FukushimaReisetagebuch

Im Hochgeschwindigkeitszug "Shinkansen" auf dem Weg nach Koriyama.

Die Zeit ist reif für eine vierte Reise nach Japan seit dem 11. März 2011 fand ich, als die schlechten Nachrichten aus Fukushima noch schlechter wurden und zugleich endlich eine - zumindest politisch - gute kam.

Die schlechten Nachrichten waren erwartbar. Niemand bei uns glaubt daran, dass die Folgen des GAUs von Fukushima in überschaubarer Zeit zu bewältigen sind. Dass das ständige Kühlen der havarierten Reaktoren zu Unmengen kontaminierten Wassers führt, das irgendwann irgendwie dekontaminiert werden muss - aber wie?! - ist keine Überraschung. Und dass die notwendige Bergung der über 1500 Brennelemente aus dem instabilen hoch gelagerten Brennelementebecken des Reaktors 4, die jetzt angegangen werden soll, ein erneutes großes Risiko bedeutet, ist auch klar. Ein Ziel meiner Reise ist, mir vor Ort selbst ein Bild zu machen, ob und wie die Arbeiten voran gehen; ob und wie nach Lösungen für die komplexen Probleme gesucht wird. Und ob angesichts der nicht nachlassenden Hiobsbotschaften ein japanischer Atomausstieg nicht doch eine Chance hat. JapanerInnen gehen mit Katastrophen aufgrund einer langen Geschichte von Naturkatastrophen anders um als wir: gelassener, fatalistischer. Außerdem ist protestieren, demonstrieren, kritisieren, widersprechen in der japanischen Gesellschaft immer noch fast ein Tabu. "Das tut man nicht!" Umso bemerkenswerter ist es, dass nun ausgerechnet der konservative überaus beliebte frühere Regierungschef Koizumi seinem Parteifreund, politischen Ziehsohn und heutigen Regierungschef Abe in der Atompolitik widerspricht. Früher selbst glühender Anhänger der Atomkraft ist er jetzt der prominenteste Verfechter eines Atomausstiegs. Jemand aus dem diplomatischen Dienst sagte mir heute: "Andere Politiker, die sich für den Atomausstieg ausgesprochen haben, hat man kaltgestellt. Bei Koizumi geht das nicht." So kann die politische Debatte um einen Atomausstieg, die mit Abe's Regierungsübernahme tot schien, wieder Fahrt aufnehmen.

Das ist die Gemengelage, in der ich meine Reise geplant habe. Mein Hauptziel, auf die Anlage Fukushima Daichi selbst zu kommen, schien lange nicht erreichbar. Nun ist auch das bestätigt. Dank meinem Büro und der deutschen Botschaft in Tokio perfekt durchgeplante zehn Tage. Daran ändert auch das Chaos des Reisebeginns nichts: Maschinenschaden am Air France-Flieger, nach einer Stunde Wartehaltung wieder Ausstieg, 160 verzweifelte Passagiere auf der Suche nach Ersatz-Reiserouten, für mich schließlich eine Verbindung über das stürmische Amsterdam statt des sonnigen Paris. Trotzdem Ankunft in Tokio fast zur geplanten Zeit - und die erste Verabredung mit den mir schon vertrauten Vorsitzenden der japanischen Grünen Akiko Kando und Nao Suguro.

Die Situation für die japanische grüne Partei ist nicht leicht. Die Grünen hatten alle Kräfte und Ressourcen auf die Oberhauswahl in diesem Jahr konzentriert. Die hohen Hürden des japanischen Wahlsystems erfordern auch einen hohen finanziellen Einsatz. Unsere Freundinnen und Freunde sind leider an den schlechten Rahmenbedingungen gescheitert:  die KandidatInnen nicht prominent genug, kaum Berichterstattung über sie in den Medien, der Atomausstieg trotz hoher Zustimmung in der Bevölkerung kein Thema, mit dem sich in der Wahl punkten ließ. Aufgeben ist jedoch nicht ihre Sache. Jetzt bauen sie auf die anstehende Kommunalwahl und wollen versuchen ihre Basis in den Gemeinden zu verbreitern. Bei heute 1.000 Mitgliedern stellen die Grünen bisher 50 kommunale Räte, die meisten davon in den Großräumen Tokio und Kensai.

Nach diesem ersten Gespräch ging mein Weg zum Bahnhof. Die eineinhalbstündige Fahrt nach Koriyama im jederzeit superpünktlichen Shinkansen - für Reisende aus Deutschland immer wieder ein Erlebnis der besonderen Art - durch die dichte Bebauung Japans stand an.

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