InklusionInklusive Gesellschaft gestalten

Schüler einer bayerischen Inklusionsschule helfen sich gegenseitig bei Rechenaufgaben.

Seite 2: Diskussionsrunde 1: Gemeinsam lernen!

Anne Gersdorff verbrachte ihre ersten Schuljahre in einer Förderschule. Nicht weil sie oder ihre Eltern das wollten, sondern weil die Schulleiterin einer Berliner Grundschule Anfang der 90er Jahre keine Rampe an das Schulgebäude bauen lassen wollte. Jeder Weg zur Förderschule dauerte eine Stunde und verstärkte das Gefühl, in zwei Welten zu leben. Ab der siebten Klasse konnte sie endlich eine Regelschule in Brandenburg besuchen. Aber auch das war nicht „vorgesehen“, sondern nur möglich, weil sich ihre Eltern sehr dafür eingesetzt haben. Mittlerweile berät Anne Gersdorff als studierte Sozialarbeiterin andere Schüler*innen.

Vor dem Hintergrund solcher und ähnlicher Erfahrungen diskutierte Özcan Mutlu, Sprecher für Bildungspolitik mit Anne Gersdorff, Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen, und Dieter Katzenbach, Professor am Institut für Sonderpädagogik der Universität Frankfurt am Main. Die Gesprächsrunde war sich sehr schnell einig: die Veränderung hin zu einem inklusiven System ist in Deutschland auch deswegen so schwierig, weil Schulen allgemein stark auf Ausschluss und das Sortieren von Schüler*innen ausgerichtet sind. Schulen können erst dann inklusiv sein, wenn wir, egal in welcher Schulform, eine „Kultur des Behaltens“ leben, so Löhrmann.

Die Diskussion zeigte, dass es sehr auf die Haltung und die Unterstützung in einer Schule ankommt.. Damit der Umbau gelingt, müssen Lehrer*innen, Sonderpädagog*innen und zahlreiche andere Berufsgruppen im Team arbeiten und Netzwerke zwischen Schulen und anderen Bildungsorten gebildet werden. Schulen, die inklusiv unterrichten und auf die individuelle Förderung eingestellt sind, sind nach kurzer Zeit, auch bei Eltern mit nichtbehinderten Kindern sehr beliebt.

Mit Blick auf die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention dürften Förderschulen nicht die Regel, sie müssen in jedem Fall die Ausnahme sein, erläuterte abschließend Professor Katzenbach. Es sei zwar historisch verständlich, aber unvereinbar mit der Konvention, dass gegenwärtig der Ausbau inklusiver Bildungsstrukturen unter Kostenvorbehalt stehe, während das Förderschulsystem unhinterfragt weiter finanziert werde.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat bereits 2011 einen Beschluss zur inklusiven Schulbildung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen gefasst, den die Länder seitdem mit unterschiedlichem Ehrgeiz umsetzen. Um endlich auch den Lehrer*innennachwuchs auf die Inklusion vorzubereiten, will die KMK noch 2014 den Beschluss fassen, dass alle Lehramts-Studiengänge Grundkenntnisse über inklusiven Unterricht vermitteln.

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