FukushimaReisetagebuch

Auf der Straße nach Tomi-Oka

Heute auf dem Programm: ein langes Treffen mit den Nichtregierungsorganisationen Peace Boat, Green Action, IFOAM und Ikata People against Mox. Dazu kam noch Professor Tetsunari Iida, der Leiter von ISEP (Institute for Sustainable Energy Policies), den ich schon von früher kenne. Auch Junko Abe, die Aktivistin gegen das AKW Okata, habe ich bereits bei früheren Reisen getroffen, ebenso wie Tatsuya Yoshioka und Meri Yoyce von Peace Boat. Aileen Mioko Smith von Green Action habe ich gestern auf dem Symposium der Hosei-Universität kennengelernt. Katsushige Murayama ist der Nachfolger von Masaya Koriyama bei IFOAM, einem Grünen, mit dem ich schon viel Kontakt hatte und den ich am Freitag treffen werde.

Die NGOs sind sehr unterschiedlich strukturiert

Junko Abe ist eine kommunale Anti-AKW-Kämpferin mit wenigen Mitstreitern und ohne finanzielle Ressourcen. Die kleine Initiative kämpft gegen das Wiederanfahren der AKW Ikata, die mit Mox-Elementen betrieben werden und die nächsten sein sollen, die wieder ans Netz gehen. Nachdem die beiden Reaktoren von Uii zur Jahresrevision abgeschaltet wurden, sind wieder Null AKW in Japan am Netz - eine Situation die Premierminister Abe nervös macht. Er will auf die Atomkraft nicht verzichten. Der in Japan übliche Konsens zum Wiederanfahren eines AKW nach einer Revision mit der Präfektur wie den Kommunen ist nach Fukushima aber immer schwerer herzustellen - besonders, wenn ansonsten kein AKW am Netz ist. Die Ikata People against Mox haben angefangen die Menschen in ihren Kommunen anonym zu ihrer Haltung zur Atomkraft zu befragen. Das Ergebnis wollen sie der Regierung überreichen.

Völlig anders geht Green Action vor. Diese japanweite Initiative setzt auf internationale Vernetzung und auf ausgefeilte Alternativ-Konzepte. Die Geschäftsführerin Aileen Mioko Smith ist seit den 70er Jahren Umweltaktivistin in Japan. Sie hat damals maßgeblich dazu beigetragen, dass die Minamata-Krankheit durch Quecksilbervergiftungen aufgedeckt wurde. Das atompolitische Engagement der Initiative richtete sich vor allem gegen Mox-Brennelemente, die Wiederaufarbeitungsanlage in der Präfektur Aomori und den schnellen Brüter in Monju. Heute ist Fukushima und wie man verhindern kann, dass die Lage dort immer schlimmer wird, das Hauptthema. Aileen Smith will das Thema Energie-Effizienz nach vorne bringen. Sie organisiert eine Bürgermeister-Konferenz am 15.12. mit, auf der Einsparpotentiale in Kommunen das Thema sein sollen. Sie hält die Bereitschaft der Zivilgesellschaft zur Einsparung von Strom für sehr hoch und verweist auf die 15 Prozent Einsparung in Tokio im Jahr 2011 und weitere zehn Prozent in 2012. Meine erstaunten Nachfragen (25 Prozent!) ergeben, dass die Einsparung in der Hauptsache das Ergebnis dringlicher Aufforderung der Regierung an die Wirtschaft waren. Ich bezweifle die Zahl etwas, meiner bisherigen Kenntnis nach ließen die Einsparungen 2012 sogar wieder nach.

Peace Boat ist eine sehr erfolgreiche Organisation mit einem internationelen Team und einem ungewöhnlichen Konzept: sie besitzt ein Schiff, das "Peace Boat", auf dem während Reisen in Konfliktregionen Friedenspädagogik angeboten wird. Das Anti-Atom-Programm gehört dazu.
IFOAM schließlich gehört als einzige der vertretenen NGOs einer internationalen Organisation an, ihr Thema ist die organische Landwirtschaft. Murayama versucht in der Organisation einen Schwerpunkt "Radioaktivität und Lebensmittel" zu setzen. Wir debattieren länger, ob eine Kampagne "Atomkraft zerstört unsere Lebensmittel" nicht aktivierend in der japanischen Gesellschaft wirken könnte, und ob eine solche Kampagne von allen NGOs getragen werden könnte. Es wird aber deutlich, dass die NGOs zu unterschiedlich strukturiert sind und zu unterschiedliche Schwerpunkte haben, um kampagnenmäßig zusammenarbeiten zu können.

Es scheint mir ein grundsätzliches Problem, die Kräfte die in Japan für den Atomausstieg arbeiten - das sind nicht so wenige! - zu bündeln. Sie kennen sich zwar (fast) alle, aber jede arbeitet an ihrem eigenen Projekt.

Mit Tetsunari Iida, der mehrfach von der Regierung in Kommissionen und Beratung berufen wurde, diskutiere ich noch einmal das Problem des fehlenden Einspeisevorrangs im EE-Gesetz. Er berichtigt mich: es gibt einen Einspeisevorrang, aber mit Ausnahmen, die auslegbar und ausweitbar sind. Aber die Installation von Photovoltaik, sagt er, wächst. Da funktioniere der Einspeisevorrang. Die sieben Prozent für private Anteile an EE-Anlagen, die ich in der Hosei-Universität gehört habe, bezweifelt er. Es gebe keine Daten. Er hält die Zahl für zu hoch.

Der Austausch war für alle fruchtbar - natürlich ging es auch wieder viel um die deutsche Erfahrung - das Problem der mangelnden Schlagkraft der japanischen Anti-AKW-Bewegung wird jedoch nicht leicht zu beheben sein.

Danach noch ein längeres Interview mit der Geschäftsführerin Kimiko Kubo von "Fusae Ichikawa for Women and Governance". Sie fragt nach der grünen Rolle beim Atomausstieg und der Rolle der Frauen in der grünen Partei.

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