Grüne Landwirtschaft vor OrtHöfetour in Westfalen und dem Münsterland

Seite 2: Konventionelle Schweinemast im Münsterland

Der Betrieb von Schulze Wierlings liegt keine Autostunde entfernt in Billerbeck. Pappeln säumen den Weg zum Hof. Ein brauner Jagdhund wedelt vor 500 Jahre altem Fachwerk mit dem Schwanz und begrüßt die Gäste aus Berlin. So schön das Münsterland mit seinen sanften Hügeln und Feldern ist, hier ist eine Hochburg der konventionellen Schweinemäster. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Familie dem Besuch aus Berlin ihren Stall zeigt.

Der Schwanz der Schweine ist kupiert. Sie leben auf Spaltenböden, durch die ihr Kot und Urin in einem unterirdischen Güllesystem verschwinden. Der Bauer kann sich so das Misten sparen. Auch zum Füttern muss er nicht in den Stall. Die Schweine werden über eine Flüssigfütterungsanlage versorgt, die Theo Schulze Wierling vom Computer aus überwacht.

Der Hof gilt in der sogenannten „modernen“ Landwirtschaft als „Vorzeigebetrieb“. Familie Schulze Wierling hält über 3.000 Mastschweine. Ein neuer Stall für über 1.000 weitere Schweine befindet sich im Bau. Der Bauer nimmt an der Initiative „Tierwohl“ teil. Finanziert durch die großen Handelsketten will das Bündnis aus Landwirten, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel neue Standards bei der Haltung setzen.

Doch der Initiative mangelt es an Geld. Schulze Wierling hat wie viele andere Bauern zuerst die baulichen Maßnahmen für „Tierwohl“ umgesetzt. Für die Schweine in Billerbeck bedeutet das mehr Platz und Licht als gesetzlich festgelegt. Dann hat er sich wie vorgeschrieben um eine Förderung beworben, die wegen leerer Töpfe unter den Betrieben verlost wurde. Schulze Wierling ging wie rund die Hälfte der teilnehmenden Landwirte leer aus und ärgert sich jetzt über Willkür und Wettbewerbsverzerrung.

Höfesterben und das Dilemma des Wachstumsdenkens

Investitionen in artgerechtere Haltung bedeuten in High-Tech-Ställen Verzicht auf Produktivität. Bleibt der Preis für das Fleisch niedrig oder wird wie bei den Schulze Wierlings keine Förderung gezahlt, spürt der Bauer das im Geldbeutel. Wie entscheidend ist der Preis für die Haltung?

Friedrich Ostendorff: „Der Bauer und seine Familie müssen von dem, was sie für ihre Milch, ihr Korn oder Fleisch bekommen, leben können. Bei einem Preis von 27 Cent pro Liter Milch oder 1,40 Euro pro Kilo Schweinefleisch, bleibt da nicht viel übrig. Die Antwort des Bauernverbands darauf ist wachsen, wachsen, wachsen. Doch den Bauern hat das nichts genützt. Im Gegenteil – sie haben zum Teil viel Geld investiert und stecken jetzt in einem Dilemma. Sie haben große Ställe und müssen diese so profitabel wie möglich bewirtschaften, um ihre Kredite zu bedienen.

Das Bio-Schweinefleisch aus der Öko-Station bringt einen Erlös von 3,50 Euro pro Kilogramm. Mit Bio lassen sich also bessere Margen erzielen als mit konventioneller Landwirtschaft. Es kommt also nicht nur auf die Größe, sondern auch auf die Art der Erzeugung und die Qualität an. Weltmarktorientierung und Industrialisierung sind für die Landwirte mitunter desaströs, nicht nur weil der Preis permanent gedrückt wird, sondern weil sie damit ihre eigenen Grundlagen untergraben: Gesunde Böden, Tiere, Trinkwasser. Wir wollen den Landwirten mit einer Politik für grüne Landwirtschaft helfen, aus der Abhängigkeit von der Agrarindustrielobby auszubrechen.“

Die Landwirte betonen ihre Offenheit für Veränderungen, aber das Wort Agrarwende ruft zahlreiche Bedenken auf. Die Bewirtschaftung von Feldern, die Produktion von Fleisch und Milch ist ihre Lebensgrundlage. Der Hof ist Identität, Familienerbe und soll im Sinne einer Nachhaltigkeit in gutem Zustand an die nächste Generation weitergegeben werden. Wie können die Ängste der Landwirtschaft vor der Agrarwende entkräftet und die Bauern für das grüne Projekt begeistert werden?

Anton Hofreiter: „Wir wollen mit einer Politik für eine grüne Landwirtschaft das Höfesterben beenden und Landwirtschaft in gesunden Maßstäben fördern. In der Theorie unterschreibt das auch jeder Bauer. In der Praxis sieht es leider anders aus, weil den Bauern eingeredet wird, sie würden über Nacht ihre Lebensgrundlage verlieren, wenn wir uns mit der „Agrarwende“ eines Tages durchsetzen. Das ist natürlich völliger Schmarn. Erstens braucht eine richtige Wende Zeit. Wir denken dabei in Jahrzehnten, und nicht in Jahren. Zweitens brauchen wir die Landwirte und wollen unsere Vorstellungen mit ihnen gemeinsam umsetzen. Deswegen bin ich froh, dass wir heute so viel Gelegenheit zum Austausch hatten. Das bricht etwas das Eis. Und viele Landwirte sehen ja auch selber, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Die Böden gehen kaputt, das Trinkwasser wird verseucht und die Gentechnik im Futter ist auf dem Vormarsch. Das ist eine ganz ungesunde Entwicklung, die aus Brüssel auch noch mit Milliarden an Subventionen gefördert wird. Die kommen aber nur bei einigen wenigen großen Landwirten an. Wir wollen gerade die kleinen und mittleren bäuerlichen Betriebe stärken und als Partner gewinnen. Wir wollen die Förderung so umstellen, dass es öffentliche Gelder nur gegen Leistungen gibt, die auch der Öffentlichkeit dienen: also zum Beispiel Natur-, Tier- und Landschaftsschutz.“

Mehr zum Thema Agrar

Dieser Artikel ist älter als zwei Monate, deshalb werden keine Kommentare mehr angenommen.

4396303