SchwerpunktthemaAgrarwende - Warum wir sie brauchen

Ein Gespräch mit Anton Hofreiter, Nicole Maisch und Friedrich Ostendorff

Die grüne Bundestagsfraktion hat sich die Agrarwende zum Schwerpunkt des ersten Halbjahres 2015 gesetzt. Anton Hofreiter, Nicole Maisch und Friedrich Ostendorff erläutern im Gespräch, worauf es dabei ankommt.

Wie sich jemand ernährt, ist seine Sache“, würden Sie dieser Aussage zustimmen, Herr Hofreiter?

Hofreiter: Ja, ob ich Fleisch esse, Tiefkühlpizza oder eine vegane Quiche ist meine Entscheidung. Genauso wie es meine Sache ist, ob ich lange Haare trage oder ein goldenes Jackett. Geschmäcker sind halt verschieden.

Politik kommt dann ins Spiel, wenn meine Entscheidung Folgen für andere hat. Wie wir derzeit Fleisch produzieren und konsumieren, ist alles andere als nachhaltig. Unsere Fleischproduktion hängt am Tropf von Sojaimporten, dafür wurde massenhaft Regenwald abgeholzt. Immer mehr Land wird für den Anbau von Futtermitteln genutzt, obwohl weltweit 800 Millionen Menschen hungern. Ich finde das skandalös. Deshalb ist es toll, wenn immer mehr Menschen sich bewusst ernähren, auf die Qualität und Herkunft ihres Fleisches achten oder ganz darauf verzichten.

Maisch: Ich sehe es auch mit Sorge, wie in der Lebensmittelproduktion Industrialisierung und rücksichtslose Exportorientierung weiter um sich greifen. Die Folgen erleben wir in der Massentierhaltung, aber auch im Verlust von handwerklich und bäuerlich arbeitenden Betrieben. Die Vielfalt und Qualität auf Acker und Teller schwinden zusehends.

Hofreiter: Man kann die Verantwortung für eine nachhaltige Landwirtschaft nicht auf die Verbraucherinnen und Verbraucher abwälzen. Es ist Aufgabe der Politik, die Strukturen zu verändern. Der Atomausstieg ist ja auch nicht allein deshalb gelungen, weil immer mehr Menschen Ökostrom gekauft haben. Dafür mussten AKWs abgeschaltet werden. Eine echte Agrarwende setzt da an, wo es der Agroindustrie weh tut. Zum Beispiel bei der Massentierhaltung.

Agrarwende und gesunde Ernährung sind Schwerpunkt der grünen Fraktion in diesem Halbjahr, was ist das Ziel?

Hofreiter: Unsere Landwirtschaft auf ökologisches Wirtschaften umzustellen, ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Unsere konventionelle Landwirtschaft trägt mit fast einem Drittel zur Klimakrise bei. Und sie ist Hauptursache für das weltweite Artensterben. Während sich im Energiesektor viel getan hat, steuert die Bundesregierung unsere Landwirtschaft aber weiter in die falsche Richtung: Sie unternimmt nichts gegen die Gefahr resistenter Keime im Fleisch. Sie lässt die Lebensmittelindustrie tricksen und täuschen. Sie setzt auf Exporte von Billigfleisch und treibt viele Bauernfamilien in den Ruin. Da bin ich urkonservativ: Ich will Bäuerinnen und Bauern statt Agrarfabriken und Bäckerinnen und Bäcker statt Brotfabriken. Es gibt genug Gründe, um endlich zu handeln.

Herr Ostendorff, Sie sind selbst Bauer. Angesichts der fortschreitenden Industrialisierung der Landwirtschaft warnen Sie vor dem vollständigen Verschwinden der bäuerlichen Landwirtschaft in Deutschland. Ist die Lage wirklich so dramatisch?

Ostendorff: Die Zahlen sprechen für sich: In den letzten zehn Jahren haben 30 Prozent der Betriebe aufgegeben. 50 Prozent der Milchviehbetriebe haben wir seit 1999 verloren. Wenn das so weitergeht, gibt es bald keine bäuerlichen Betriebe mehr. Agrarwende, Tierschutz, Pflege der Kulturlandschaft sind geknüpft an eine Landwirtschaft mit menschlichem Maß. Wir brauchen Initiativen zum Schutz der bäuerlichen Landwirtschaft, um zu halten, was wir noch haben. Den Bäuerinnen und Bauern müssen wir bessere Angebote machen, damit sie ihre Höfe im Sinne der notwendigen gesellschaftlichen Anforderungen entwickeln.

Für Verbraucher statt für Lobbyisten ackern

Sie haben die Grünen einmal als die eigentliche Bauernpartei bezeichnet. Das hört man sonst eher selten. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Ostendorff: Bäuerinnen und Bauern wählen traditionell CDU. Das bedeutet aber nicht, dass sie mehrheitlich von der Politik der CDU/CSU profitieren. Dass die Gelder aus Brüssel vor allem den ganz großen Betrieben zu Gute kommen, haben ja Unionsminister und Bauernverband gewollt und genauso betrieben wie den Ausbau der Massentierhaltung. Diese Politik dient allein der Agrarindustrie. Fragt mal eine Bäuerin oder einen Bauern in Nordrhein-Westfalen, von wem sie mehr Förderung erhalten haben: Offen wird es kaum einer sagen, aber hinter vorgehaltener Hand erzählen sie dir, dass es ihnen unter Höhn und Remmel wesentlich besser ging und geht als unter dem CDU-Mann Uhlenberg.

Mit der aktuellen Führung des Bauernverbands ist nicht zu reden. Herr Rukwied kennt leider nur das Ausdrucksmittel der wüsten Beschimpfung. Aber es gibt eben auch sehr viele Bäuerinnen und Bauern, die bereit sind zur Zusammenarbeit. Denen sollten wir die Hand reichen, statt sie anzugreifen und mit der Agrarindustrie in eine Ecke zu stellen.

Mit zunehmender Industrialisierung der Landwirtschaft nimmt auch die Artenvielfalt ab, was können wir dagegen tun?

Hofreiter: Die Landwirtschaft muss ökologischer werden, um unsere Artenvielfalt zu erhalten. Man muss nicht nach Südamerika fahren, um gefährdete Tierarten zu erleben. Auch in Deutschland ist ein Drittel aller Tierarten stark gefährdet. Schauen Sie sich um: Maismonokulturen,

Killerpestizide, Gülleflut – da haben viele Pflanzen und Tiere einfach keine Chance.

Wir brauchen wieder mehr Rückzugsräume für Tiere. Und wir müssen Überdüngung und massenhaften Pestizid-Einsatz begrenzen. Doch die großen Hersteller wie BASF und Bayer verdienen viel Geld mit der konventionellen Landwirtschaft. Mit denen müssen wir uns auseinandersetzen. Hier arbeitet eine sehr mächtige und gut vernetzte Lobby gegen uns Verbraucherinnen und Verbraucher.

Eine Lobby, die durch das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP noch mächtiger würde?

Maisch: Auch wenn Regierung und Europäische Kommission gebetsmühlenartig das Gegenteil behaupten: Unsere Umwelt- und Verbraucherschutzstandards sind bedroht, wenn Konzerne immer größeren Einfluss auf die Gesetzgebung bekommen. Und Instrumente wie die Investor-Staat-Schiedsgerichte oder die sogenannte regulatorische Kooperation sind dafür wie gemacht. In dem Regulatory Cooperation Council RCC (Rat zur regulatorischen Kooperation) sollen Gesetzesvorhaben eng mit Lobbygruppen abgestimmt werden, ohne dass nationale Parlamente rechtzeitig einbezogen werden können.

Wer soll dann in Zukunft etwa Monsanto daran hindern, unsere europäischen Regeln zur Gentechnik als Handelshemmnis zu beklagen?

Hofreiter: Keine Frage, der gesellschaftliche und politische Druck muss so groß werden, dass Verbesserungen unausweichlich sind. Die große „Wir haben es satt“-Demo im Januar mit fast 50.000 Menschen war ein klares Signal: Eine Agrarwende ist möglich.

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