InklusionInklusive Gesellschaft gestalten

Schüler einer bayerischen Inklusionsschule helfen sich gegenseitig bei Rechenaufgaben.

Seite 4: Diskussionsrunde 3: Gemeinsam leben!

Weil Jenny Bießmann zusammen mit einem Freund, der ebenfalls einen Rollstuhl nutzt, in einer WG leben wollte, mussten sie gemeinsam gegen den Sozialhilfeträger in Hamburg klagen. Der wollte nur die Kosten für Wohnheimplätze übernehmen. Mit einem kompetenten Rechtsanwalt, Durchhaltevermögen und eigener Recherche gewannen sie den Rechtsstreit. Heute berät Frau Bießmann andere Menschen mit Behinderungen, wenn solche oder ähnliche Probleme auftreten. Das ist leider öfter der Fall, denn wer Unterstützungsbedarf hat und diese in einer eigenen Wohnung bekommen möchte, hat es mit komplizierten Anträgen und Verhandlungen mit dem Sozialamt zu tun.

Wie kann sich das ändern? Warum ist der Weg in eine stationäre Einrichtung immer noch häufig der leichtere? Über diese Fragen sprach Markus Kurth, Sprecher für Rentenpolitik, in der dritten Gesprächsrunde der Tagung mit Frau Bießmann und Johannes Schädler, Professor und Geschäftsführer des Zentrums für Planung und Evaluation Sozialer Dienste an der Universität Siegen. Die Probleme waren schnell identifiziert: Zu wenig barrierefreier und bezahlbarer Wohnraum und zu wenig politische Steuerung vor Ort. Gegenwärtig haben die Anbieter von Unterstützungsleistungen noch zu viel, Menschen mit Behinderungen selbst zu wenig Kontrolle über die Unterstützung, die sie leisten bzw. erhalten. Darüber hinaus führen finanzpolitische Fehlanreize für Kostenträger immer wieder dazu, dass Menschen in Wohnheime gedrängt werden. Für die Finanzierung der Unterstützung in der eigenen Wohnung ist oft eine andere Behörde zuständig als für die Finanzierung von Wohnheimkosten. Erste Anlaufstelle ´sind im Regelfall aber die für die Finanzierung der Unterstützung zu Hause zuständigen Sozialämter.

Professor Schädler berichtete von zahlreichen positiven Ansätzen. Nicht nur in größeren Städten, auch in ländlichen Räumen gebe es immer wieder überraschende Arrangements, die ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Insbesondere dort, wo stationäre Angebote etabliert und für Kostenträger attraktiv sind, entstehe ein gutes Angebot an ambulanten Diensten allerdings nicht von selbst. Wichtig sei in jedem Fall, dass es vor Ort eine Auseinandersetzung darüber gebe, wie die bestehenden Strukturen weiter entwickelt werden können.

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