Anhörung GlyphosatHinweise auf Krebsgefahr systematisch ignoriert

Ein Landwirt fährt mit einer Dünger- und Pestizidspritze am 18.05.2015 über ein Feld mit jungem Getreide nahe Neuranft im Oderbruch (Brandenburg).

Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat (besser bekannt unter dem Markennamen Roundup von Monsanto) ist „wahrscheinlich krebserregend“. Die Mehrheit der Sachverständigen teilt diese Einschätzung. Nur das zuständige Bundesinstitut für Risikobewertung verschließt weiter die Augen – und kämpft um seinen Ruf. Für den angeschlagenen Konzern Monsanto geht es um bis zu 50 Prozent seines Umsatzes.

Glyphosat „wahrscheinlich krebserregend“ – bloß nicht für die deutsche Behörde

Die Krebsforschungsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits im März dieses Jahres auf die wahrscheinlich krebserregende Wirkung beim Menschen hingewiesen. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung BfR, zuständig für die EU-weite Risikobewertung des Pestizids, beharrt dagegen hartnäckig auf dessen Harmlosigkeit – Voraussetzung für weitere zehn Jahre EU-Zulassung. Richtlinientreue und menschliches Versagen alleine können dieses Fehlverhalten kaum erklären. Auch bei der von den Grünen im Bundestag initiierten und von allen Fraktionen beschlossene Öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft am 29. September 2015 konnten die Widersprüche zwischen WHO-Experten, unabhängigen Wissenschaftlern und dem BfR nicht ausgeräumt werden. Das Vorgehen des BfR, bestimmte unliebsame Studien mit fragwürdiger Begründung nicht in die Bewertung einzubeziehen, wurde von den geladenen WHO-Experten kritisiert. Prof. Ivan Rusyn berichtete auf Nachfrage von Harald Ebner, dass die IARC aufgrund der vorliegenden Daten sogar nahe daran gewesen war, Glyphosat in die höchste Krebsrisikokategorie eins „krebserregend“ (ohne „wahrscheinlich“) einzustufen. Die komplette Anhörung kann in der Mediathek angesehen werden.

Schon die schriftlichen Stellungnahmen der unabhängigen Sachverständigen aus Brasilien, der Schweiz und den USA und zwei Pressekonferenzen mit Experten von Grünen und NGOs im Vorfeld ließen keinen Zweifel: Die BfR-Bewertung ist wissenschaftlich nicht nachvollziehbar und bedarf der Korrektur. Das BfR dagegen veröffentlichte in den Tagen vor der Anhörung zusätzlich zu der eigenen Stellungnahme mehrere „Hintergrundinformationen“, die das selektive Vorgehen bei der Studienauswahl und -interpretation zu rechtfertigen versuchen. Und die Union benannte kurzfristig einen Wissenschaftler, der sich eben erst durch eine Publikation mit Monsanto-Mitarbeitern zu Glyphosat ein Zubrot verdient hat.

Glyphosat erbgutschädigend – bloß nicht für Landwirte

Dass der Deutsche Bauernverband Glyphosat für „unverzichtbar“ hält und „keine“ gesundheitlichen Risiken für seine Mitglieder sieht, erstaunt ebenfalls – tragen doch die Landwirte als Ausbringer des Pestizids das größte Risiko. Doch auch Anwohner, Landschaftsnutzer und Lebensmittelkonsumenten sind betroffen, denn nicht einmal vom BfR wird angezweifelt, dass die bisherigen Hinweise auf eine breite Belastung der Bevölkerung mit dem Ackergift schließen lassen. Mehrere Experten weisen in diesem Zusammenhang darauf hin, dass IARC auch „starke Indizien“ für eine gentoxische, also erbgutschädigende Wirkung von Glyphosat gefunden hat. Und da gentoxische Stoffe bereits in geringsten Mengen krebsauslösend sein können, ist ein Grenzwert üblicherweise unangebracht.

Dem stimmt grundsätzlich auch das BfR zu. Trotzdem hat es bis heute seine Empfehlung, die akzeptable tägliche Aufnahmemenge für Glyphosat noch einmal um fast 70 Prozent anzuheben, aufrechterhalten. Gleichzeitig wird es nicht müde zu wiederholen, dass die gemessenen Werte in Lebensmitteln, Urin und Muttermilch „vernachlässigbar“ seien. „Negligible Exposure/ vernachlässigbare Exposition“ ist ein Begriff, der auf EU-Ebene gerade so definiert werden soll, dass eine Erneuerung der Glyphosat-Zulassung selbst bei einer EU-Übernahme der Einstufung als „wahrscheinlich krebserregend“ wahrscheinlich wäre.

Unveröffentlichte Industriestudien – Transparenz geht anders

Unveröffentlichte Industriestudien bilden die Basis der BfR-Bewertung. Publizierte Studien werden dagegen kaum berücksichtigt. Dafür ist die Behörde indirekt gerade abgemahnt worden: Die sogenannte „JMPR Expert Taskforce“ hat den bisherigen Bewertungsberichten dieser internationalen Organisation, die Pestizidgrenzwerte für Lebensmittel festlegt, vor wenigen Tagen eine zu starke Einengung auf Industriestudien bescheinigt und empfiehlt eine komplette Neubewertung. Verfasst wurden die kritisierten Berichte federführend von BfR-Mitarbeitern. Mehrere Experten fordern grundsätzlich eine Veröffentlichung der Industriestudien, die bisher als „Betriebsgeheimnis“ geschützt sind. Es gibt eine Behörde, die mit gutem Beispiel voran geht: Die Europäische Arzneimittel-Agentur veröffentlicht seit 2015 Industriestudien, die im Rahmen von Zulassungsanträgen bei ihr eingereicht werden.

Wir Grüne im Bundestag fordern daher:

  • Keine Neuzulassung von Glyphosat auf dieser Grundlage
    Die Erteilung einer Neuzulassung für Glyphosat, die sich auf die unvollständige, fehlerhafte BfR-Bewertung stützt, wäre grob fahrlässig. Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass das laufende Europäische Verfahren gestoppt und auf Grundlage eines neuen, von unabhängigen Fachleuten erarbeiteten Bewertungsberichts neu aufgerollt wird. Es darf keine Verlängerung der Zulassung geben, solange es Zweifel an der Wissenschaftlichkeit und Objektivität der Begutachtung gibt.
  • Anwendungsmoratorium
    Solange Zweifel an der gesundheitlichen Unbedenklichkeit bestehen, muss ein Anwendungsmoratorium für Glyphosat verhängt werden.
    Gemäß dem Vorsorgeprinzip gilt es, die Belastung bzw. Exposition der Bevölkerung gegenüber dem Wirkstoff soweit als möglich zu minimieren.
  • Human-Biomonitoring einführen
    Die Minimierung/Reduzierung der Exposition der Bevölkerung muss durch ein entsprechendes Human-Biomonitoring begleitet werden. Weiterhin muss die Bundesregierung eine mögliche Gefährdung über die Rückstände in Futter- und Lebensmitteln prüfen. Eine Ausrichtung der Grenzwerte an Verbraucherschutzkriterien ist überfällig.
  • Aufarbeitung der Vorgänge im BfR
    Die Bundesregierung muss angesichts der systematischen Fehler, die bei der Erarbeitung der BfR-Stellungnahme gemacht wurden, umgehend eine Untersuchung einleiten. Im Rahmen dieser Untersuchung müssen auch andere BfR-Bewertungen auf ähnliche Fehler überprüft werden. Die Ursachenforschung muss sich auch darauf erstrecken, durch wen und in welcher Form eine mögliche Einflussnahme erfolgte. Die Bundesregierung und das BfR haben bisher bei diesem Thema unzulässig abgewiegelt – es ist deshalb zu prüfen, ob die Zuständigkeit in andere Behörden in den Bereichen Gesundheitsschutz oder Umweltschutz verlagert werden sollte, und ob das Versagen des BfR personelle Konsequenzen haben muss.
  • Veränderung des Zulassungsverfahrens
    Die Neueinstufung von Glyphosat durch die IARC und der wissenschaftliche Streit wirft die Frage auf, wo unsere Zulassungsverfahren Defizite aufweisen und wo Reformbedarf besteht (auch vor dem Hintergrund, dass auch andere Pestizide wie DDT, Atrazin und die bienengiftigen Neonicotinoide heute als deutlich gefährlicher eingeschätzt werden als bei ihrer Zulassung - die Risikobewertung also letztlich versagt hat).
  • Eine umfassende Pestizidreduktionsstrategie
    Da bei einem Anwendungsmoratorium ein „Ausweichen“ auf andere Stoffe zu befürchten ist, die gesundheitlich auch nicht unbedenklich sind, muss diese Maßnahmen von einer umfassenden Pestizidreduktionsstrategie begleitet werden.

Weitere Informationen

Krebsgefahr durch Glyphosat? Ein Beitrag der ZDF-Sendung Frontal 21

Auswirkungen von Glyphosat auf die Gesundheit. Video der Anhörung im Agrarausschuss am 28. September über die Folgen von Glyphosat auf die Gesundheit.

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