Glyphosat EU will Laufzeitverlängerung durchdrücken

Flugzeug beim Pestizideinsatz. Selleriefeld in Spanien im Ebrodelta nahe der Stadt Deltebre
Ein Hubschrauber versprüht Pestizide über einem Selleriefeld in Spanien im Ebrodelta. Nach wie vor ist der Einsatz des Pflanzengiftes Glyphosat umstritten. Die EU-Kommission drängt jetzt auf eine schnelle Neuzulassung von Glyphosat. Wir forden von Agrarminster Schmidt dies in Brüssel zu stoppen.

Die EU-Kommission will die Glyphosat-Neuzulassung jetzt möglichst schnell und unter Ausschluss der Öffentlichkeit schon Anfang März 2016 durchsetzen. Das hat die Europäische Kommission grünen Europaparlamentariern in Brüssel mitgeteilt. Dabei ist das Allround-Pflanzengift umstritten wie nie zuvor. Diese Ankündigung wird die Debatte um das weltweit und in Deutschland am häufigsten eingesetzte Pflanzengift weiter anheizen. Üblicherweise wird eine solche Zulassungserneuerung für 15 Jahre ausgesprochen. Beschränkungen bei der Anwendung des Wirkstoffs sind nicht geplant. Die Kommission geht davon aus, dass die Mitgliedsstaaten am 7./8. März 2016 zustimmen werden.

Viel zu viel Glyphosat auf dem Acker

Kürzlich hat der amerikanische Pestizidforscher Charles Benbrook eine Studie veröffentlicht, die mit Zahlen untermauert, was niemanden mehr überrascht: Glyphosat ist nicht nur das mit Abstand am meisten eingesetzte Pestizid, sondern sein Einsatz hat sich auch in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Das wiederum hängt eng mit der Ausbreitung des Anbaus von gentechnisch verändertem Soja zusammen. Die US-Landwirte befinden sich mittlerweile in einem Teufelskreis. Da immer mehr Unkraut die Behandlung mit Glyphosat überlebt, wird noch mehr, öfter und in höheren Konzentrationen gespritzt, zunehmend auch in Mischungen mit anderen kritischen Herbiziden. Inzwischen landet auf jedem Hektar Ackerland weltweit im Schnitt mehr als ein halbes Kilo reines Glyphosat pro Jahr, in den USA das Doppelte, Tendenz steigend.

Das Julius Kühn-Institut von Agrarminister Schmidt hat in einer aktuellen Folgenabschätzung durchgerechnet, was jeder ältere Ackerbauer in Deutschland noch aus eigener Erfahrung bestätigen kann: Eine Landwirtschaft ohne Glyphosat ist in Deutschland möglich und erhebliche Einsparungen wären ohne ökonomische Nachteile zu erreichen.

Glyphosat im Menschen – wahrscheinlich ungesund

Das Umweltbundesamt (UBA) hat untersucht, dass die Belastung der Bevölkerung mit Glyphosat (gemessen in 400 Urinproben) über die letzten 15 Jahre erheblich zugenommen hat – und damit verschiedene kleinere Pilotuntersuchungen zu Glyphosat in Urin und Lebensmitteln bestätigt. Zwar werden keine Grenzwerte überschritten, aber das UBA kommentiert, dass die geltenden großzügigen Grenzwerte im Falle einer Einstufung von Glyphosat als gentoxisch, also erbgutverändernd, auch nicht mehr angemessen wären. Denn jede Veränderung des Erbguts kann potenziell Krebs auslösen. Das BfR wies nun darauf hin, die UBA-Daten seien „keine repräsentative Studie“. Genauso hatte das BfR vergangenes Jahr die Schlussfolgerungen der WHO-Organisation IARC als „unwissenschaftlich“ abgetan. Konstruktive Zusammenarbeit im Interesse des vorsorgenden Gesundheitsschutzes sieht anders aus.

Behörden streiten über Bewertung

Diese gentoxische Wirkung streitet das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), zuständig für die EU-Risikobewertung des Wirkstoffs, weiterhin komplett ab – und steht damit im Widerspruch zur renommierten Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Glyphosat im März 2015 als gentoxisch und „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hat. Unabhängige Forscher fanden bei 71 Prozent der veröffentlichten wissenschaftlichen Tests, Hinweise auf eine erbgutverändernde Wirkung. Dagegen räumen nur 6 Prozent der unveröffentlichten Industriestudien eine solche Wirkung ein. In der Bewertung verwarf das BfR den größten Teil der unabhängigen Studien zugunsten der Industriestudien – wegen angeblicher Mängel in der Durchführung oder Darstellung.

Zulassung trotz erheblicher wissenschaftlicher Unsicherheit

Auch auf Europäischer Ebene konnte die Uneinigkeit zwischen Wissenschaft und Bewertungsbehörden bisher nicht aufgelöst werden. Trotzdem plant die Europäische Kommission nun die Erneuerung der Zulassung, schnellstmöglich und wie üblich hinter verschlossenen Türen. Dabei sollte in Fällen unauflösbarer wissenschaftlicher Unsicherheit das europäische Vorsorgeprinzip zum Tragen kommen, das im Zweifelsfall dem Gesundheitsschutz Vorrang vor ökonomischen Interessen gewährt.

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