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InsektensterbenWas Landwirtschaft für Bienen tun muss

Was können wir für Bienen und Insekten tun? Zahlreiche TeilnehmerInnen diskutierten auf unserem Fachgespräch.

Experten sind sich einig, dass die intensivierte Landwirtschaft mit hohem Pestizideinsatz, blütenarmen Monokulturen und Überdüngung ehemals artenreicher Wiesen eine Schlüsselrolle beim dramatischen Insektenschwund spielt.

Bei unserem Fachgespräch „Ausgesummt? Wege zur bienen- und insektenfreundlichen Landwirtschaft“ diskutierten unsere Abgeordneten Steffi Lemke, Harald Ebner und Friedrich Ostendorff mit fünf Fachleuten wichtige Problemaspekte und Lösungsansätze.

Vielfältige Bedrohungen für Bienen und Insekten

Harald Ebner brachte den Kern insektenfreundlicher Landwirtschaft mit dem Motto „Viel weniger Gift, viel mehr Blüten“ auf den Punkt. Dazu gehöre auch die Förderung von Alternativen zur Giftspritze, was die Bundesregierung bisher sträflich vernachlässige. Die kommende Digitalisierung der Landwirtschaft müsse genutzt werden, um gezielt ökologisch bessere Anbausysteme wie Mischkulturen zu erleichtern.

Friedrich Ostendorff hob die Wichtigkeit von Strukturelementen wie Hecken und Gehölzen in der Kulturlandschaft hervor, die auch als Lebensraum für Insekten dienen. Daher müsse auch die EU-Agrarförderung auf den Erhalt bäuerlicher und umweltfreundlich arbeitender Betriebe ausgerichtet werden.

Steffi Lemke begrüßte, dass das Insektensterben inzwischen mehr Aufmerksamkeit bekomme. Denn Insekten seien nicht allein unersetzliche Bestäuber, sondern auch Teil vieler Nahrungsketten und damit von Ökosystemen, die unsere Lebensgrundlagen bilden.

Bienenstrom und Digitalisierung

Walter Haefeker, Präsident der Europäischen Berufsimker, stellte in seinem Vortrag zwei Beispiele für eine insektenfreundliche Landwirtschaft vor. Über das Projekt Bienenstrom wird Öko-Strom unter anderem aus Biogasanlagen vermarktet, in denen statt Mais insektenfreundliche Blühmischungen als Rohstoff eingesetzt werden. Um das Modell für Landwirte attraktiv zu machen, werden die niedrigeren Methanerträge über einen Strommehrpreis (1 Cent/kWh) finanziell ausgeglichen.

Im zweiten Teil seines Vortrags zeigte Haefeker das Potenzial auf, Pestizideinsätze durch Digitalisierung überflüssig zu machen. Roboterfahrzeuge, die Beikräuter automatisch erkennen und mechanisch beseitigen könnten,  seien bereits in der Erprobung. Im Gegensatz zu Herbiziden kann der Roboter dabei selektiv vorgehen und Wildpflanzen in kaum ertragsminderndem Ausmaß schonen, um Biodiversität auf dem Acker zu erhöhen. Die Politik müsse allerdings durch geeignete Rahmenbedingungen sicherstellen, dass die Verschärfung des Höfesterbens und die Abhängigkeit der Landwirte von der Agroindustrie durch die Digitalisierung vermieden wird.

Bienengift-Verbot ist unvollständig

Professor Randolf Menzel von der Freien Universität Berlin berichtete über seine Forschungsergebnisse zu den bienenschädlichen Wirkungen des Insektizidwirkstoffs Thiacloprid. Im Gegensatz zu drei anderen Insektiziden aus der Gruppe der Neonikotinoiden ist Thiacloprid noch nicht im Freiland verboten und werde sogar als „bienenungefährlich“ beworben.

Dabei blieben aber schädliche Wirkungen auf Orientierung, Lernvermögen und Kommunikation von Honigbienen unberücksichtigt. Zusammen mit anderen Stressfaktoren wie Mangelernährung und Krankheit könnte die Belastung mit dem Wirkstoff Thiacloprid dazu führen, dass eine Bienenkolonie zusammenbricht.Noch gefährdeter seien Wildbienen, weil sie keine großen Völker bilden und daher Verluste durch Gifte kaum abpuffern könnten.

Neue Giftstoffe so gefährlich wie alte

Der unabhängige Pestizidexperte Lars Neumeister zeigte auf, dass auch neue Pestizidwirkstoffe mit ähnlicher Wirkungsweise wie Neonikotinoide eine Gefährdung von Bestäubern darstellen. Sulfoxaflor, Flupyradifuron und Cyantraniliprol seien laut Daten aus dem Zulassungsverfahren hochgiftig für Bienen und würden als wasserlösliche Gifte über den Boden auch von Wildpflanzen aufgenommen. Neue Studien zeigten zudem, dass auch die nicht-tödlichen Nebenwirkungen dieser Stoffe auf Bienen und Hummeln mit denen der Neonikotinoide vergleichbar sind.

Auch Biozide sind problematisch

Insektenexpertin Dr. Melanie von Orlow vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) berichtete, dass kleinere Untersuchungen die besorgniserregenden Trends der Krefelder Langzeitstudie bestätigten. Demnach seien drei Viertel der Insektenbiomasse seit Anfang der 1980er Jahre verschwunden. Sowohl in der Landwirtschaft als auch in Naturschutzgebieten sei die richtige Bewirtschaftung von Flächen und Strukturreichtum entscheidend, um eine hohe Blühvielfalt für Insekten zu schaffen. Dazu gehören eine späte Mahd und extensive Weidebewirtschaftung.

Neben Pestiziden stellen auch Biozide in Entwurmungsmitteln bei Weidetieren ein bislang wenig beachtetes Problem dar, da die Gifte zu 90 Prozent mit dem Dung ausgeschieden werden und so Mistkäfer und andere Insekten schädigen.

Ein paar Blühstreifen sind nicht genug

Thomas Radetzki von der Aurelia-Stiftung stellte zentrale Punkte des Bienenaktionsplans vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Aurelia-Stiftung vor. Die Ökologisierung der Landwirtschaft sei zentral, um wieder flächendeckend Lebensräume für Insekten zu schaffen. Eine Aufteilung in intensiv bewirtschaftete Schmutz- und wenige Schutzgebiete sei der völlig falsche Ansatz, auch weil Pestizide und Dünger sich bereits jetzt negativ auf Naturschutzgebiete auswirkten. Ein paar Blühstreifen reichten bei weitem nicht aus, um das Insektensterben zu stoppen.

Erforderlich seien vielmehr eine Umschichtung der Agrargelder zugunsten naturfreundlicher Bewirtschaftungsformen, eine umfassende Pestizidreduktion und Verringerung der Überdüngung durch angepasste Tierbestände und tierfreundliche Haltungsformen.

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