Auslaufmodell GlyphosatEine andere Landwirtschaft ist möglich

Trecker auf Acker
Eine andere Landwirtschaft ist möglich.

Glyphosat ist angezählt – und die chemiebasierte Landwirtschaft ein Auslaufmodell. Das hat die finale Abstimmung über die Genehmigungsverlängerung des „wahrscheinlich krebserregenden“ Pestizidwirkstoffs Glyphosat am 24. Juni 2016 in Brüssel erneut gezeigt. Eine qualifizierte Mehrheit kam auch bei diesem letzten Versuch nicht zustande. Nun steht die Europäische Kommission in der Pflicht, die ablehnende Haltung der Menschen in ihrer Entscheidung angemessen zu berücksichtigen. Denn die Genehmigung für Glyphosat läuft am 30. Juni 2016 aus – wenn die Kommission sich nicht entscheidet, die vorgeschlagene Verlängerung um 12 bis 18 Monate auf eigene Verantwortung in Kraft zu setzen.

Entscheidung über Genehmigungsverlängerung erneut vertagt

Doch die Europäische Kommission tut sich schwer mit dieser Entscheidung. Sie will nach eigener Aussage die Fehler, die bei der Zulassung gentechnisch manipulierter Pflanzen gemacht wurden, bei dem Pestizidwirkstoff Glyphosat nicht wiederholen. Bei Gentech-Pflanzen gibt es praktisch nie eine qualifizierte Mehrheit für die Zulassung. Die Kommission hat die Zulassung dann bisher immer selbst ausgesprochen – und sich damit viel Kritik und Misstrauen von der EU-Bevölkerung eingehandelt.

Nun hat die Kommission die für den 27. Juni 2016 angekündigte Verlängerungsentscheidung erneut auf die allerletzte Minute vertagt. Es bleibt also spannend: Wird die Kommission die Verlängerung in Kraft setzen – um sich keine Klage der Glyphosathersteller, allen voran Monsanto, einzuhandeln? Oder wird sie weiter auf Zeit spielen, nichts tun, die Genehmigung auslaufen lassen – und damit den Druck auf die EU-Mitgliedsstaaten erhöhen, sich doch noch irgendwie zu einigen? Diese müssten im Falle des Auslaufens ohne vereinbarte Übergangsregelung vermutlich unter erheblicher Rechtsunsicherheit über mögliche nationale Übergangsfristen entscheiden.

Klar ist: Ein Alleingang der Kommission würde die EU-Verdrossenheit weiter befördern, genauso wie ein Versuch von Monsanto und Konsorten, Europa den Stoff per Gerichtsbeschluss aufzuzwingen.

Eine Landwirtschaft ohne Glyphosat ist möglich

Glyphosat ist der Schmierstoff der industriellen Landwirtschaft, nicht nur des fruchtfolgelosen Ackerbaus, sondern auch der Intensivtierhaltung. Wer unerwünschte Beikräuter auf seinem Acker einfach totspritzen kann, braucht keine zwar bodenpflegende und biodiversitätsfördernde, aber möglicherweise nicht kurzfristig gewinnmaximierende Fruchtfolge einzuhalten. Mais nach Mais oder Weizen und Raps im Wechsel sind keine nachhaltigen Bewirtschaftungsmuster und ohne erheblichen Chemieeinsatz nicht möglich. Der ökologische Landbau zeigt, dass es auch ganz ohne Gift auf dem Acker geht. Zwischen diesen beiden Polen gibt es zumindest erhebliche Glyphosat-Einsparpotenziale, die im Falle einer Verlängerung beziehungsweise Übergangsfrist unbedingt genutzt werden sollten, um den endgültigen Glyphosat-Ausstieg vorzubereiten.

Auch die deutsche Intensivtierhaltung hängt am Tropf von Glyphosat – nicht nur zum Beispiel über den deutschen Mais- und Gerstenanbau, sondern auch über den Import von Soja als Eiweißfutter. Soja wird in Süd- und Nordamerika ganz überwiegend in einer gentechnisch veränderten Form angebaut (Roundup Ready von Monsanto), die die Behandlung mit Glyphosat (bzw. dem fertigen Spritzmittel Roundup von Monsanto) unbeschadet übersteht, während alles andere Grün auf dem Acker stirbt. Das führt zu hohen Glyphosat-Rückständen im Viehfutter, mit dem Europas Nutztiere gemästet werden. Die Erforschung der Auswirkungen dieser Rückstände auf die Tiergesundheit steht noch ganz am Anfang. Auch hier gibt es Positivbeispiele, über den Ökolandbau hinaus: Ein großer Anteil der deutschen Frischmilch und Eier wird inzwischen gentechnikfrei erzeugt, das heißt: ohne Sojafutter mit hohen Glyphosat-Rückständen. Und eine erste konventionelle glyphosatfreie Milchlinie wurde eben vorgestellt.

Ein lesenswerter Kommentar zum Thema wurde vom Geschäftsführer des Deutschen Naturschutzrings veröffentlicht.

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