Frauen in der Bundeswehr Kamerad (w)

Fachgespräch "Kamerad (w)" am 27. November 2015 im Bundestag
Von links nach rechts: Oberst i.G. Reinhold Janke (Zentrum Innere Führung), Doris Wagner MdB, Hendrik Quest (Universität Tübingen), Dorothea Siegle (JS-Magazin), Hauptmann Petra Böhm (Deutscher Bundeswehrverband), Dag Schölper (Bundesforum Männer) und Henning von Bargen (Gunda-Werner-Institut)

Seit 2001 stehen alle militärischen Laufbahnen in den Streitkräften auch Frauen offen. In jeder fünften Bundeswehr-Uniform soll bald eine Frau stecken. Das fordert Verteidigungsministerin von der Leyen – und formuliert damit ein durchaus ehrgeiziges Ziel. In den 15 Jahren, die seit der Öffnung aller Bundeswehr-Laufbahnen für Frauen verstrichen sind, ist der Anteil der Soldatinnen auf gerade mal elf Prozent angewachsen. Beim Heer liegt die Quote noch deutlich darunter. Und auch bei den Männern zählt die Bundeswehr nicht gerade zu den begehrtesten Arbeitgebern in Deutschland.

Was bedeuten Soldatinnen für das Männerbild der Bundeswehr?

"Kamerad (w)": Auf Einladung der grünen Bundestagsfraktion diskutierten am 27. November 2015 ExpertInnen aus der Bundeswehr, den Medien und der Zivilgesellschaft im Bundestag.

Um mehr Menschen für eine Arbeit bei den Streitkräften zu begeistern, setzt das Verteidigungsministerium vor allem auf flexiblere Arbeitszeitmodelle und eine bessere Bezahlung. Als „reine Kosmetik“, bezeichnet der Politikwissenschaftler Hendrik Quest von der Universität Tübingen derartige Maßnahmen. „Dass die Bundeswehr nicht nur für Frauen, sondern auch für viele Männer kein attraktiver Arbeitgeber ist, liegt daran, dass innerhalb der Truppe ein bestimmtes Bild von Männlichkeit gepflegt wird.“ Das klingt abstrakt, aber sehr spannend. Für die grüne Bundestagsabgeordnete Doris Wagner geht es vor allem um die Frage, ob die These von einem vorherrschenden Männlichkeitsbild in der Bundeswehr wirklich zutrifft. Wie wird dieses Bild (re-)produziert – und mit welchen Folgen? Was muss geschehen, um die Bundeswehr zu einem geschlechtergerechten und damit attraktiven Arbeitsplatz zu machen?

Soldat sein heißt stark sein

„Für die traditionell rein männlich geprägte Bundeswehr war die Öffnung aller Laufbahnen für Frauen 2001 eine große Herausforderung“, erklärte Hendrik Quest in seinem Eingangsvortrag. „Plötzlich wurde die Vorherrschaft der Männer in Frage gestellt. Und die männlichen Soldaten reagierten darauf, indem sie in Studien und Befragungen immer wieder betonten, dass der Soldatenberuf besondere körperliche Stärke erfordere – über die die Frauen natürlich nicht verfügten.“ Dieses Verhalten entspreche ziemlich genau dem Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“, das die australische Soziologin Raewyn Connell 1995 entwickelt hat: Sobald die Vorherrschaft der Männer in Gefahr gerät, wird „Männlichkeit“ so konstruiert, dass Frauen ausgeschlossen werden. „Dass viele männliche Soldaten dem Ideal von körperlicher Fitness auch nicht entsprechen, stellt dieses Konstrukt dabei nicht in Frage“, sagte Quest.

Die Bundeswehr stelle in vielen Bereichen regelmäßig eine Verknüpfung von militärischem Ideal und Männlichkeit her: „In der Grundausbildung zum Beispiel wird körperliche Schwäche sprachlich häufig mit Weiblichkeit oder Homosexualität verknüpft“, sagte Quest. „Typisch weiblich konnotierte Tätigkeiten dienen dazu, die neuen Rekruten zu erniedrigen, um sie nach Bestehen dieser Probe in die Riege der `echten´ Soldaten aufzunehmen.“

Was heißt hier Leistung?

Ob diese Beschreibung des Truppenalltags tatsächlich zutrifft, war unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Fachgesprächs umstritten. So betonte etwa Oberst i.G. Reinhold Janke vom Zentrum Innere Führung, dass die Innere Führung als Unternehmensphilosophie der Bundeswehr gerade keine Erniedrigung oder Ent-Individualisierung der einzelnen SoldatInnen dulde, dass vielmehr die individuelle Persönlichkeit der SoldatInnen gefördert und gefordert werde: „Wir sind keine Rambos!“

Trotzdem, wandte Hauptmann Petra Böhm vom Deutschen Bundeswehrverband ein, „sind die Strukturen in der Bundeswehr häufig immer noch sehr männlich geprägt - zum Beispiel bei den Beurteilungen von Soldatinnen. Da geht es dann um die Frage: Wie definiere ich Leistung eigentlich? Und wer macht in der Bundeswehr Karriere?“ Mehrere ehemalige Soldatinnen im Publikum wussten ebenfalls von konkreter Diskriminierung durch männliche Kollegen zu berichten. „Ich glaube, die Bundeswehr als Institution will Frauen tatsächlich gleichberechtigt behandeln“, meinte eine Teilnehmerin schließlich. “Aber was die einfachen männlichen Soldaten denken und wie sie handeln, steht auf einem ganz anderen Blatt.“

Keine Frage der Ehre

Was also muss geschehen, damit die Bundeswehr zu einem geschlechtergerechteren und damit attraktiveren Arbeitgeber wird? Gleich mehrere konkrete Vorschläge hatte Dorothea Siegle, Chefredakteurin des JS-Magazins, einer Zeitschrift der Evangelischen Kirche für junge Soldatinnen und Soldaten: „Wir müssen die Eigenschaften, die bisher vor allem Männern zugeschrieben wurden, mit Frauen verknüpfen. Wir müssen von Helikopterpilotinnen und Scharfschützinnen berichten, die kämpfen, ohne dabei besondere körperliche Stärke zu benötigen.“ Wichtig sei zum anderen, die starke Hierarchie abzubauen, die die Bundeswehr vor allem im Grundbetrieb präge. Im Beurteilungswesen sollten nicht nur Vorgesetzte ihre Untergebenen bewerten, sondern auch umgekehrt.

Hendrik Quest hingegen meinte, die Bundeswehr werde erst dann kein Paradefall für „hegemoniale Männlichkeit“ mehr sein, wenn Frauen in den Streitkräften keine Ausnahme mehr darstellen. „Es darf einfach keine Rolle mehr spielen, ob jemand männlich oder weiblich ist. Relevant ist allein die Frage: Erfüllt der- oder diejenige die Aufgabe?“ Für Dag Schölper, Geschäftsführer des Bundesforums Männer war entscheidend, dass die Bundeswehr bei der Rekrutierung von Personal die „richtigen“ Menschen anspreche: „Diejenigen, die wir für eine geschlechtergerechtere Bundeswehr brauchen, lassen sich nicht mit Ehren-Kodifikationen wie dem Werbeslogan `Wir. Dienen. Deutschland´ gewinnen“, gab er zu bedenken. „Die Kampagnen müssen ehrlich sein und jede Ästhetisierung des Tötens und der Gewalt vermeiden.“

Die Zeichen stehen auf Veränderung

Dass der politischen Führung der Bundeswehr eine entscheidende Rolle dabei zukommt, die Bundeswehr zu einem geschlechtergerechteren Arbeitgeber zu machen, betonte abschließend auch Doris Wagner. „Die Debatte darüber, welche Rolle Deutschland in der Welt spielen soll, ist noch immer nicht wirklich abgeschlossen. Doch davon hängt ja entscheidend ab, welche Fähigkeiten die Bundeswehr benötigt, und welche Fähigkeiten die Soldatinnen und Soldaten mitbringen müssen.“ Angesichts der vielen neuartigen Einsätze der Bundeswehr seien immer mehr Kompetenzen gefragt, die mit dem traditionellen Soldatenbild des starken Kämpfers wenig zu tun haben. Die Zeit der hegemonialen Männlichkeit könnte bald zu Ende sein.

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