FukushimaReisetagebuch

Reisegruppe in Schutzkleidung

Am frühen Morgen Aufbruch von Koryama nach Tomioka. Ich bin mit einer Gruppe WissenschaftlerInnen der Universität Honsei unterwegs, die morgen eine Konferenz in Tokio abhalten, zu der sie Peter Hennicke vom Wuppertal-Institut und auch mich eingeladen haben. Wir werden von JournalistInnen der großen Tokioter Zeitungen begleitet. Tomioka liegt zehn Kilometer von den havarierten Reaktoren von Fukushima Daichi entfernt. Es ist der Standort von zwei der vier anderen Fukushima-Reaktoren: Fukushima Daini. Wir brauchen etwa zwei Stunden mit einem Bus. Die Gegend wird ländlicher. Dörfer. Unterwegs erzählt uns ein Begleiter, der früher im Rathaus von Tomioka gearbeitet hat, wie das war nach dem 11. März 2011. Dass die Menschen nicht wussten was sie tun sollten, weil es keine richtigen Informationen gab. Telefone funktionierten nicht, die Heizungen waren ausgefallen, Gas und Wasser wurden nach dem Tsunami und dem Unfall im AKW sofort abgestellt. Die Anweisung der Regierung zur Evakuierung erreichte die Menschen nicht. Die Katastrophenschutzpläne waren unzureichend und funktionierten nicht. Nur das Fernsehen funktionierte, aber da wurde der atomare GAU heruntergespielt. Als sich nach ein paar Tagen Mitglieder der Stadtverwaltung aufmachten und in die Häuser gingen, waren viele Menschen aus eigenem Antrieb geflohen, manche verstanden nicht was passiert war und wieder andere wollten nicht weggehen, obwohl sie es verstanden. Es dauerte ein Jahr, bis der letzte Einwohner Tomioka verlassen hatte.

Nach circa einer Stunde Fahrzeit halten wir an einem Rastpatz. Hier ist die letzte Toilette vor Tomioka, die Wasser hat. Die öffentliche Toilette ist umsonst und bietet den ganzen in Japan üblichen Komfort vom beheizten Sitz über eingebaute Bidet-Funktionen bis zum klassischen Konzert, wenn man andere Geräusche übertönen möchte. Last exit - ich nutze sie, wenn auch ohne Konzert.

Bei der Weiterfahrt sehen wir nun immer öfter große Säcke auf den Feldern stehen. Sie sind mit abgetragener kontaminierter Erde gefüllt. Jeder dieser Säcke kostet leer 17.000 Yen. Sie stehen zu Hunderten auf den Feldern. Wohin sie am Ende sollen, weiß niemand.

Wir erreichen Tomioka. Inzwischen haben wir Schutzkleidung übergezogen. Mein vom Bundesamt für Strahlenschutz ausgeliehener geeichter Geigerzähler schwankt wild zwischen 0,6 und 1,9 ySv. Wir werden angehalten, die Sondergenehmigung und unsere Reisepässe kontrolliert. Tomioka scheint vollkommen verlassen. Außer den Kontrolleuren ist niemand zu sehen. Vielen Häusern sieht man den hastigen Aufbruch ihrer BewohnerInnen an. Fahrräder lehnen an Wänden. Spielzeug liegt vor Treppen. In den Straßen stehen noch Autos. Die Stadt wirkt intakt, kaum Schäden von Erdbeben und Tsunami. Tomioka hatte bei der Naturkatastrophe nur sechs Tote zu beklagen. Aber die Stadt ist leer. Zweieinhalb Jahre nachdem sie verlassen wurde, fängt die Natur an sie einzunehmen. Kniehohe Wildgräser stehen überall wo früher sicher die typisch akkurate Gepflegtheit japanischer Vorgärten herrschte. Extra Absperrgitter vor den Zugängen zu den Häusern - um Plünderer abzuhalten oder Rückkehrer?

Wir steigen aus, gehen durch einzelne Straßen. Der Geigerzähler springt bis auf 2,6 ySv. Wir kommen zu einem Platz, auf dem unter einer riesigen schwarzen Plane abgetragenes Erdreich liegt. Ich erfahre, dass in Tomioka und Umgebung modellhaft Dekontamination versucht wird. Man trägt die oberste Erdschicht ab, verwahrt sie in den teuren Schutzsäcken oder unter dichten Planen und beobachtet, ob sich die Strahlung dadurch dauerhaft senken lässt. Unser Begleiter aus Tomioka sagt, er halte das alles für sinnlos. Die Dekontaminationen seien sehr teuer, die Arbeiter würden der Strahlung ausgesetzt, und das Ganze nütze am Ende nichts. Wir gehen ins ehemalige Rathaus und das benachbarte Gemeindezentrum. Auch hier überall die Spuren hastigen Aufbruchs. Aktenstapel, Computer, Gasmasken und vertrocknete Topfpflanzen bleiben mir als Bild im Kopf. Innerhalb der Betonwände des Rathauses beträgt die Strahlung nur wenige 0,etwas ySv. Die Armee soll mehrere Male hier gewesen sein und dekontaminiert haben. Da niemand die Türen oder Fenster öffnet, bleibt der niedrige Strahlungswert erhalten. Der Mann, der mal im Rathaus gearbeitet hat, zeigt uns seinen früheren Arbeitsplatz. Auch der wirkt, als müsse man nur ein wenig aufräumen und könne dann sofort weiterarbeiten. Im benachbarten früheren Gemeindezentrum gibt es einen nach Schimmel riechenden Raum, in dem die Strahlung bis zu 15 ySv beträgt. Hier hat sich kontaminiertes Wasser gesammelt.

Nach etwas über einer Stunde verlassen wir den Ort und machen uns auf den Rückweg. Mein Personendosimeter zeigt mir, dass ich zwei ySv mitnehme. Mir hat sich diese tote Stadt schon jetzt als Mahnmal eingegraben. Auf meiner Reise in die Präfektur Fukushima fünf Wochen nach dem GAU war ich in Sendai, ganz im Norden an der Küste, wo der Tsunami gewütet hatte und es nach Weltuntergang aussah. Das war erschütternd, aber auf eine andere Weise. Die Zerstörung war sichtbar und damit fassbar. Hier, in der weitgehend unzerstörten, aber verlassenen Stadt fasst einen der Tod an. Hier wird das Schleichende, das Unfassbare der atomaren Strahlung spürbar. Was einen hier anfasst, ist genau das, warum wir Grünen seit es uns gibt gegen die Atomkraft kämpfen.

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