FukushimaReisetagebuch

Heute ist das Symposium an der Hosei-Universität unter der Überschrift "Energy Policy Shift and the Creation of Public Spheres: Learning from Germany's Experience". Wir fahren vom Hotel, in dem wir alle nach der Rückkehr aus der Präfektur Fukushima übernachtet haben, zur Universität die - immer noch in Tokio - in einem Wald liegt. Die zwölf Millionen EinwohnerInnen Tokios leben offensichtlich in sehr unterschiedlichen Umgebungen. Die Fakultät für Sozialwissenschaften veranstaltet das Symposium. Ihr Dekan ist - in Japan so selten wie in Deutschland - eine Frau.

Begonnen wird mit einem Vortrag von Prof. Peter Hennicke (ehemals Präsident des Wuppertal-Instituts), eine öfter in Deutschland weilende Journalistin und ich sprechen ebenfalls zur Energiewende in Deutschland. Dann geht es mehr und mehr zur japanischen Situation über. Im Zentrum steht die Frage, welche Barrieren einer Energiewende in Japan im Weg stehen. Gesellschaftliche? Eine wenig politisierte Gesellschaft mit Angst vor Veränderung. Ökonomische? Die alten abgeschriebenen Atomkraftwerke produzierten vor allem für die Industrie äußerst billigen Strom. Der GAU von Fukushima wird selbst vom Ministerpräsidenten nicht in die Kosten der Atomkraft eingerechnet. Strukturelle? Die politischen Rahmenbedingungen für eine Energiewende sind nach wie vor schlecht. Denn dem Erneuerbare-Energien-Gesetz fehlt der Einspeisevorrang. So ist ein Boom in der Zivilgesellschaft, die sich plötzlich an der Energieversorgung beteiligt, wie in Deutschland nicht vorstellbar. Tatsächlich sind nur sieben Prozent Anteile an den bisherigen Anlagen erneuerbarer Energien in privater Hand, obwohl nach einer Umfrage vom August 2012 mehr als 60 Prozent der Bevölkerung Interesse an einer Investition haben. Im Allgemeinen gehören die EE-Anlagen den Energie-Unternehmen. Als Hauptproblem manifestiert sich im Laufe der Vorträge und Diskussionen das sogenannte "atomare Dorf" - die Verfilzung von Politik, Energiewirtschaft und Medien. Ich bin erstaunt, wie offen und anklagend darüber geredet wird. Das habe ich bei früheren Japan-Reisen noch nicht erlebt. Da war über "das Dorf" zu sprechen ein weithin beachtetes Tabu. Professor Funabashi, der die Delegation nach Tomi-oka geleitet hatte, nennt "das Dorf" einen Machtkomplex, der aus den drei Bedeutungen des Wortes "Power" besteht, die sich gegenseitig bedingen und subventionieren: Elektrizität, Wirtschaftskraft, Politische Macht - politische Rahmenbedingungen garantieren den Produzenten von Atomstrom gewaltige Einnahmen, mit denen Einfluss auf Medien und politische Mehrheiten bewirkt wird. Ein Power-Kreislauf.

Von einem Vortrag zu Gründen gegen die Atomkraft bleibt mir eine These besonders hängen, weil ich sie noch nicht gehört hatte: Geographisch kleine Länder müssten sich gegen Atomkraft entscheiden, weil ein einziger ernster Unfall das ganze Land zerstören kann. Große Länder könnten auch nach einem GAU weiter existieren. Sie müssten einen Teil ihrer Bevölkerung evakuieren und für einige Jahrhunderte in einem anderen Landesteil leben lassen. Wie schwer so etwas in der Realität ist, erlebt Japan gerade.

Was kann Japan von Deutschland lernen? Lassen die unterschiedlichen Grundbedingungen, was Mentalitäten, Strukturen, politische Machtverhältnisse betrifft, Vergleiche überhaupt zu? Auch bei diesem Symposium kommt die Frage, die ich von den früheren Reisen kenne, wie in Deutschland eine so starke Anti-AKW-Bewegung entstehen konnte und warum das in Japan mit einem GAU im eigenen Land nicht gelingt. Viele mentale und kulturelle Unterschiede geben Teilantworten. Zur ernüchternden Wahrheit gehört aber auch, dass auch in Deutschland die Anti-Atom-Bewegung erst nach 30 Jahren so stark war, dass sie einen Ausstieg erzwingen konnte. Zumindest die deutschen TeilnehmerInnen der Konferenz sind sich einig, dass es in Japan schneller gehen wird. Der erste - für das höfliche Japan sehr große - Schritt scheint inzwischen getan: den Mut zu fassen die Dinge beim Namen zu nennen.

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