Krebsrisiko PflanzengiftGlyphosat-Ausstieg jetzt

Das Allround-Ackergift tötet jede Grünpflanze und ist wahrscheinlich krebserregend. Wir Grüne im Bundestag fordern: Schluss mit dem Einsatz von Glyphosat.

Bis Ende 2017 soll entschieden werden, ob Glyphosat in der EU weiter erlaubt bleibt. Im Januar 2017 haben sich zahlreiche Umweltorganisationen aus ganz Europa zusammengetan und die Europäische Bürgerinitiative (EBI) „Stopp Glyphosat“ bei der Europäischen Kommission registriert. Die wird es nicht ignorieren können, wenn die EBI bereits vor der Glyphosat-Entscheidung die Schallgrenze von einer Million Unterschriften erreicht.

„Der Start der Glyphosat-EBI ist ein wichtiges Signal zum Auftakt des entscheidenden Glyphosat-Jahres! Europas Regierungen und die EU-Kommission müssen auf die Bürgerinnen und Bürger hören, standhaft bleiben gegenüber den Einflüsterungen der Chemiekonzerne und dafür sorgen, dass 2017 den Anfang vom Ende des Glyphosat-Zeitalters markiert“, sagt Harald Ebner, Sprecher für Gentechnik- und Bioökonomiepolitik.

Glyphosat tötet – erst alles Grün auf dem Acker, dann gelangt es in unsere Gewässer und Lebensmittel. Dabei ist das Pflanzengift für Menschen laut Weltgesundheitsorganisation WHO-Experten „wahrscheinlich krebserregend“. Doch die Agrarlobby will mit Unterstützung der Bundesregierung das europaweite Verbot verhindern. Wir wollen nicht zulassen, dass dieses Gift weiterhin auf unsere Äcker und Teller kommt. Einen ersten großen Teilerfolg haben wir im Sommer 2016 errungen, als die Konzerne statt der erhofften Glyphosat-Verlängerung um 15 Jahre nur 1,5 Jahre Galgenfrist eingeräumt bekamen.

Glyphosat gilt als der meistverwendete Pestizidwirkstoff der Welt. Das Allround-Ackergift Glyphosat tötet jede Grünpflanze – es sei denn, sie ist entsprechend gentechnisch verändert oder durch jahrelangen massiven Glyphosateinsatz gegen den Stoff resistent geworden. Hersteller Monsanto und Zulassungsbehörden betonen seit der Markteinführung in den 1970er Jahren bis heute die Harmlosigkeit des Gifts, obwohl es schon lange viele Hinweise auf massive Gesundheitsgefahren gibt.

WAHRSCHEINLICH KREBSERREGEND FÜR MENSCHEN

Im März 2015 stuften die Krebsexperten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend für Menschen“ ein. Die Einstufung kam zu einem brisanten Zeitpunkt mitten im laufenden EU-Wiederzulassungsverfahren für das Ackergift. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) war für zuständig für die EU-Risikobewertung. Die Behörde beeilte sich, das Urteil der Experten von der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC) in Frage zu stellen und den eigenen Bericht schleunigst an die EU abzugeben, statt ihn noch einmal gründlich zu überarbeiten angesichts der neuen Erkenntnisse. Unabhängige Wissenschaftler haben den mehrere tausend Seiten umfassenden BfR-Bewertungsbericht kritisch unter die Lupe genommen und sind zu dem Schluss gekommen, dass die Behörde eine ganze Reihe Studien offenbar vorsätzlich aussortiert und nicht berücksichtigt hat – und zwar vor allem solche, die Hinweise auf das Krebsrisiko von Glyphosat geben. 96 angesehene Krebsforscher aus aller Welt haben diese Bedenken in einem Offenen Brief formuliert.

MILLIARDENGESCHÄFT FÜR MONSANTO

Das ursprüngliche Monsanto-Patent für Glyphosat ist längst abgelaufen, dennoch macht der Agrarmulti Monsanto immer noch einen großen Teil seines Geschäftsmit dem Pflanzenkiller – vor allem im Paket mit den darauf abgestimmten Gentechnik-Pflanzen. Aber auch ohne Gentechnik wird Glyphosat in Deutschland immer mehr eingesetzt: vor der Aussaat, nach der Ernte und sogar kurz vor der Ernte zur sogenannten „Abreifebeschleunigung“, auch „Totspritzen“ genannt. Rund fünf bis sechs Millionen Liter reines Glyphosat werden hierzulande Jahr für Jahr in versprüht.

Glyphosatrückstände sind daher inzwischen in vielen Lebensmitteln und sogar in unseren Körpern nachweisbar. Das Umweltbundesamt UBA hat Anfang 2016 gezeigt, dass die Glyphosatbelastung der Bevölkerung in den letzten 15 Jahren erheblich gestiegen ist.

NEUZULASSUNG ODER NICHT? SO GEHT ES WEITER

Nachdem es im Juni 2016 auch nach immer weiter verkürzten Glyphosat-Zulassungsvorschlägen keine Mehrheit der EU-Staaten dafür gab, erteilte die EU-Kommission Konzernen und Agrarindustrie im allerletzten Moment eine Galgenfrist von 1,5 Jahren statt einer Neuzulassung für 15 Jahre. Bemerkenswert: sogar Deutschland, dessen Behörden Glyphosat die Unbedenklichkeit bescheinigt hatten, stimmte nicht für die Neuzulassung. Und zwar, weil wir es zusammen mit den Umweltverbänden und der kritischen Öffentlichkeit geschafft haben, die SPD im letzten Moment zu einem Kurswechsel zu bewegen. Agrarindustrieminister Schmidt war sauer.

Die Glyphosat-Galgenfrist läuft bis Ende 2017. Bis dahin soll endgültig entschieden werden, ob Glyphosat eine Neuzulassung bekommt oder nicht. Maßgebliche Grundlage dafür wird die Glyphosat-Bewertung der Europäischen Chemikalienagentur ECHA in Helsinki sein, die bis Mitte 2017 vorliegen soll. Wenn sich die ECHA der IARC-Einstufung anschließt und Glyphosat in die entsprechende europäische Krebsrisikostufe 1b einordnet, dürfte das Pflanzengift nach geltendem Recht nicht mehr zugelassen werden. Es gibt allerdings aktuell Bestrebungen auf EU-Ebene, diese Regeln so neu auszulegen, dass eine Zulassung dennoch weiter möglich wäre. Wir bleiben dran und setzen uns dafür ein, dass das nicht geschieht.

WIR GRÜNE IM BUNDESTAG FORDERN:

  • Keine Neuzulassung von Glyphosat auf dieser Grundlage
    Die Erteilung einer Neuzulassung für Glyphosat, die sich auf die unvollständige, fehlerhafte BfR-Bewertung stützt, wäre grob fahrlässig. Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass das laufende Europäische Verfahren gestoppt und auf Grundlage eines neuen, von unabhängigen Experten erarbeiteten Bewertungsberichts neu aufgerollt wird. Es darf keine Verlängerung der Zulassung geben, solange es Zweifel an der Wissenschaftlichkeit und Objektivität der Begutachtung gibt.
  • Anwendungsmoratorium 
    Solange Zweifel an der gesundheitlichen Unbedenklichkeit bestehen, muss ein Anwendungsmoratorium für Glyphosat verhängt werden.
    Gemäß dem Vorsorgeprinzip gilt es, die Belastung beziehungsweise Exposition der Bevölkerung gegenüber dem Wirkstoff soweit als möglich zu minimieren.
  • Human-Biomonitoring einführen
    Die Minimierung/Reduzierung der Exposition der Bevölkerung ist durch ein entsprechendes Human-Biomonitoring zu begleiten und in ihrer Wirksamkeit zu überprüfen. Weiterhin muss die Bundesregierung eine mögliche Gefährdung über die Rückstände in Futter- und Lebensmitteln prüfen – eine Ausrichtung der Grenzwerte an Verbraucherschutzkriterien ist überfällig.
  • Aufarbeitung der Vorgänge im BfR
    Die Bundesregierung muss angesichts der systematischen Fehler, die bei der Erarbeitung der BfR-Stellungnahme gemacht wurden, umgehend eine Untersuchung einleiten. Im Rahmen dieser Untersuchung müssen auch andere BfR-Bewertungen auf ähnliche Fehler überprüft werden. Die Ursachenforschung muss sich auch darauf erstrecken, durch wen und in welcher Form eine mögliche Einflussnahme erfolgte. Die Bundesregierung und das BfR sind bisher unzulässig trivialisierend mit dem Thema umgegangen – es ist deshalb zu prüfen, ob die Zuständigkeit auf andere Behörden verlagert wird, und ob das Versagen des BfR personelle Konsequenzen haben muss.
  • Veränderung des Zulassungsverfahrens 
    Die Neueinstufung von Glyphosat durch das IARC und der wissenschaftliche Streit wirft die Frage auf, wo unsere Zulassungsverfahren Defizite aufweisen und wo Reformbedarf besteht (auch vor dem Hintergrund, dass auch andere Pestizide wie DDT, Atrazin und die bienengiftigen Neonikotinoide heute als deutlich gefährlicher eingeschätzt werden als bei ihrer Zulassung – die Risikobewertung also letztlich versagt hat).
  • Eine umfassende Pestizidreduktionsstrategie
    Da bei einem Anwendungsmoratorium ein „Ausweichen“ auf andere Stoffe zu befürchten ist, die gesundheitlich auch nicht unbedenklich sind, muss diese Maßnahmen von einer umfassenden Pestizidreduktionsstrategie begleitet werden.

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3 Kommentare
Glyphosat & Genmanipulation
Andreas Preuss 05.10.2015

Ich kann einfach nicht verstehen warum Glyphosat und alle Erzeugnisse Herbizid resistenter Pflanzen nicht schon lange europaweit verboten sind.
Aus der Literatur ist eindeutig bekannt, dass Glyphosat
zelltoxisch, lebertoxisch und nierentoxisch ist.

Wir brauchen Glyphosat für die Gleisanlagen der Bahn
Marco.Drosdeck 19.10.2015

Bei allem Verständnis für die Diskussion um eine Wiederzulassung von Glyphosat - wir benötigen Jenes unbedingt für die Bewuchsfreihaltung der Gleisanlagen und Arbeitswege innerhalb der Bahnanlagen! Es gibt hier keine praktikablen Alternativen, um den entstehenden flächendeckenden Bewuchs unter Kontrolle zu halten. Nur bewuchsfreie Gleisanlagen und deren Arbeitswege gewähren einen unfallfreien Eisenbahnbetrieb!

Fake News oder keine Ahnung?
Harald Butenschön 12.03.2017

Allein die Aussage, daß durch Glyphosat jede nicht gvo-Pflanze getötet würde, zeigt daß der Autor keinerlei Fachkenntnisse besitzt, oder den Leser bewusst verunsichern will!
Nur als Beispiel sei gewöhnlicher, wildwachsender Weissklee genannt, eine nun wirklich empfindliche Pflanze der mit Glyphosat aber auch rein gar nichts anzuhaben ist.
Zu behaupten, es seien Glyphosatrückstände im menschlichen Körper etc. gefunden worden greift zu kurz: Gefunden wurden Abbauprodukte von Phosphaten, welche seit Einführung der phosphatfreien Waschmitteln in eben diesen dieses Phosphat ersetzen.
Übrigens wurde Glyphosat ursprünglich als Waschmittel entwickelt

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