InklusionUnterstützung auf dem selbst gewählten Lebensweg

Hör- und sprachgeschädigter Auszubildender im Berufsbildungswerk Leipzig zusammen mit einem speziell geschulten Ausbilder an einer CNC-Maschine.
Auszubildender im Berufsbildungswerk Leipzig zusammen mit einem speziell geschulten Ausbilder an einer CNC-Maschine.

Inklusion ist in aller Munde. Nahezu jeder ist dafür, dass Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam in einer Umgebung leben, lernen und arbeiten sollen, in der alle die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Was bedeutet das aber in der Praxis? Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen stellt einige Antworten auf diese Frage in ihrem Antrag Schluss mit Sonderwelten – die inklusive Gesellschaft gemeinsam gestalten zur Diskussion.

Viele behinderte Menschen benötigen Unterstützung im Alltag, beim Lernen oder Arbeiten. Wir wollen, dass die Fachkräfte zu den Menschen mit Behinderungen kommen, um sie auf dem selbst gewählten Lebensweg zu unterstützen. Daher wollen wir, dass bisherige Lehrer der Förderschulen in den Regelschulbetrieb wechseln und dort die Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam mit den „Regelschullehrern“, Inklusionshelfern und anderen unterstützen. Die hoch qualifizierten, kompetenten und engagierten Fachkräfte der Berufsbildungswerke (BBW) sollen die Auszubildenden in den Betrieben, Berufsschulen, über- und außerbetrieblichen Ausbildungsstätten unterstützen, in denen auch Menschen ohne Behinderungen ausgebildet werden. Gleiches gilt für die Fachkräfte in den Werkstätten, die darüber hinaus wesentlich stärker als bisher behinderte Menschen in anderen Bereichen des Arbeitslebens begleiten sollen. Schließlich möchten wir auch für Menschen, die viel Unterstützung benötigen, das Wohnen in der eigenen Wohnung oder einer Wohngemeinschaft zum Normalfall machen.

Auch Menschen mit Behinderung sollen leben dürfen, wo sie wollen

Heute ist das noch zu oft anders: Die Schullaufbahn richtet sich meist nach den Schulzweigen, die die Förderschulen der Umgebung anbieten. Nur wer in der Nähe einer der wenigen Förderschulen mit entsprechenden Schulzweigen wohnt oder bereits mit zehn oder zwölf Jahren reif für ein Leben im Internat ist, hat die Chance, im Förderschulsystem ohne Umweg einen mittleren oder höheren Schulabschluss zu machen. Das ist eine der Ursachen dafür, dass laut Bildungsbericht 2014 nur etwa 10 Prozent der Förderschüler, die einen Schulabschluss erreichen, die Schule mit irgendeiner Form von Mittlerer Reife oder Hochschulreife verlassen. Die Berufswahl nach der Schulzeit hängt vielfach auch vom Angebot der BBW in der Umgebung und der Bereitschaft ab, für seinen Traumberuf weit weg zu ziehen. Denn auch ein noch so breit aufgestelltes BBW kann nicht für alle Berufe des Dualen Systems ausbilden. Werkstätten für behinderte Menschen stellen sich zwar als hoch effizient arbeitende Produktionsbetriebe dar, erfüllen jedoch ihre eigentliche Aufgabe, ihre Beschäftigten für den allgemeinen Arbeitsmarkt zu qualifizieren, kaum. Und auch über fünf Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention wohnen mehr Menschen, die bei der Bewältigung ihres Alltags Unterstützung brauchen, in Wohnheimen statt in der eigenen Wohnung oder betreuten Wohngemeinschaften. Das gilt besonders bei hohem Unterstützungsbedarf.

Wir fordern daher die Bundesregierung auf, das Bundesteilhabegesetz so zu gestalten, dass jeder Mensch mit Behinderungen dort leben und dort Leistungen erhalten kann, wo er es für richtig hält. Dazu müssen viele Bestimmungen, die bisher stationäre Einrichtungen bevorzugen, geändert oder abgeschafft werden. Damit ist es aber nicht getan. Deshalb fordern wir auch Maßnahmen, die das Bildungssystem, den Arbeitsmarkt und andere Bereiche der Gesellschaft so verändern, dass behinderte Menschen nicht an Barrieren scheitern.

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