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Agrar- und ErnährungswendeGesundes Essen geht nur mit gesunder Landwirtschaft

Gesundes Essen braucht eine gesunde Landwirtschaft. Wie beides zusammengehen kann, darüber diskutierten VerbraucherInnen, ExpertInnen und PolitikerInnen anlässlich der Internationalen Grünen Woche auf der Konferenz "Europa à la carte. Was essen wir morgen?“ im Bundestag in Berlin.

In seinem Grußwort konstatierte Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, dass wir durch die Politik des unionsgeführten Agrarministeriums hiervon jedoch noch weit entfernt sind - sowohl bei der Tierhaltung als auch im Ackerbau. Nicht zuletzt mit den EU-Agrarzahlungen müssen wir umsteuern: Hin zu mehr Umwelt-, Natur- und Umweltschutz. Aber auch im Bereich Ernährung müssen wir an den Stellschrauben drehen. Für die Ernährungsindustrie sind Fett, Salz und Zucker ideale Füllstoffe. Sie sind billig, sie sind verfügbar, sie machen haltbar. Das geht zulasten der Gesundheit von Bürgerinnen und Bürgern. Sein Fazit: „Wir wollen das ändern. Und auch das Thema Gemeinschaftsverpflegung muss ganz oben aufgehängt werden. In Einrichtungen wie Kitas, Schulen und Pflegeheimen wollen wir frisches, regionales, und am besten vor Ort zubereitetes Essen.“

Neue Vertrauensbasis zwischen Produzenten und Konsumenten schaffen

Judith Hitchman vom Urgenci International Community Supported Agriculture Network sprach sich in ihrer Keynote dafür aus, dass wir sehr genau hinschauen müssen, was wir einkaufen und essen. Dabei gehe es nicht nur um gesundheitliche Aspekte. Eine landwirtschaftliche Produktion, die den Klimawandel anheizt, sei nicht zukunftsträchtig. Produkte wie Avocados aus Mexiko hätten eine enorm schlechte Klimabilanz. Wir brauchen vielmehr eine regional angepasste, klimafreundliche Landwirtschaft.

Hitchmans Vision, die Community Supported Agriculture - auf Deutsch: solidarische Landwirtschaft (Solawi) - wird von privaten Haushalten getragen. KonsumentIinnen zahlen im Voraus. Im Gegenzug erhalten sie den Ernteertrag, der je nach klimatischen Bedingungen unterschiedlich ausfallen kann. Durch den persönlichen Bezug zueinander wird zwischen ErzeugerInnen und VerbraucherInnen eine neue Vertrauensbasis geschaffen. Ob in grünen Gürteln am Stadtrand oder im ländlichen Raum, solidarische Landwirtschaft lässt sich an vielen Orten umsetzen. Damit alleine kann selbstverständlich eine Agrarwende nicht gelingen. Doch die solidarische Landwirtschaft ist eine von vielen Stellschrauben. Als weiteren wichtigen Punkt für eine Agrar- und Ernährungswende nannte Judith Hitchman das öffentliche Beschaffungswesen wegen seiner großen Nachfrage, beispielsweise durch Schulen, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Gefängnisse.

Louise Luttikholt von der International Federation of Organic Agriculture Movements (IFOAM) machte sich für ehrliche Preise stark, das sogenannte true cost accounting. Billigprodukte aus Supermärkten würden nicht die tatsächlichen Kosten widerspiegeln, wie beispielsweise die Trinkwasserreinigung aufgrund hoher Nitratbelastung unserer Grundwasser.

Digitalisierung der Landwirtschaft löst nicht die wirklichen Probleme

Bei der Frage, welche Rolle die Digitalisierung bei der Agrarwende spielen könnte, waren sich beide Expertinnen einig: Digitalisierung sei nicht per se schlecht, löse aber auch nicht die drängenden Probleme in der Landwirtschaft. Zudem ist moderne Präzisionstechnik nicht für alle Bäuerinnen und Bauern aufgrund der hohen Anschaffungskosten zugänglich.

Nach den Expertinnen-Beiträgen fanden anschließend vier Panels zu verschiedenen Aspekten einer europäischen Ernährungswende statt.

Panel 1: Europa braucht eine Ernährungswende – Städte machen´s vor

Prof. Angelika Ploeger von der Universität Kassel stellte heraus, dass Konsumentinnen und Konsumenten mit ihren Kaufentscheidungen Werte schaffen und Einfluss auf unsere Lebensqualität – von Gesundheit bis hin zu Umwelt- und Tierschutz – nehmen. Eine Ernährungswende sei dringend geboten, denn sie brauche viel Zeit, wie man an der Entwicklung des Ökolandbaus gut sehen könne. Positivbeispiele im Hinblick auf eine Ernährungswende in Europa gibt es bereits an vielen Orten: Skandinavien habe in der „New Nordic Diet“ beispielsweise wichtige Elemente der gesunden Mittelmeerdiät übernommen. Mit dem Ergebnis, dass insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankung zurückgingen. Als weitere Städtevorbilder nannte sie u.a. die Fairtrade Towns und die Suistanaible food cities.

Frau Prof. Ploeger stellte fest, dass sich beim Thema Ernährung viel verändert, weil die Bürgerinnen und Bürger es selber in die Hand nehmen. Die Politik müsse diese Entwicklung unterstützen, z.B. durch die Schaffung gesunder Gemeinschaftsverpflegung.

Ernährungswende mit Ernährungsräten

Henrike Rieken, Sprecherin Ernährungsrat Berlin, stellte die Ernährungsräte vor, von denen es bereits 40 Initiativen in Deutschland gibt. Ernährungsräte würden die Stadt in den Mittelpunkt der Ernährungswende rücken. Wichtige Voraussetzung dafür seien eine verlässliche Umstellungsförderung, Fachkräfte und stabile Lieferbeziehungen. Sie nannte weitere Beispiele für Projekte in Städten, von denen wir lernen können: „Incredible edible“, ein Urban Gardening-Projekt im britischen Todmorden, das seinen Erfolg darin hat, dass es durch die Bürgerinnen und Bürger angestoßen und umgesetzt wurde. Das Label „Incredible edible“ wird nicht nur sehr erfolgreich von den lokalen Erzeugern genutzt, sondern mittlerweile auch für den Tourismus vor Ort genutzt. In Kopenhagen hat das „house of food“ es geschafft, 900 städtische Küchen auf mittlerweile 90 Prozent Bio umzustellen. Der Nebeneffekt: Die Küchen verwenden nicht nur Bio-Lebensmitteln, sondern vor allem viel mehr saisonale und frische Lebensmittel als vorher, und es wird wesentlich weniger Essen weggeworfen. Das Konzept des „house of food“ soll nun auch in Berlin im Rahmen seiner Ernährungsstrategie umgesetzt werden.

Renate Künast, Sprecherin für Ernährungspolitik der Bundestagsfraktion, fasste abschließend zusammen, dass der Druck der Menschen für eine Ernährungswende groß und eine ganze Bewegung daraus entstanden sei. Viele Verbraucherinnen machen bereits Politik mit dem Einkaufskorb. Daneben brauche diese Form des gesellschaftlichen aber auch einen rechtlichen Rahmen.

Panel 2: Bullerbü – warum eigentlich nicht? Moderne Kleinbetriebe als Motor für die Agrarwende

Landen wir mit der Digitalisierung arbeitsmäßig im Schlaraffenland oder ist die Realität auf den Höfen doch eine ganz andere, als uns die schöne neue Digitalisierungswelt verspricht? Mit dieser Frage leitete der agrarpolitische Sprecher Friedrich Ostendorff die Diskussion ein und beschrieb dabei die beiden Pole, um die es in dem Panel ging: Die großen Hoffnungen und Versprechungen digitaler Technologien einerseits und andererseits die Realität zahlreicher bäuerlicher Betriebe, die sich schwerlich über Wasser halten können.

Prof. Engel Hessel, Leiterin des Instituts für Agrartechnologie am Thünen Institut und Digitalisierungsbeauftragte des BMEL, betonte, dass es sich bei digitalen Anwendungen in der Landwirtschaft in erster Linie um Assistenzsysteme handele, die etwa zum Tier- und Ressourcenschutz in der Landwirtschaft beitragen könnten. Dr. Ophelia Nick, Tierärztin und Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft in NRW unterstrich, dass es bei einer kritischen Haltung zur Digitalisierung in der Landwirtschaft nicht um Technikfeindlichkeit gehe, sondern darum zu hinterfragen, welchen Nutzen die neuen Technologien zur Lösung der großen Herausforderungen wie Klimawandel und Artensterben tatsächlich beitragen. Derzeit fließe zu viel Geld in die Förderung von Digitalisierung und zu wenig in die wirkliche Verbesserung der Situation bäuerlicher Betriebe.

Panel 3: Alle Wetter! Wie sieht eine klimagerechte Landwirtschaft aus?“

Nach dem Überschwemmungsjahr 2017 und der Dürre 2018 ist auch in Deutschland klar: Die Folgen des Klimawandels treffen die Landwirtschaft als erstes. Im Panel „Alle Wetter! Wie sieht eine klimagerechte Landwirtschaft aus?“ diskutierte Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik der Bundestagsfraktion, mit Silvia Bender vom BUND, Barbara Rudolf vom saat:gut e.V. und Dr. Claudia Heidecke vom Thünen-Institut darüber, was das für Bäuerinnen bedeutet. Alle waren sich einig: Wir müssen sofort handeln, um schlimmeres zu verhindern, bevor irreversible Kipppunkte mit Heißzeiten und einem enormen Anstieg des Meeresspiegels eintreten.

Ebenfalls Konsens bestand darüber, dass Landwirtschaft als Verursacher von Emissionen verstärkt in die Pflicht genommen werden und die Agrarförderung nach Klima-Kriterien ausgerichtet werden muss. Gleichzeitig gibt es in der  Landwirtschaft aber auch Betroffene und Opfer der Klimakrise und wir brauchen schnellstmöglich Strategien zur Anpassung an die klimatischen Veränderungen wie vielseitige und widerstandsfähige Anbausysteme.

Auf dem Podium wurden viele Lösungsansätze genannt: landwirtschaftliche Emissionen reduzieren, Kohlenstoff durch Humusaufbau und dem Erhalt von Grünland, Wald, Mooren in den Böden binden, sowie eine klimaangepasste Züchtung und stabile Anbausysteme. Gentechnik-Lösungen seien dagegen bei unvorhersehbaren, vermehrt lokal auftretenden Extremwetterereignissen nicht hilfreich, sondern sogar kontraproduktiv für im System gedachte Strategien. Es seien viele gute Ansätze da, sie müssten jetzt sektorenübergreifend und schnell umgesetzt werden, resümierte Harald Ebner.

Panel 4: “Nicht ohne meine Bäckerei! Das Lebensmittelhandwerk in Deutschland und Frankreich”

Im Panel “Nicht ohne meine Bäckerei! Das Lebensmittelhandwerk in Deutschland und Frankreich” führte Markus Tressel, Sprecher für ländliche Räume und Regionalpolitik der Bundestagsfraktion eine Diskussion über die Gründe für den alarmierenden Konzentrationsprozess im Lebensmittelhandwerk. Anke Kähler von den Freien Bäckern schilderte zwei Hauptprobleme im Bäckerhandwerk. Erstens werde die Arbeit der Handwerksbetriebe unverhältnismäßig durch das Steuersystem belastet. Und zweitens seien die wahren Kosten der industriellen Produktion von Backwaren nicht bekannt. Hierzu zählt sie die Kosten für die Umwelt, die nicht-ökologische Rohstoffe verursachen, ebenso wie die unfaire Verteilung staatlicher Subventionen zugunsten von Großbetrieben.

Als Konditormeisterin aus Berlin mit jahrelanger Arbeitserfahrung in Frankreich stellte Anna Plagens nicht nur die Problematik kleiner, handwerklich tätiger Betriebe praxisnah dar, sondern zeigte auch auf, wie die Franzosen das Bäckerhandwerk bereits seit den 1990iger Jahren unterstützen. Zwar gäbe es auch dort Probleme, aber das Abschmelzen der Bäckereien sei längst nicht so drastisch und die durchschnittliche Größe der Betriebe deutlich geringer. In Frankreich ist nicht nur der Handwerksbegriff geschützt, sondern auch die Filialbildung wird durch die Gesetzgebung wesentlich erschwert, da Brot nur von der- oder demjenigen verkauft werden darf, die oder der das Brot geknetet, fermentiert, geformt und gebacken hat. Als Konditorin in einer Metropole profitiert Frau Plagens zwar von dem neuen Bewusstsein für gutes Essen, aber die bürokratische Belastung bekommt sie genauso zu spüren wie andere Lebensmittelhandwerksbetriebe. Dennoch sind sich Anna Plagens und Frau Kähler einig, dass der Stolz auf das Handwerk und die Wertschätzung in der Bevölkerung wichtige Voraussetzungen dafür sind, dass wir zukünftig wieder vermehrt handwerklich hergestelltes Brot genießen können, das heißt Brot, das ohne Zusätze auskommt. Einig waren sich die beiden auch mit Markus Tressel: Für die Weichenstellung ist hier die Politik gefragt.

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