BaukulturSchöner Baukulturbericht statt zukunftsfähiger Baupolitik

Mehrfamilienhaus in Bau

Die Bundesstiftung Baukultur hat den zweiten Baukulturbericht der Bundesregierung vorgelegt. In dem Bericht mit dem Titel „Stadt und Land 2016/17“ beschreiben die Autoren eindrücklich die drängenden Zukunftsaufgaben in ländlichen Räumen und kleinen Städten und Gemeinden. Diese sind: die Stärkung der Innenstädte und der Schutz vor der Zersiedelung, und die Stärkung der ländlichen Räume.

Allein, die große Koalition zieht aus diesen Beschreibungen keine Schlüsse sondern feiert sich für den bunten Bericht. Die Politik der warmen Worte löst aber nicht die Probleme der Menschen vor Ort, die die Folgen einer fehlgeleiteten Baupolitik der großen Koalition tragen müssen.

Ungleiche Entwicklung

Der Bericht zeigt die Gleichzeitigkeit ungleicher Entwicklungen, und damit das immense Steuerungsdefizit in der deutschen Baupolitik. Wir haben in Deutschland eben nicht nur Probleme in den wachsenden Großstädten und Ballungszentren, sondern auch in den schrumpfenden Regionen. Während die eine Gemeinde aus allen Nähten platzt, lohnt sich andernorts kaum das Betreiben öffentlicher Verkehrsmittel.

Wohnraummangel in wachsenden Regionen, Leerstände in schrumpfenden Regionen

Täglich wird über Wohnraummangel in vielen Städten und Ballungszentren, zu geringe Wohnungsbauzahlen und massiv steigende Mieten berichtet. Dem Bericht zufolge bauen wir in Deutschland allerdings in Summe genug - aber an den falschen Stellen. Drei Viertel aller schrumpfenden Gemeinden, aus denen also mehr Menschen wegziehen als neu dazu kommen, planen aktuell neue Einfamilienhausgebiete.

Die Folge wird im Bericht mit Donut-Effekt beschrieben: Der Donut-Effekt lässt Ortskerne sterben, entwertet das dort befindliche Immobilieneigentum, und schwächt die Nahversorgung der Menschen, die an diesen Orten leben. Infrastruktur wird mit größerer Siedlungsfläche immer teurer und erzeugt Kosten, die auf den Schultern jener wie Blei lasten, die in Abwanderungsregionen wohnen bleiben. Bis 2030 wird laut Bundesamt für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bei einem „weiter so“ der Wohnungsüberhang auf 3,3 bis 4,6 Millionen Wohnungen steigen, vor allem in Regionen mit Abwanderung.

Große Koalition verschläft Zukunftsaufgaben

Statt die drängenden Zukunftsaufgaben beim Wohnen und der Stadtentwicklung anzugehen und Bauen in den Ballungszentren voran zu treiben und im strukturschwachen Raum die Entwicklung der Dorfkerne und Ortszentren zu stärken, erleichterte die große Koalition erst im März 2017 die Entleerung der Ortskerne in strukturschwachen Räumen deutlich, durch die Aufgabe von Naturschutz- und Beteiligungsanforderungen an neue Einfamilienhausgebiete außerhalb der Dörfer und Ortsgebiete – und zwar mit dem neuen Paragrafen 13b im Baugesetzbuch.

Statt die drängenden Zukunftsaufgaben beim nachhaltigen Bauen anzugehen und den Holzbau und das Bauen mit nachwachsenden Rohstoffen zu stärken und damit auch etwas für klimafreundliches, schnelles Bauen in den wachsenden Ballungszentren mit ihren immensen Neubaubedarfen zu tun sowie die regionale Wirtschaft zu beleben, verschläft die Bundesregierung diese Innovationen vollständig und tut nichts um ihnen den Durchbruch zu erleichtern. Dabei könnten gerade ländliche Regionen mit innovativen Holzbau-Betrieben und nachhaltiger Holzwirtschaft profitieren.

Lebenswerte Regionen statt öde Orte

Statt die drängenden Zukunftsaufgaben bei der ländlichen Entwicklung anzugehen und Ortskerne, Nahversorgung und Infrastruktur zu stärken und ihrer eigenen Prämisse „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ nachzukommen, schwächt die Bundesregierung all diese Daseinsvorsorgebereiche und lässt Zersiedelung zu. Baukultur heißt für diese Bundesregierung also nicht lebendige Ortskerne, sondern Zersiedelung und Flächenfraß. Da hilft auch kein schöner Bericht, diese Leerstelle zu übertünchen.

Mit unserem Beschluss zu Lebenswerten Regionen haben wir Vorschläge vorgelegt, um strukturschwache Regionen zu stärken. Dazu gehört neben der Stärkung von Ortskernen, mehr öffentlichem Verkehr, guten Kitas und Betreuungsangeboten auch der Breitbandausbau. Kurz, es gilt der Aufgabe der Baukultur im ländlichen Raum nachzukommen, statt nur darüber zu reden, und die Daseinsvorsorge zu sichern.

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