Glyphosat-Risikobewertung Kalkulierter Behörden-Pfusch?

Das BfR hält Glyphosat bislang für unbedenklich. Experten der Weltgesundheitsorganisation stufen das Herbizid dagegen als wahrscheinlich krebserregend ein. Am 28. September wird es im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft eine Anhörung zu den Auswirkungen von Glyphosat auf die Gesundheit geben.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat bei der Risikoeinschätzung von Glyphosat für die anstehende EU-Neuzulassung offenbar systematisch eine Vielzahl von Studien nicht berücksichtigt oder als nicht relevant abgetan. Vor allem solche, die dem weltweit vermutlich meistverwendeten Pestizid eine krebsverursachende Wirkung bei Menschen bescheinigen. Das ergab eine Überprüfung des unabhängigen Epidemiologen Prof. Dr. Eberhard Greiser von der Universität Bremen, die er jetzt gemeinsam mit der Vorsitzenden des Umweltausschusses, Bärbel Höhn, sowie Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik der grünen Bundestagsfraktion, vorstellte.

Die Bewertungen der Krebsgefahr durch die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (IARC) einerseits und durch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) andererseits sind diametral entgegengesetzt. Während das BfR Glyphosat für unbedenklich hält, stuft das Krebsforschungsinstitut der WHO diese Unkrautvernichtungsmittel als "wahrscheinlich krebserzeugend" ein.

Systematischer Ausschluss von Studien

Der unabhängige Wissenschaftler Prof. Eberhard Greiser belegt in seiner Analyse, wie das BfR alle epidemiologischen Studien, bis auf eine, zu wissenschaftlichem Schrott ("not reliable") erklären konnte. In seinen Ablehnungen stellt das BfR in der Regel fest, dass in den Studien weder die Anwendung von Glyphosat mit Beginn, Ende und Dauer erfasst worden wäre, noch das Rauchverhalten der Studienteilnehmer oder Vorerkrankungen. Wer die entsprechenden Publikationen liest, stellt allerdings fest, dass diese Fragen in allen Studien sehr wohl erhoben wurden. Zu den unter das BfR-Verdikt gefallenen Studien gehören Publikationen in internationalen medizinischen Fachzeitschriften, die zu den Top-Journalen auf ihrem Gebiet gehören. Zu den Instituten, aus denen die derart abqualifizierten Studien stammen, gehört auch das National Cancer Institute der USA.

Hat das BfR also systematisch Studien falsch eingeschätzt, um sie dann bei der Risikobewertung von Glyphosat nicht zu berücksichtigen? Offensichtlich muss diese Frage mit Ja beantwortet werden. Dieses Vorgehen ist ein gesundheitspolitischer Skandal. Denn damit hat das Bundesinstitut für Risikobewertung wissentlich eine Gefährdung der Bevölkerung in Kauf genommen.

Wir Grüne im Bundestag fordern daher:

  • Keine Neuzulassung von Glyphosat auf dieser Grundlage
    Die Erteilung einer Neuzulassung für Glyphosat, die sich auf die unvollständige, fehlerhafte BfR-Bewertung stützt, wäre grob fahrlässig. Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass das laufende Europäische Verfahren gestoppt und auf Grundlage eines neuen, von unabhängigen Fachleuten erarbeiteten Bewertungsberichts neu aufgerollt wird. Es darf keine Verlängerung der Zulassung geben, solange es Zweifel an der Wissenschaftlichkeit und Objektivität der Begutachtung gibt.
  • Anwendungsmoratorium
    Solange Zweifel an der gesundheitlichen Unbedenklichkeit bestehen, muss ein Anwendungsmoratorium für Glyphosat verhängt werden.
    Gemäß dem Vorsorgeprinzip gilt es, die Belastung bzw. Exposition der Bevölkerung gegenüber dem Wirkstoff soweit als möglich zu minimieren.
  • Human-Biomonitoring einführen
    Die Minimierung/Reduzierung der Exposition der Bevölkerung muss durch ein entsprechendes Human-Biomonitoring begleitet werden. Weiterhin muss die Bundesregierung eine mögliche Gefährdung über die Rückstände in Futter- und Lebensmitteln prüfen. Eine Ausrichtung der Grenzwerte an Verbraucherschutzkriterien ist überfällig.
  • Aufarbeitung der Vorgänge im BfR
    Die Bundesregierung muss angesichts der systematischen Fehler, die bei der Erarbeitung der BfR-Stellungnahme gemacht wurden, umgehend eine Untersuchung einleiten. Im Rahmen dieser Untersuchung müssen auch andere BfR-Bewertungen auf ähnliche Fehler überprüft werden. Die Ursachenforschung muss sich auch darauf erstrecken, durch wen und in welcher Form eine mögliche Einflussnahme erfolgte. Die Bundesregierung und das BfR haben bisher bei diesem Thema unzulässig abgewiegelt – es ist deshalb zu prüfen, ob die Zuständigkeit in andere Behörden in den Bereichen Gesundheitsschutz oder Umweltschutz verlagert werden sollte, und ob das Versagen des BfR personelle Konsequenzen haben muss.
  • Veränderung des Zulassungsverfahrens
    Die Neueinstufung von Glyphosat durch die IARC und der wissenschaftliche Streit wirft die Frage auf, wo unsere Zulassungsverfahren Defizite aufweisen und wo Reformbedarf besteht (auch vor dem Hintergrund, dass auch andere Pestizide wie DDT, Atrazin und die bienengiftigen Neonicotinoide heute als deutlich gefährlicher eingeschätzt werden als bei ihrer Zulassung - die Risikobewertung also letztlich versagt hat).
  • Eine umfassende Pestizidreduktionsstrategie
    Da bei einem Anwendungsmoratorium ein „Ausweichen“ auf andere Stoffe zu befürchten ist, die gesundheitlich auch nicht unbedenklich sind, muss diese Maßnahmen von einer umfassenden Pestizidreduktionsstrategie begleitet werden.

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5 Kommentare
Wortlaut der Analyse?
Susanne Günther 22.09.2015

Solange die Liste der Studien, auf die Prof. Greiser sich bezieht, nicht öffentlich ist, sind seine Aussagen nicht überprüfbar. Offen bleibt auch, ob denn die IARC alle Studien begutachtet hat, die Prof. Greiser für relevant hält. Wann darf die Öffentlichkeit denn mit der Veröffentlichung der Analyse von Prof. Greiser rechnen?

Blühende Kartoffeln
Krick 22.09.2015

Liebe Verfasser dieses Beitrages,
warum zeigen Sie eine Pflanzenschutzspritze im Einsatz in blühenden Kartoffeln, wenn Sie zu Glyphosat schreiben. Damit belegen Sie eigentlich nur ihren mangelnden Bezug zur landwirtschaftlichen Praxis. Eine Kenntniswende wäre angebracht.

Prof. Greiser ein Multi-Experte
Johann Landmann 22.09.2015

Sehr geehrte Damen und Herren,

ist das derselbe Professor Eberhard Greiser, der für Sie schon Studien zum Fluglärm und zu Leukämie-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in der Umgebung von Kernkraftwerken angefertigt hatte?
Wenn ja, mein Respekt! Wie kann ein Mann auf diesen unterschiedlichen Gebieten Experte sein?
Und meine Frage, wie unabhängig kann ein Wissenschaftler sein, wenn er immer wieder von ein und demselben Auftraggeber Aufträge bekommt?

MfG Johann Landmann

Glyphosat nein danke
Hans Pilz 28.09.2015

Die bisher veröffentlichten Kommentare sehen sehr nach Mißkreditierung aus, vielleicht auch gelenkt. Sie stellen Fragen, geben keinen Beweis für ihre Ernsthaftigkeit. Die Frage ist doch nicht, ob Prof. Greiser gemogelt hat, was ihm sehr perfide unterstellt wird, sondern warum die IARC zur Neubewertung kommt und diametral die deutsche Behörde beurteilt. Ist hier wieder eine Bundesbehörde ähnlich wie bei der Diesel-PKW-Zulassung der Industrie auf den Leim gegangen? Ja ist es wissenschaftlich nicht in Frage zu stellen u.U. von der Industrie gekaufte Studien zur Bewertung heran zu ziehen. Bei Asbest gab es auch diese Studien, wie in der Radartechnik!

Monsanto und staatliche Souveränität
Karl-Otmar Stenger 31.10.2015

Wenn das BfR sich nicht auf die Linie der IARC einlassen mag hat m. E. wenig mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu tun, als vielmehr mit der Reaktion von Monsanto auf einen Entzug der Zulassung von Glyphosat. Die bisherige Erfahrung zeigt, dass Monsanto beste Aussichten hat, sich vor einem Schiedsgericht eine unvorstellbar hohe Strafzahlung zu erstreiten; denn vor solchen "Gerichten" sind Argumente, die die Gesundheit von Menschen betreffen, sehr weich gegenüber solchen, die die Gewinnerwartung eines Konzerns betreffen. Es fehlt aktuell eine sichere Strategie, wie man staatliche Souveränität gegenüber US-Konzernen durchsetzen kann.

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