Grüner Betriebsräte- und GewerkschaftstagZusammenhalten für eine faire Arbeitswelt

Seite 3: Forum II: Zeitsouveränität statt Minijob und Teilzeitfalle

Mehr Arbeitszeitsouveränität für Beschäftigte - Welchen Beitrag kann sie für existenzsichernde Arbeit und für mehr Geschlechtergerechtigkeit (nicht nur) im Erwerbsleben leisten? Dies diskutierten Brigitte Pothmer, Sprecherin für Arbeitsmarktpolitik der grünen Bundestagsfraktion, Mareike Richter von der Abteilung Gleichstellungs- und Familienpolitik des Deutschen Gewerkschaftsbunds und Thomas Sielemann, Betriebsratsvorsitzender der Thalia-Buchhandlung Berlin, gemeinsam mit den weiteren Gästen.

Einigkeit bestand darüber, dass mehr Zeitsouveränität ein wichtiger Baustein für Beschäftigte ist, die Arbeit und Privates unter einen Hut bringen wollen. Heute sind viele Erwerbstätige sind mit ihrem Arbeitszeitumfang nicht zufrieden. Unter den Bedingungen der Digitalisierung, des demografischen Wandels und sich wandelnder Lebensentwürfe fordern sie darum mehr Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeit. Damit sie diese Möglichkeiten ausschöpfen können, müssen aber auch weitere Rahmenbedingungen stimmen. Das betrifft zum Beispiel die Öffnungszeiten von Kitas, aber auch das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen („Gender Pay Gap“), das Paaren zu oft keine Wahl bei der Frage lässt, wie Erwerbsarbeit und der Einsatz zuhause partnerschaftlicher als bisher organisiert werden können.

Der Blick auf die Situation im Einzelhandel machte deutlich, dass die Entwicklung der Dienstleistungsgesellschaft (erweiterte Ladenöffnungszeiten, verkaufsoffene Sonntage vor allem die Flexibilitätsansprüche an die Arbeitnehmer erhöht haben. Das drückt sich auch in einer hohen Zahl Teilzeitbeschäftigter aus, die aus Arbeitgebersicht flexibler einsetzbar sind als Vollzeitkräfte. Der im Einzelhandel wachsende Fachkräftemangel hingegen stärkt die Position der Arbeitnehmer langsam wieder. Von einer Balance zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbelangen in Sachen Arbeitszeit kann aber trotzdem keine Rede sein.

Das sollen die grünen Vorschläge für mehr Arbeitszeitsouveränität ändern. Durch sie bekommen Beschäftigte und Betriebsräte mehr Möglichkeiten und Mitspracherechte eingeräumt, über das Arbeitsvolumen, über die Lage und den Ort der Arbeit mitzuentscheiden. In der Diskussion wurde hervorgehoben, dass alle Beschäftigten unabhängig vom Grund ihrer Arbeitswünsche profitieren können müssen, damit es nicht zu Konflikten in den Belegschaften kommt.

Deutlich wurde auch, dass die Flexibilitätsansprüche der einen zu Anforderungen für die anderen führen. Wenn Eltern längere Kita-Betreuungszeiten fordern, dann wirkt sich das unmittelbar auf die Arbeitszeiten der Erzieherinnen aus, was wiederum Rufe nach längeren Ladenöffnungszeiten nach sich ziehen kann usw. Eine Debatte, ob die immer weiter gehende Verfügbarkeit von allem und jedem gesellschaftlich wünschenswert ist oder ob der ausufernden Dienstleistungsgesellschaft Grenzen gesetzt werden müssen, steht aus – sicher waren sich aber alle Anwesenden, dass sich das Rad nicht in Richtung nine-to-five-Arbeit und Einkaufzeiten von 09-18.00 Uhr zurückdrehen lässt.

Die Stärkung von Beschäftigten, Mitbestimmung und tariflicher Regelungen für mehr Arbeitszeitsouveränität der Arbeitnehmer wurde einhellig unterstützt. Das Ziel fairer und guter Arbeit muss aber auch auf anderen Ebenen bearbeitet werden. So wurden beispielsweise prekäre Beschäftigungsformen (Leiharbeit, sachgrundlose Befristungen, usw.) problematisiert, die für die Abwälzung unternehmerischer Risiken auf die Beschäftigten stehen. Und auch bei den strukturellen Gründen, die die ungleiche Arbeitsteilung von Frauen und Männern begünstigen (Minijobs, Ehegattensplitting, unzureichende Kinderbetreuungsmöglichkeiten) wurde weiterer Handlungsbedarf angemeldet.

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