VeranstaltungsberichtZukunftskonferenz bäuerliche Landwirtschaft

Seite 3: Workshop 2: Regional und direkt - Impulse für's Land

  • Ländliche Nahversorgungskonzepte und regionales Lebensmittelhandwerk unter der Lupe

Vor welchen Herausforderungen stehen regionale Wertschöpfungsketten und Nahversorgungskonzepte? Und wie können innovative Vermarktungs- und Vertriebswege die landwirtschaftliche Produktion mit der ländlichen Nahversorgung zusammenbringen? Darüber diskutierten rund 30 Teilnehmerinnen im Rahmen dieses Workshops. Nach einem Vormittag heißer Diskussionen darüber, wie regionale Antworten auf globale Fragen der Welternährung, der Lebensmittelqualität und der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft aussehen könnten, beschäftigte sich das Welt-Café nachmittags konkret mit dem Leben auf dem Land.

Damit ländliche Regionen eine Zukunft haben, sei es Aufgabe der Politik die Grundversorgung sicher zu stellen, begann der Sprecher für ländliche Räume Markus Tressel MdB seinen Input aus der politischen Praxis. Sein Ziel sei es, die regionale Direktverarbeitung und Vermarktung mit der Sicherstellung der Nahversorgung zusammenzudenken, um so die Potentiale regionaler Wertschöpfungsketten vom Saatgut bis zu den Verbraucherinnen für die ländliche Entwicklung vollständig auszuschöpfen. Ressortdenken herrsche vor, wo integriertes Handeln notwendig ist. Wieder forderten die Grünen daher für den Haushalt 2015 200 Millionen Euro mehr für die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz, unter anderem für ein Bundesprogramm Regionalvermarktung. Markus Tressels Arbeitsschwerpunkte für diese Wahlperiode seien kleinteilige, dezentrale Wirtschaftsstrukturen, eine zielorientierte Förderpolitik, das Vorbild der öffentlichen Hand und das regionale Lebensmittelhandwerk.

Das hörte die Bäckermeisterin Anke Kähler von der Berufsorganisation traditioneller Handwerksbäcker Die Bäcker. Zeit für Geschmack e.V. gern. Sie verwies in ihrem Kurzvortrag auf eine Reihe weiterer Herausforderungen, die sich einer ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltig konzipierten Wertschöpfungskette stellen: Vom Fachkräftemangel und dem niedrigem Lohnniveau, dem Mangel an biologischen Rohstoffen wie Dinkel über fehlendes Know How für die handwerkliche Verarbeitung bis zu mangelnder Regionalentwicklung in Bezug auf technische und soziale Infrastruktur, die über die Attraktivität eines Standortes für Mensch und Produktion entscheiden. Ein besonderes Augenmerk legte sie auf gesetzliche Rahmenbedingungen, die sich an industriellen Großbetrieben orientierten und an den Erfordernissen und Möglichkeiten des Handwerks vorbeilaufen.

Ähnlich äußerte sich Hans-Jürgen Müller vom Verband der Landwirte mit handwerklicher Fleischverarbeitung. Industrielle LebensmittelverarbeiterInnen hätten gerade durch diese ordnungspolitischen und bürokratischen Rahmenbedingungen derzeit Wettbewerbsvorteile durch ihre arbeitsteilige und günstige Produktion. Beide verwiesen zudem auf das starke Preisbewusstsein der Kundinnen. Die günstigen Preise bildeten die wahren Kosten einer regionalen Wertschöpfungskette nicht ab.

Die Perspektive der ländlichen Kundinnen stand im Zentrum des Inputs von Malte Obal, einem Einzelhandelsberater der „Initiative Nahversorgt“. Nicht nur Bäckereien und Fleischereien sterben auf dem Land, auch der Einzelhandel. Gleichzeitig vergrößere sich jedoch Umsatz und Verkaufsfläche. Dieser Trend sei geradezu von der Politik hausgemacht: Die Baunutzungsverordnung greife zu kurz, bestehende Betriebe seien in der Förderpolitik außer Acht gelassen und eine klare, politische Strategie für die ländliche Nahversorgung sei nicht zu erkennen.

Kleingruppen erarbeiteten in drei Runden Forderungen an die Politik, die die Produzentinnen, den Handel und die Verbraucherinnen gleichermaßen bei der Gesetzgebung im Auge behalten:

  • Die Produzentinnen verlangen zu Recht bestimmte Standards und Lebensmittelsicherheit. Gesetze, Verordnungen und Kontrollen müssen aber mit dem Bewusstsein geschaffen werden, dass Kleinbetriebe unter anderen Voraussetzungen wirtschaften wie industrielle Großbetriebe (ohne Qualität und Sicherheit zu vernachlässigen). Auch in der Ausbildung zu den Handwerksberufen muss sich diese Unterscheidung widerspiegeln.
  • Handel und InvestorInnen brauchen Planungssicherheit, beginnend bei der Förderpolitik. Eine klare Zielformulierung für die Nahversorgung und eine eindeutige politische Handelsstrategie sowie Bürokratieabbau und Beratung in Bezug auf standortangepasste Handelskonzepte sind die Ansprüche an die Regelschaffenden. Gleichzeitig ist mehr Flexibilität gefragt, beispielsweise wenn Kommunen Freiflächen günstig zur Verfügung stellen.
  • Das Bewusstsein der Verbraucherinnen muss im Hinblick auf regionale Wertschöpfungsketten und integrierte Regionalentwicklung geschärft werden, um die Nachfrage nach regionalen Produkten zu steigern und die Kunden stärker an das Angebot zu binden. Dafür bedarf es transparenter Kennzeichnung, wie beispielsweise durch ein Regionalsiegel. Für integrierte Handlungskonzepte müssen kommunale und zivilgesellschaftliche Multiplikatorinnen vor Ort eingebunden werden.

Die Voraussetzung um Mensch und Betrieb in der Region zu halten und Innovation zu ermöglichen sind technische Infrastruktur, insbesondere Mobilität und Breitband-Internet, medizinische, soziale und kulturelle Infrastruktur.

Im Workshop arbeiteten die Teilnehmerinnen anschließend fünf Modelle regionalen Wirtschaftens heraus, die ländliche Nahversorgung und handwerkliche Direktverarbeitung und Vermarktung zusammenbringen:

  1. Aktiengesellschaften für Ansässige, wie die Regionalwert AG (externer Link).
  2. Multifunktionale Dorfzentren, die auf Eigeninitiative und bürgerschaftliche Selbstorganisation beruhen (externer Link).
  3. Hofmärkte, wie die Earth Markets (externer Link), denen Verkäufergesellschaften zugrunde liegen.
  4. Direktvermarktung und Lieferservices via Internet, also mobile Angebote (Bsp. für einen rollenden Supermarkt, externer Link, sowie Abholservices, organisiert vom Einzelhandel, Direktvermarkter oder Privatpersonen.
  5. Tauschringe auf regionaler Ebene (zum Beispiel Tauschring Eberwalde, externer Link).

Allen Modellen ist gemein, dass sie fest regional verankert sein müssen, um regionale Wertschöpfung dauerhaft zu fördern und nicht nur kurzfristig die Kundenwünsche zu befriedigen. Eine bessere Erfolgsaussicht haben außerdem Kombi-Lösungen, die mehrere Dienstleistungen verbinden, zum Beispiel Bäckerei und Fleischerei in einem Laden.

Die rege Teilnahme hat uns gezeigt, wie viel politischer Handlungsbedarf für das wichtige Thema Nahversorgung und regionale Wertschöpfung besteht. Die Arbeitsaufträge, die aus diesem Workshop entstanden sind, nehmen wir mit und lassen sie in die weitere parlamentarische Arbeit zur ländlichen Nahversorgung einfließen. Wir vernetzen uns zudem weiter mit Grünen Akteurinnen aller Ressorts und Handlungsebenen, um zu einer Zielformulierung und einer einheitlichen Handelsstrategie für die ländliche Nahversorgung zu gelangen.

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