MilchNeue Wege aus der Krise

Kühe in einem Bauernhof in Büdesheim in der Eifel

Die Milchkrise ist eine Bedrohung für die gesamte Struktur der Milcherzeugung mit großen volkswirtschaftlichen Verlusten. Im Interesse der Bäuerinnen und Bauern, der ländlichen Bevölkerung, der Umwelt, der Tiere und der Verbraucher sind Maßnahmen zur Lösung der tiefsitzenden Probleme und der Marktkrise dringend notwendig. Wir brauchen eine Umkehr: Weg von der Produktion von Menge für den Weltmarkt, hin zu mehr Qualitätsprodukten und zu einer Stärkung der regionalen Wertschöpfung.

Erfolgreich produzierende Länder wie Neuseeland und Irland setzen auf eine grünlandbasierte Milcherzeugung, andere Länder wie Frankreich setzen auf die Qualitätsproduktion. Beim Fachgespräch „Milch – Neue Wege in der Krise“ Mitte April 2016 referierten vier geladene ExpertInnen und diskutierten mit dem Publikum, inwieweit eine grünlandbasierte und kraftfutterreduzierte Milcherzeugung eine Perspektive für eine wirtschaftliche und gleichzeitig tiergerechte Milcherzeugung bieten kann. Die damit verbundene Marktentlastung durch eine Mengenreduzierung wäre vor dem Hintergrund der aktuellen Krise ein wichtiger Effekt.

Prof. Dr. Folkhard Isermeyer stellte den Hintergrund der aktuellen Marktkrise, die Veränderung der Milcherzeugung und deren Auswirkungen auf den Umfang der Weidehaltung dar. Je größer der Tierbestand, je höher die Tierleistungen desto unwahrscheinlicher wird der Weidegang. Dieser Trend widerspreche der gesellschaftlichen Erwartung, wie sie in Meinungsumfragen zur Milchviehhaltung zum Ausdruck kommt. Isermeyer schlug eine nationale Nutztierstrategie vor, um die Nutztierhaltung besser in Einklang mit den gesellschaftlichen Erwartungen bringen zu können. Die europäische Agrarpolitik könne ebenfalls eine wesentlich stärkere Steuerungswirkung auf die Nutztierhaltung und Grünlandnutzung ausüben. Darüber hinaus betont er die Wichtigkeit von längerfristigen Systemvergleichen in der Forschung. Gemeint ist damit der Vergleich zweier Haltungssysteme (intensiv und extensiv) hinsichtlich Kosteneffekten, Umweltwirkungen und dem Tierwohl.

Prof. Dr. Hamm betonte den hohen Beitrag von Grünland zum Erhalt der biologischen Vielfalt und der Bedeutung der Weidehaltung für das Tierwohl. Notwendig sei die angemessene Entlohnung dieser Leistungen. Er schlug deshalb die Qualitäts-Kennzeichnung „aus Weidemilch“ für die Marktdifferenzierung vor. Dem Absatz dieser Produkte räumte er gute Chancen ein, nicht zuletzt aufgrund der nachweislich hohen Bereitschaft der Bevölkerung Aufpreise für Produkte aus besonders tiergerechter Haltung in Kauf zu nehmen. Alles steht und fällt mit der eindeutigen Kennzeichnung solcher Produkte, so Hamm. An dieser Stelle macht er sich für eine staatliche Kennzeichnung von Milchprodukten stark, analog zur Eierkennzeichnung. Weiter empfiehlt er die Entwicklung einer Strategie für eine nachhaltige Milcherzeugung mit allen gesellschaftlich relevanten Akteuren bis 2017.

Frau Dr. Karin Jürgens vom Büro für Agrarsoziologie und Landwirtschaft (BAL) stellte die Ergebnisse ihrer gemeinsam mit Prof. Onno Poppinga und Urs Sperling erarbeiteten Studie „Wirtschaftlichkeit einer Milchviehfütterung ohne oder mit wenig Kraftfutter“ vor (externer Link). Die Untersuchungsbetriebe, die wenig oder kein Kraftfutter einsetzten, erzielten zwar eine geringere Milchleistung, kompensierten diese aber mit weniger zugekauftem Futter, Düngemitteln, durch längere Nutzungsdauern und höhere Lebensleitungen bei den Milchkühen. Die kraftfutterarme Wirtschafsweise wurde insgesamt als wirtschaftlich tragfähig eingestuft - wobei sie hohe Anforderungen an den Gesundheitsstatus der Kühe, den Weidegang, die Futterqualität und Haltungsbedingungen stellt.

Dr. Frieder Thomas betonte die Wichtigkeit durch Milchmengenreduktion den Markt zu entlasten. Eine stärker grünland- und grundfutterbasierte Fütterung könnte zu dieser Mengenreduzierung beitragen. Laut Thomas könnten Gelder aus der Zweiten Säule diese Entwicklung anschieben. Er schlägt eine produktionsorientierte Maßnahme vor: Wenn 80 Prozent des Futters (Trockensubstanz) aus Grundfutter stammen, gibt es eine Förderung. Ergänzen könnte man ein solches Grundfutterprogramm durch die Förderung von Weidehaltung, Heumilchproduktion oder durch ergebnisorientierte Maßnahmen, wie die Förderung besonderer Qualitäten (zum Beispiel hoher Anteil von Omega-3-Fettsäuren). Dass eine Umsetzung möglich ist, zeigte Thomas anhand der Schweiz, die eine graslandbasierte Milchproduktion bereits fördert.

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion empfahl Kirsten Wosnitza vom Bund Deutscher Milchviehhalter e.V., nicht in eine Kostenreduktionsdebatte zu verfallen sondern den Ansatz der kraftfutterreduzierten Fütterung als Möglichkeit zur Qualitätsoffensive zu verstehen. In anderen Ländern sei das System Mitauslöser für die Mengenkrise und nicht deren Lösung. Die Suche nach immer geringeren Kosten diene langfristig weder Erzeugern, Tieren noch der Umwelt. Darüber hinaus fehle es an Vernetzung zwischen interessierten Praxisbetrieben mit geeigneten Voraussetzungen für alternative Fütterungssysteme und produktionstechnischer Beratung, so Wosnitza.

Maria Heubuch, Mitglied des Europäischen Parlaments, vertiefte diesen Aspekt und forderte, die auf EU Ebene vorgeschlagenen agrarpolitischen Möglichkeiten zur Mengenregulierung effektiv umzusetzen. Konkret sei bereits beschlossen worden, die Notfallmaßnahmen der Gemeinsamen Marktordnung auszuschöpfen und Absprachen zur Mengenreduzierung zwischen Erzeugerorganisationen und Molkereien zu erlauben. Des Weiteren habe die Europäische Kommission den Mitgliedstaaten in einem „Non-Paper zu staatlichen Beihilfen“ vorgeschlagen, den Milchbauern Geld zu geben, wenn diese die Produktion einfrieren oder weniger erzeugen. Wichtig sei allerdings eine europaweite Koordinierung, damit es nicht zu Trittbrettfahrereffekten komme, so Heubuch. Positiv sei, dass die politisch Verantwortlichen nun endlich zugeben, dass das Angebot an die Nachfrage angepasst und weniger produziert werden müsse. Davor hätten sie die Milchkrise monatelang kleingeredet und auf langfristig gute Exportchancen verwiesen.

Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, fasste schließlich die Ergebnisse des Gespräches in drei Feldern zusammen.

  1. Die grünlandbasierte und kraftfutterreduzierte Milcherzeugung bietet Chancen für eine wirtschaftliche Milcherzeugung und gleichzeitig Möglichkeiten öffentliche Leistungen wie Artenvielfalt, Landschaftserhalt, bessere Umweltleistungen, tiergerechtere Haltungsverfahren zu verbessern. Diese ergeben sich jedoch nicht von allein sondern sind mit zusätzlichen Kosten verbunden und müssen deshalb vergütet werden.
  2. Es bestehen Forschungslücken, die geschlossen werden müssen. Wir brauchen auch Systemvergleiche zwischen extensiven und intensiven Verfahren um die Wirtschaftlichkeit zu verbessern und gleichzeitig die Artenvielfalt zu steigern, hohen Tierwohl-Standard zu garantieren und negative Umwelteffekte zu verringern.
  3. Die Kennzeichnung von Haltungsverfahren und die bessere Kennzeichnung von Qualitätsprodukten, z.B. Heu- und Weidemilch, ist für die Markttransparenz und bessere Verbraucherinformation notwendig. Die gegebenen politischen Möglichkeiten müssen genutzt werden, z.B. die maximale Umschichtung von Mitteln von der Ersten in die Zweite Säule und gekoppelte Zahlungen für eine tiergerechte, grünlandgebundene Milcherzeugung. So können mehr Mittel zielgerichtet für öffentliche Leistungen und bessere Haltungsverfahren bereitgestellt werden.

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