MarktkonzentrationVielfalt statt Konzernmacht

Die Agrochemie bekommt voraussichtlich einen neuen Megakonzern: „Baysanto“, entstanden im Fusionswettlauf der Saatgut- und Pestizidkonzerne. Aber nicht nur bei Saatgut und Pestiziden bestimmen immer weniger Akteure den Markt. Jedes Glied der Lebensmittelkette ist immer fester im Griff einiger weniger Konzerne. Die Gefahr ist groß, dass Konzerne mit ihrer wirtschaftlichen Macht auch ihren politischen Einfluss steigern und die Zukunft unseres Essens – was wir auf den Tisch bekommen und wie es produziert wird – von dominanten Großakteuren bestimmt wird. Das birgt die Gefahr, dass Umwelt-, Natur- und VerbraucherInnenschutz unter Druck geraten.

Anlässlich der Internationalen Grünen Woche 2017 lud die grüne Bundestagsfraktion Fachleute sowie Verbraucherinnen und Verbraucher in den Bundestag ein, um zu diskutieren, welche Folgen die Marktkonzentration für unser Essen hat und wie wir uns eine alternative grüne Land- und Lebensmittelwirtschaft vorstellen.

Zunächst sprach Dr. Anton Hofreiter, der Fraktionsvorsitzende, vor den 320 TeilnehmerInnen: Angesichts vom Verlust der Artenvielfalt, einer unethischen Tierhaltung und der Verschärfung von Fluchtursachen durch unsere Fleischproduktion, kam Hofreiter zu dem Schluss, es gebe „verdammt gute Gründe, diese Missstände zu ändern“. Profiteure davon seien ohnehin nicht Bäuerinnen und Bauern, sondern Konzerne. Somit habe man mächtige Gegner – aber in der Bevölkerung auch einen mächtigen Verbündeten für eine grüne Landwirtschaft. Dafür müssten aus gesellschaftlichen Mehrheiten nun aber auch politische werden.

Gesellschaftliche Mehrheit für grüne Landwirtschaft

Mariam Mayet vom African Centre for Biodiversity zeigte sich in ihrer Keynote von der Bewegung für eine andere Landwirtschaft in Deutschland beeindruckt. Sie beleuchtete, wie die Landwirtschaft in Afrika bedroht wird – zum Beispiel durch Stiftungen wie die Rockefeller und die Gates Foundation, die versuchten, die industrielle Landwirtschaft auch in Afrika zu etablieren.

Rockefeller und Gates wollen industrielle Massentierhaltung in Afrika

Afrikanische Länder seien im Begriff, ihre Gesetze zu ändern, um große Unternehmen anzulocken. Dabei seien das Rückgrat der dortigen Landwirtschaft zu 80 Prozent Kleinbäuerinnen und Kleinbauern. Mayet warb für ein Umdenken hin zu einer agrarökologischen Wirtschaftsweise – anstatt industrieller Systeme zugunsten großer Konzerne. Für sie ist der Weg eindeutig: „We want to move away from a chemical future to a biological future“.

In sechs Panels wurden anschließend die verschiedenen Facetten von Konzentration und Konzernmacht im Bereich Landwirtschaft und Lebensmittel beleuchtet.

Im Panel Selbstständige Bauernhöfe gegen agrarindustrielle Dienstleister – wo liegt die Zukunft der Tierhaltung?“ diskutierte Friedrich Ostendorff MdB, agrarpolitischer Sprecher der Fraktion, mit Frau Dr. Heike Harstick, Geschäftsführerin des Verbands für Fleischwirtschaft e.V. und dem Landwirtschaftsmeister und Geflügelhalter Jürgen Fiebig. Jürgen Fiebig betreibt nach langen Jahren als Mäster für Wiesenhof einen Betrieb mit einer sehr erfolgreichen Selbstvermarktungsschiene. Frau Dr. Harstick vertritt in ihrem Verband 200 Unternehmen, auf die mehr als 90 % aller Schlachtungen in Deutschland entfallen.

Bei den Eingangsstatements der DiskutantInnen wurde schnell klar, dass es unterschiedliche Auffassungen über die Tierhaltung der Zukunft gibt. Einigkeit bestand jedoch darin, dass die konventionellen Produktpreise von Schnitzel, Kotelett und Co. derzeit viel zu niedrig sind, um eine artgerechte Tierhaltung zu ermöglichen.

Einigkeit: Der Fleischpreis ist zu niedrig!

Auch in der Diskussion mit dem Publikum wurde deutlich, dass die Tierhalterinnen und Tierhalter durch gezielte Förderung in die Lage versetzt werden müssen, um bessere und tiergerechtere Ställe finanzieren zu können. Friedrich Ostendorff schloss die Diskussion mit dem Fazit, dass der Umbau der Tierhaltung gesellschaftlich gewünscht und aus ethischer Sicht notwendig sei. Die Frage bleibe nun, wie dieser Umbau gestaltet wird, damit auch die Bäuerinnen und Bauern von höheren Preisen profitieren können.

Das Panel „Saatgut zwischen Konzernkontrolle und Gemeingut – wie sichern wir Vielfalt auf dem Acker?“ nahm die mächtige Konzentration im Saatgutmarkt und die Auswirkungen auf Züchtung und Landwirtschaft als Ausgangspunkt. Katharina Dröge MdB, wettbewerbspolitische Sprecherin betonte, wie notwendig die kartellrechtliche Debatte ist, da durch die anstehenden Fusionen – wie die von Bayer und Monsanto – Preis-Druck auf Konkurrenten, LandwirtInnen und VerbraucherInnen, aber auch Lobbydruck gegenüber der Politik entstehe. Dröge forderte deshalb eine Veränderung des Kartellrechts insofern, dass vor- und nachgelagerte Märkte mitbetrachtet werden, und der Kombimarkt Saatgut–Pestizide auch vor dem Hintergrund der drei anstehenden Fusionen und Übernahmen bewertet wird.

Hochleistungssaatgut verdrängt Vielfalt

Die Saatgutexperten Marek Thielemann (Bingenheimer Saatgut AG) und Dr. Gregor Kaiser bestätigten, dass wenige Hochleistungssorten die Sortenvielfalt immer stärker verdrängten. Nicht nachbaufähige Hybride und Biopatente vor allem auf Gentech-Sorten verschärften die Abhängigkeit der Landwirtschaft auch auf bisher noch eigenständig funktionierenden Märkten wie dem afrikanischen. Sie erschwerten die Arbeit von kleinen ZüchterInnen und deren Zugang zum Saatgutmarkt und trügen insgesamt zu eindimensionaler Forschung und einem rapiden Rückgang an genetischer Vielfalt bei.

Thielemann machte deutlich, dass wir aber genau diesen vielfältigen Züchtungsschatz brauchten, um mit den Herausforderungen des Klimawandels und der wachsenden Weltbevölkerung umzugehen. Harald Ebner plädierte für eine staatliche Züchtungsstrategie, um vernachlässigte Züchtungsbereiche mit hoher Wichtigkeit für das Gemeinwohl da gezielt zu fördern, wo der Markt keine ausreichenden Ressourcen bereitstelle. Dr. Kaiser warb für ein Open-Source-Lizenzsystem als Gegenmodell zur wachsenden Privatisierung genetischer Ressourcen.

Gen-Codes in einem Open-Source-Lizenzsystem

Wie hart der Wettbewerb beim Lebensmittelhandwerk ist, verdeutlichte das Panel „Unser täglich Brot - Wettbewerb und Konzentration in der Lebensmittelproduktion“. Jeden Tag muss eine Bäckerei oder eine Metzgerei schließen. Grund hierfür ist die Konkurrenz durch die Discounter, die mit industriell vorgefertigten Teig- und Backwaren auf preisbewusste VerbraucherInnen abzielen.

Wie trotz der Konzentration in der Lebensmittelwirtschaft die regionale Vielfalt auf unseren Tellern erhalten bleiben kann, wurde mit zwei Vertretern der Branche diskutiert. Alexander Heinrich, Leiter Abteilung Backwaren des Globus SB-Warenhauses, sieht in der Regionalität die Möglichkeit, sich von den großen Supermarktketten zu unterscheiden und sich auch gegen die Discounter am Markt zu positionieren. Zudem bleiben traditionelle Rezepte, aber auch Arbeitsplätze in der Region erhalten.
Was für ein Handelsunternehmen wie Globus ein neuer Schritt ist, ist für traditionelle Handwerksbäcker selbstverständlich.

Roland Schüren, selbst Handwerksbäcker, vertritt mit seinem Verband „Die Freien Bäcker. Zeit für Verantwortung“ Reinheitsgebote wie den Verzicht auf künstliche Backmittel und vorgefertigte Teiglinge. Mit Regionalität und handwerklicher Verarbeitung können sich Betriebe zertifizieren lassen und somit qualitätsbewussten VerbraucherInnen eine informierte Kaufentscheidung ermöglichen. Beide Unternehmer verwiesen auf die steigenden bürokratischen Anforderungen, die Schwierigkeit Fachkräfte zu finden sowie auf strukturelle Nachteile kleinerer Betriebe etwa bei der EEG-Umlage. Mit frischen unternehmerischen Ideen, guten Rezepten und einer Qualitätskampagne werde es aber auch in Zukunft gelingen, die regionale Vielfalt auf unseren Tellern zu erhalten.

Rezepte und Tradition erhalten die örtlichen Bäcker

Unter dem Titel „Schweine für den Weltmarkt - Die rosige Zukunft des Europäischen Agrarhandels?“ diskutierte Bärbel Höhn mit dem Handelsexperten Paul Goodison und Stig Tanzmann von Brot für die Welt über die Wechselwirkungen zwischen der EU-Handelspolitik, europäischen Agrarexporten und der Ernährungssituation in Ländern des globalen Südens.

Agrarexporte führen zu Flüchtlingen

Die Vorsitzende des Umweltausschusses Bärbel Höhn MdB betonte, dass Landwirtschaftsminister Schmidt und umtriebige Wirtschaftakteure wie die Fleischbranche den Exportüberschuss weiter vorantreiben und dadurch lokale Märkte zum Beispiel in Afrika zerstören. Damit nehmen sie den Menschen dort ihre wirtschaftliche Perspektive – viele kommen als Flüchtlinge nach Europa.

Durch den Expansionskurs geraten Märkte und Sektoren unter Druck, die mit Geldern der Entwicklungszusammenarbeit über Jahre aufgebaut wurden, so Tanzmann. Erschwerend kommt für viele afrikanische Länder hinzu, dass die so genannten Wirtschaftspartnerschaftsabkommen vor allen Dingen von der EU diktiert werden und den Handlungsspielraum afrikanischer Staaten einengen.

Einen Ausweg sah Goodison darin, dass betroffene Länder multinational agierende Unternehmen wie Arla Foods oder FrieslandCampina, aber auch lokale Einzelhändler zur lokalen Beschaffung verpflichten. Brasilien geht einen anderen Weg: Das Land unterstützt die lokale Erzeugung über die öffentliche Beschäftigung. Laut Tanzmann kommen die Schulessen hier bereits bis zu 30 Prozent aus der Region.

Landgrabbing

Im Panel der naturschutzpolitischen Sprecherin Steffi Lemke und des entwicklungspolitischen Sprechers Uwe Kekeritz ging es um „Land- und Oceangrabbing – Raubbau auf Kosten von Mensch und Natur“. Die zwei Filmemacher Jonathan Happ und Katja Becker von Ujuzi.Media machten mit eindrucksvollen Bildern ihrer Dokumentarreisen nach Uganda und Kenia die Zusammenhänge zwischen Konzernmacht, Landraub, Naturzerstörung und Flüchtlingskrise greifbar.

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