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Die vielen Gespräche dieser intensiven Woche runde ich heute mit der neu formierten japanischen Atomaufsicht und Naoto Kan ab.

Die NRA (Nuclear Regulation Authority) ist eine Reaktion auf Fukushima. Nicht mehr Teil des Meti, auch rein räumlich völlig von Regierungsgebäuden getrennt, scheint die Atomaufsicht nun tatsächlich unabhängig zu arbeiten. Sie hat neue Sicherheitsstandards erstellt, die deutlich schärfer sind, was die Auslegung gegen Erdbeben und Tsunamis und die Notfallvorsorge betrifft, den Brandschutz von Kabeln, die Notstromversorgung und ein unabhängiges Kontrollzentrum. Das "Restrisiko", das es bisher in der Atom-Philosophie Japans nicht gab, schlägt sich nun in den Anforderungen nieder.

Auf meine Frage, ob er davon ausgeht, dass die AKW so nachgerüstet werden können, dass sie die neuen Auflagen erfüllen, sagt mir Ikeda der Generalsekretär der NRA, er rechne damit, dass einige auf die neuen Standards nachgerüstet werden könnten, schon aus Kostengründen aber nicht alle. Derzeit liegen 14 Anträge auf Wiederinbetriebnahme von AKW vor, darunter auch Block 5 und 6 von Kashiwasaki Kariwa, welches neben Fukushima der zweite AKW-Komplex von Tepco ist. (In Japan werden alle Blöcke als ein AKW bezeichnet. Kashiwasaki Kariwa hat 6 Blöcke, Fukushima 10: 6 Blöcke Fukushima Daichi, 4 Blöcke Fukushima Daini.) Ich frage, ob Tepco nicht als unzuverlässig von der NRA eingestuft wird, doch ich höre: sind die Auflagen erfüllt, genehmigt die Atomaufsicht den Antrag. Die Zuverlässigkeit des Betreibers scheint in Japan noch kein Kriterium zu sein. Mit dem Ja der Atomaufsicht ist die Inbetriebnahme allerdings noch nicht abgesegnet. Dann beginnt das japanische Konsens-Verfahren: die Präfektur muss zustimmen, die Standortkommunen, und prinzipiell soll auch die Zustimmung der Nachbar-Kommunen eingeholt werden. Auf dem Widerstand der Kommunen liegt derzeit die Hoffnung der AtomkraftgegnerInnen. Ich frage nach den sechs Blöcken von Hamaoka. Dieses AKW liegt direkt auf dem Berührungspunkt dreier tektonischer Erdplatten. Es beruhigt mich, dass keine Anträge vorliegen. Ikeda sagt mir, ein Seismologen-Team schätze derzeit das Erdbeben-Risiko von Hamaoka ein. Das spiele eine große Rolle, falls doch Anträge kämen.

Ich habe einen positiven Eindruck von der Ernsthaftigkeit der neuen Behörde. Sie nimmt das Risiko ernst. Sie scheint sich nicht unter Druck setzen zu lassen. Vom Drängen der Betreiber, die Anträge schneller zu prüfen, lässt sie sich offenbar nicht leiten. Schnellere Prüfungen gingen zulasten der Sicherheit, ganz besonders bei der personellen Unterausstattung der Atomaufsicht, die ich leider konstatieren muss. 500 Mitarbeiter für 54 Atomreaktoren sind grenzwertig!

Nach einem von der deutschen Botschaft ausgerichteten Mittagessen mit deutschen und japanischen Journalisten und lebhaften Gesprächen zur Veränderungsbereitschaft Japans nicht nur in der Energiepolitik treffe ich im Abgeordnetenhaus Naoto Kan, der zur Zeit des GAUs Japans Premierminister war. Kan hat seit 1974 eine bewegte politische Geschichte hinter sich, hat nach diversen Parteiaustritten die Demokratische Partei Japans (DPJ) gegründet und diese nach 50 Jahren Alleinherrschaft der Liberaldemokratischen Partei (LDP) 2009 zur Regierungsübernahme geführt. Als er sich nach Fukushima mit dem atomaren "Dorf" anlegte, wurden sehr schnell Unkorrektheiten in seinem Verhalten herausgefunden zum Beispiel eine unberechtigt angenommene Parteispende - die ihn zum Rücktritt zwangen, mit dem er aber noch die Durchsetzung eines Rahmen-EEG verband. Kan wurde und wird schlechtes Krisenmanagement im GAU vorgeworfen. Für ihn sind das Verleumdungskampagnen. Fukushima machte ihn vom Saulus zum Paulus. Er ist heute einer der engagiertesten Atomkraftgegner Japans, leider ohne den angemessenen Einfluss. Da geht es ihm wie anderen japanischen AtomkraftgegnerInnen, die durch die Macht des nuklearen Dorfes kaltgestellt wurden. Er hat als Erster von den Machenschaften des Dorfes geredet, von dem Netz aus Spenden, Karriereförderung und Abhängigkeiten, in dem sich Politiker, Wissenschaftler und Journalisten verfangen.

Sein Interesse gilt dem deutschen Atomausstieg, er interessiert sich für die Geschichte der Grünen und sucht nach deutschen Erfahrungen, die für Japan beispielgebend sein können. Es ist ein Gespräch, in dem ich mehr antworte als frage. Ich rede von der Notwendigkeit der Vernetzung unter den vielen Energiewende-Akteuren, die ich in Japan sehe. Ich sage ihm, dass es das nukleare Dorf in jedem Land mit Atomkraftwerken gibt - wenn auch nicht unbedingt so übermächtig wie in Japan - und dass es in Deutschland inzwischen auch eine Art Renewables-Dorf gibt aus WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen, NGOs und Wirtschaft, das zwar nicht das Kapital eines nuklearen Dorfes hat, aber Einfluss und Überzeugungskraft.

Ich spreche das an, weil mir immer wieder auffällt, wie wenig vernetzt die japanische Anti-Atom-Bewegung ist und weil sich Schlagfähigkeit potenziert, wenn die Akteure ihre Kräfte bündeln. Wenn ich allein meine Anti-Atom-GesprächspartnerInnen dieser Woche zusammenzähle - die ParlamentarierInnen der Gruppe AKW Zero, Naoto Kan, die Grünen, ISEP mit Tetsunari Iida, die Renewable Energy Foundation, die Hosei-Universität, die NGOs Peace Boat, Green Action, Ikata People, Ifoam Japan, die NAIIC (Nuclear Accident Independant Investigation Commission) mit ihrem Vorsitzenden Professor Kurokawa, die CCNE (Citizen's Commission on Nuclear Energy) - und das sind bei weitem nicht alle in Japan, dazu die große schweigende Mehrheit, die den Atomausstieg will, dann kann es nicht sein, dass sich am Ende eine Regierung Abe und ein nukleares Dorf durchsetzen. Sie würden die größten Zukunftschancen Japans verspielen. Kaum ein Land weltweit ist so geeignet für eine Energiewende. Da ist die reelle Erfahrung eines GAU nur die eine Seite. Die andere ist die Technologie-Affinität Japans, der Spaß an technischer Innovation, die exzellente Wissenschafts- und Hochschullandschaft, die Notwendigkeit sich nach einer 20-jährigen Rezession innovativ aufzustellen und schließlich die fantastischen natürlichen Voraussetzungen für die Nutzung Erneuerbarer Energien.

Es ist ein besonderes Land - das Land des Lächelns, der aufgehenden Sonne, der Kirschbaumblüte, der traditionellen life-work-balance. Es musste drei der vier Atom-  Katastrophen der Welt ertragen: Hiroshima, Nagasaki, Fukushima. Es hätte verdient, der erste Nutznießer einer vollendeten Energiewende zu sein.

Für diesmal ist mein Programm in Japan beendet. Es waren acht reiche Tage. Morgen um 7.40 Uhr fahre ich zum Flughafen, Berlin wartet. Es ist Ortszeit Tokio 23.40 Uhr.

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