jetzt hier auf der Seite veröffentlicht. Sie finden ihn oben in der rechten Spalte. Dieser Datensatz steht unter einer Creative Commens Lizenz, die Bedingungen sind verlinkt.
Bei Rückfragen können Sie sich gerne per E-Mail direkt an uns wenden.
Beste Grüße

Zustand der Brücken auf Bundesfernstraßen
Christoph Lucks 01.11.2015

Vielen Dank.
Christoph Lucks

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