MassentierhaltungAntibiotikaresistenzen in der Wurst

Ein Portion frisches Mett auf einem Holzbrett.

Seite 2: Warum sind Putenprodukte am häufigsten betroffen?

In unserer Studie haben wir verschiedene Fleisch- und Wurstprodukte analysieren lassen, darunter auch Putenrohwurst, vor allem Putenzwiebelmettwurst verschiedener Hersteller. In 66 Prozent der Putenrohwurstproben wurden ESBL-bildende Bakterien gefunden (6 von 9 Proben). Obwohl die statistische Belastbarkeit nicht vollständig gegeben ist, ist das Ergebnis dieser Stichprobe alarmierend.

Putenfleisch ist bei den deutschen VerbraucherInnen sehr beliebt, jährlich werden pro Kopf etwa 6 kg konsumiert, der EU-Durchschnitt liegt bei 3,5 kg. Diese enorme Nachfrage hat zur Folge, dass möglichst viel Fleisch zu möglichst billigen Preisen produziert wird: Die Tiere wurden in der Vergangenheit so einseitig auf schnelles Wachstum und möglichst hohen Brustmuskelanteil gezüchtet, dass die heute verwendeten Hochleistungstiere nach wenigen Lebenswochen kaum mehr zu natürlichen Bewegungsabläufen fähig sind.

Die Enge in den Ställen ist so groß, dass die Tiere auf ihren Exkrementen sitzen und zum großen Teil an fortgeschrittenen Entzündungen der Sohlenhaut leiden. Mehrfacher Antibiotika-Einsatz über die Trunkwasserzufuhr ist die Regel. Damit sich die Tiere in der dichten Enge der Ställe nicht verletzen, wird den Küken bereits in der Brüterei der Oberschnabel gekürzt. Am Ende des kurzen Lebens werden die Vögel in Transportkäfige gedrängt und in hochindustrialisierten Schlachthöfen zu tausenden pro Stunde geschlachtet.

Dieses System der Tierhaltung ermöglicht Tiefstpreise von zum Teil unter 3,50 Euro pro 500g Brustfilet. Die Kosten für dieses Billigfleisch sind jedoch hoch: für die Tiere, für die Umwelt und für unsere Gesundheit.

Was ist zu tun?

Die Massentierhalten im jetzigen Ausmaß bietet nicht genügend Raum für wirkliche Verbesserungen. Der Antibiotika-Einsatz muss radikal reduziert, die Anwendung von Reserveantibiotika in der Tierhaltung muss unterbunden werde. Deshalb fordert die grüne Bundestagsfraktion:

  • Reduktion der Tierzahlen

Die Tierdichte in den Beständen und auch in bestimmten Regionen Deutschlands hat stark zugenommen, zudem ist Deutschland Tiertransport-Transitland. In den betroffenen Regionen ist inzwischen auch die maximale ökologische Belastbarkeit überschritten. Ohne eine Reduzierung der absoluten Tierzahl sowie auch der Tierdichten lässt sich diese Situation nicht wirksam verbessern.

  • Mehr Tierschutz in der Tierhaltung

Für die aktuellen Tierzahlen fehlt schlicht und einfach der Platz zur tiergerechten Haltung. Neben einer Absenkung der Tierzahlen brauchen wir eine grundlegende Reform der Haltungsbedingungen. Es müssen endlich jede Zucht wirksam verboten werden, bei der Krankheiten und Schmerzen vorprogrammiert sind, nur um die Leistung weiter zu steigern. Wir brauchen darüber hinaus verschärfte Haltungsverordnungen, die deutlich längere Mastzeiten, niedrigere Besatzdichten, mehr Platz und Auslauf verpflichtend vorschreiben. Dazu muss die Regierung einen klaren zeitlichen Rahmen vorgeben und Umbauten mit Fördermaßnahmen flankieren.

  • Externe Kosten nicht auf Allgemeinheit verteilen

Die massenhafte Produktion von Billigfleisch verursacht nicht nur Tierleid, sondern auch enorme Kosten. Gerade dort, wo Tiere in extremer Dichte gehalten werden, geschieht dies auf der Basis von permanentem Medikamenteneinsatz. Das rechnet sich betriebswirtschaftlich für die Fleischwirtschaft, ist aber volkswirtschaftlich schädlich, denn die hohen Folgekosten durch Umweltverschmutzung und Resistenzbelastung trägt alleine die Gesellschaft. Um die Sicherheit der Lebensmittel aufrecht zu erhalten, muss der Bundesgesetzgeber die Grundlage dafür schaffen, dass Fleisch und Wurstwaren für den rohen Verzehr routinemäßig auf ESBL-bildende Bakterien untersucht und bei Befall aus dem Verkehr gezogen werden.

  • Geflügelhaltung in der Sackgasse

Die industrielle Geflügelhaltung (Hähnchen und Puten) hat Ausmaße erreicht, die jegliche Legitimation überschreiten. Die Tiere sind so überzüchtet, dass der Bewegungsapparat das Gewicht nicht mehr tragen kann. Das unnatürliche Wachstum der Brustmuskulatur überfordert das Skelett. Ohne antibiotische Medikamentation ist die industrielle Putenhaltung nicht denkbar. In diesem Falle ist der Tatbestand der Qualzucht definitiv erfüllt und muss geahndet werden. Wie setzen uns dafür ein, mit den Akteuren, Natur- und Tierschutzverbänden und den politischen Entscheidungsträgern nach Wegen zu suchen, wie Puten und Masthähnchen tiergerecht und verantwortlich genutzt werden können. Die heutigen Systeme und Rassen sind dafür nicht geeignet.

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1 Kommentar
Bessere Studien machen
Hermann Gerten 21.05.2014

Der Bericht lässt ja doch einíge Fragen offen:
Welche Keime wurden denn überhaupt gefunden?
Warum war das Labor zertifiziert nicht akkreditiert?
Stimmt es dass die Proben zum Teil mehrere Tage zum Labor unterwegs waren und nicht gekühlt wurden?
Mir scheint es bedenklich mit einer Studie so viel Wind zu machen, bei der Sachverständigen Leserinnen und Lesern gleich x Gründe einfallen, warum sie nichts taugt. Soll das die rationale Grundlage Grüner Politik sein. Dann vielen Dank.

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