FachgesprächWohnen und Integration im Quartier

Katrin Göring-Eckardt, Britta Haßelmann und Chris Kühn beim Fachgespräch.

Seite 2: Willkommensarchitektur

Cord Soehlke, Baubürgermeister der Stadt Tübingen, stellte die Anschlussunterbringung von Flüchtlingen in Tübingen vor. Bei einer Tradition der Innenentwicklung seien nur noch wenige Flächen in der stark wachsenden Stadt verfügbar. Zunächst aktiviert die Stadt Tübingen daher Bestandsgebäude mit Hilfe einer Zweckentfremdungsverordnung.

Drei mögliche Strategien wurden zudem geprüft, um 2000 Flüchtlinge bis 2018 in der Stadt unterzubringen. Erstens, frei werdende Sozialwohnungen mit Flüchtlingen belegen. Das würde zu sozialer Spaltung führen und wurde daher abgelehnt. Zweitens, ausschließlich große separate Unterkünfte bauen. Das könne wegen der erheblichen städtebaulichen, wirtschaftlichen und integrationspolitischen Nachteilen aber nur im Notfall eine Lösung sein. Drittens, die Integration mit kleinteiligen, über die ganze Stadt verteilten Neubauten im Quartier. Diese Strategie verfolge Tübingen, in Zusammenarbeit mit verschiedenen Trägern, der kommunalen Wohnungsgesellschaft, mit Bauträgern, Baugemeinschaften und Genossenschaften. Per Konzeptvergabe werden die Flächen nach Qualitätskriterien vergeben: realistisch, zügig, wirtschaftlich, Nachnutzung, Integration und Mehrwert für die Nachbarschaft. Für die 20 Standorte werden aktuell die Bebauungspläne erstellt.

Antje Markfort vom Deutschen Caritasverband plädierte auf Basis der guten Erfahrungen im Projekt „Kirche findet Stadt“ für mehr Gemeinwesenarbeit im Sozialraum. Willkommenskultur und Anerkennung begönnen bei Begegnung mit den Menschen. Sie sollte man in der neuen Vielfalt annehmen und mit ihren Stärken einbinden. In den Fördergebieten der Sozialen Stadt bestehe bereits Konkurrenz um Teilhabe und Wohnraum und damit ein hohes Konfliktpotenzial. Die Chancen stünden besser bei kleinen dezentralen Unterkünften, entsprechender Infrastruktur und Netzwerken. Geeignete Maßnahmen seien, ergänzend zum hervorragenden ehrenamtlichen Engagement, eine verpflichtende integrierte Stadtentwicklungsplanung, das Quartiersmanagement, die Unterstützung von Netzwerken und der Bildung mit dauerhaften Fördermitteln, und zwar auch für nicht-bauliche Maßnahmen.

Martin Müller von der Bundesarchitektenkammer berichtete aus der Projektgruppe „Bezahlbarer Wohnraum für alle“. Für den sozialen Frieden brauche man integrierten Städtebau in ortseingebundenen Lagen mit guter Infrastruktur und funktionierenden Nachbarschaften. Die soziale Durchmischung müsse auch baulich gefördert werden. Eine Änderung der Baunutzungsverordnung hin zum „Urbanes Mischquartier“ oder „Baugebiet der Innenentwicklung“ könnte dabei helfen. Höhere Dichte sei aber nicht gleichbedeutend mit Hochhäusern. Diese müssten die Ausnahme bleiben. Martin Müller betonte auch die wachsende Bedeutung halböffentlicher und öffentlicher Räume. Hier brauche es gute und finanzierbare planerische Lösungen für die Freiflächen. Die Stellplatzverordnungen etwa forderten noch immer zu viele teure Tiefgaragen. Müller nannte Beispiele für günstige Baukosten, etwa bei der Allbau Essen mit 1350 Euro brutto, und für flexible Grundrisse, etwa in der Kopernikusstraße in Hannover, wo aus vier großen Wohnungen später sechs kleinere werden können.

In der Debatte sprachen sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer für bezahlbares Wohnen aus. Die Gefahr von Mietsteigerungen und Verdrängung bei Nachverdichtung wurde ebenso angesprochen wie positive Beispiele gemeinnütziger und kommunaler Wohnungsunternehmen. Das Bauen sei als sozialer Prozess zu verstehen, in den man Flüchtlinge einbinden solle. Wohnen und Gemeinwesenarbeit, Kirchen und Bauleute sollten enger zusammen arbeiten als heute. Besser als Nachverdichtung auf der Schmetterlingswiese sei zum Beispiel der Verzicht auf einige Parkplätze.

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